Neuanfang in Ostfriesland Nach 30 Jahren in Israel – neue Heimat Moormerland
Als junge Frau konvertierte Martina Leibovitz zum Judentum. Nun ist sie zurück in Deutschland. Sie hat uns erzählt, wie sie über beide Länder denkt.
Warsingsfehn - In einem schmucken Bungalow unweit der Schule hat Martina Leibovitz sich für ein neues Leben eingerichtet. Es ist noch nicht alles fertig, aber sie fühlt sich wohl in Warsingsfehn. Nach über 30 Jahren hat sie 2022 Israel verlassen und sich in Ostfriesland selbstständig gemacht. Dass sie in ihr Heimatland Deutschland zurückgekommen ist, hat keine politischen Gründe – aber dass es zu einem Gewaltausbruch zwischen Israel und Palästinensern kommen würde, habe sie schon länger geahnt, sagt Leibovitz.
Die Israelis hätten sich sehr sicher gefühlt, aber das sei trügerisch gewesen, denkt sie. Der Überfall der Hamas sei vielleicht unerwartet gekommen, aber man habe mit einem Gewaltausbruch rechnen müssen. „Dabei leben in Israel die Völker und Kulturen miteinander“, erzählt sie. Juden, Araber, Muslime, Christen – alle kämen im Land miteinander aus. Aber Feindseligkeiten gebe es dennoch. Sie selbst habe sich manchmal unsicher gefühlt, sagt Leibovitz.
Israel von allen Seiten unter Druck
Sie habe mit ihrem Mann „ein gutes Leben und ein großes Haus“ gehabt. Beide hätten sie schwer gearbeitet. Nach der Trennung habe sie gespürt, dass sie wieder nach Deutschland wolle, wo sie vor mehr als 30 Jahren hergekommen war. Ihre Kinder und ihr Ex-Mann leben nach wie vor in Israel. Dort drohe ihnen keine Gefahr durch die Kriegshandlungen, dennoch mache sie sich Gedanken um die Zukunft ihrer Kinder, gibt sie zu. Das Land stehe unter Druck von allen Seiten.
Den Krieg in Israel hat sie nun von Deutschland aus verfolgt. „Was ich erschreckend finde, ist die Empathielosigkeit“, sagt Martina Leibovitz. Das gelte für Deutsche, aber auch für andere Völker. Sie liest viel in sozialen Netzwerken und gibt dort auch kontra, wenn ihr Äußerungen nicht passen. Dass Eliten an Hochschulen in den USA, aber auch in Deutschland, sich kritiklos an die Seite der Palästinenser und der Terrororganisation Hamas stellen, kann sie nicht verstehen.
Juden fühlen sich in Deutschland nicht sicher
Man könne die Politik der Regierung Netanjahu und das militärische Vorgehen Israels in den besetzten Gebieten kritisieren – aber dass für die Opfer des Anschlags in Israel so wenig Mitgefühl gezeigt wird, das kann Leibovitz nicht fassen. „Was wächst da für eine Generation heran?“, fragt sie. Gleichzeitig spürt sie, wie die Abneigung gegen Juden wächst. „Es ist unangenehm“, beschreibt sie ihr Gefühl. Der Anschlag auf die Synagoge in Oldenburg vor einigen Wochen sei nur ein Beispiel. „Wir können uns hier nicht sicher fühlen“, sagt sie.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei der Holocaust in Deutschland zu wenig aufgearbeitet worden. Man habe die Täter zur Rechenschaft gezogen, aber zu wenig über die Verbrechen gesprochen. „Was wissen Deutsche über Juden? Nichts“, sagt sie. Sie sei selbst katholisch erzogen worden, stammt aus einer alten deutschen Familie. Martina Leibovitz wuchs in Dortmund auf. Durch ein Buch, das sie als Kind geschenkt bekam, erfuhr sie überhaupt erst vom Judentum.
Als Kind eckte sie mit ihren Fragen an
Mit Fragen danach sei sie im Religionsunterricht jedoch angeeckt. Antworten bekam sie nicht. Das hat wohl eine Art Trotzreaktion hervorgerufen, denn als junge Frau wandte sie sich an den Rabbiner in Frankfurt mit dem Wunsch zu konvertieren. „Das ist nicht so einfach“, sagt Leibovitz. Verlangt werde, dass man streng nach den Regeln lebt. In Deutschland kam sie damit nicht weiter, deshalb packte sie ihre Sachen und zog nach Israel in einen Kibbuz.
Nach einem Jahr war es soweit: Sie konvertierte zum Judentum und bekam einen israelischen Pass. Sie blieb im Land: „Die Ausbildung zur Kosmetikerin hatte ich noch in Deutschland abgeschlossen.“ Sie konnte sich selbstständig machen, lernte ihren Mann kennen und gründete eine Familie. Mit ihrer Mentalität aus dem Ruhrgebiet, auf Menschen offen und direkt zuzugehen, sei sie in Israel gut klargekommen: „Damit passte ich dorthin, die Menschen sind da ganz ähnlich.“
„Moormerland – das passt“
Wieso kam Martina Leibovitz dann jetzt nach Moormerland? Sie lacht. Mit ihrer Großmutter sei sie als Kinder mehrmals in Ostfriesland im Urlaub gewesen, und ihre Suche nach einem passenden Haus habe sie in die Region gebracht. Sie hat ein Kosmetikstudio eröffnet und freut sich darauf, mit Menschen arbeiten und sie verwöhnen zu können. „Ostfriesen sind etwas anders“, sagt sie. Anfangs eher reserviert, seien sie dann aber sehr herzlich. Sie sei angekommen, sagt Leibovitz.
Sie bedauert jedoch, dass die nächste jüdische Gemeinde in Oldenburg ist. Dorthin hat sie bereits Kontakt geknüpft, aber auch zu einer christlichen Gemeinde vor Ort. „Ich habe bereits viele Bekannte gefunden“, erzählt sie: „Moormerland, das passt für mich.“