Berlin  Wagenknecht-Partei trifft Wähler: „Die müssen kein Deutsch können, um die Straße sauberzumachen“

Karin Christmann
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Von Karin Christmann
| 05.05.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Fabio de Masi ist EU-Spitzenkandidat des Bündnis Sahra Wagenknecht. Foto: dpa/Fabian Sommer
Fabio de Masi ist EU-Spitzenkandidat des Bündnis Sahra Wagenknecht. Foto: dpa/Fabian Sommer
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Für das BSW zählt’s bei der Europawahl. Unverblümte Worte einer möglichen Wählerin – und scharfe Kritik an Wagenknecht: Unterwegs mit den Spitzenkandidaten ist beides zu erleben.

Ein Erinnerungsfoto mit dem Spitzenkandidaten? Aber gern doch. Für Fabio De Masi, BSW-Spitzenkandidat zur Europawahl, setzt Brigitte Rose aus Duisburg ihr freundlichstes Lächeln auf. Sie ist beim Wahlkampfstand der Wagenknecht-Partei stehen geblieben, hier am Rande des Maifestes in Duisburg. Sie will sich genau informieren, wofür das Bündnis Sahra Wagenknecht steht. Es könnte die richtige Partei für sie sein, glaubt Rose.

Es seien zu viele Menschen im Land, die fürs Nichtstun noch Geld bekommen würden, erklärt sie später dem Tagesspiegel. „Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, kommt ins Land herein.“ Es müsste viel mehr Abschiebungen geben, findet Rose. Wenn es nach ihr ginge, sollten Geflüchtete „einen warmen Popo und eine Bezahlkarte zum Einkaufen“ bekommen. Mehr nicht. Und außerdem: „Die müssen kein Deutsch können, um die Straße sauberzumachen.“ Ansonsten sei ihr wichtig: „Keine Waffen, Frieden schaffen.“

Gut möglich, dass Roses Stimme am 9. Juni ans BSW geht. „Maulkorb oder Meinung? Sie haben jetzt die Wahl“, plakatiert die Partei, für die die Europawahl die erste große Bewährungsprobe wird. Ein Maulkorb, das wäre wohl eher nichts für Rose.

„Ich höre solche Dinge oft, übrigens auch von Menschen, die selbst einst zugewandert sind“, sagt De Masi dazu später. „Mir hat die Dame jedoch auch gesagt, dass wir die Falschen abschieben, die sich anstrengen würden. Zudem hat sie sich über die niedrigen Renten beklagt.“ Er versuche immer zu erklären, dass Migration begrenzt und gesteuert werden müsse, „damit die Kommunen nicht überfordert sind und Integration gelingen kann“.

Die beiden Spitzenkandidaten Fabio De Masi und Thomas Geisel sowie Judith Benda, Kandidatin auf Listenplatz acht, sind in dieser Woche auf Wahlkampftour. Unterwegs von Berlin bis Brüssel, viele Teilstrecken per Fahrrad, dazwischen per Auto. Beim Maifest wollen sie mit Menschen ins Gespräch kommen. Am Mittwoch mit dabei sind Christian Leye, Generalsekretär des BSW und Bundestagsabgeordneter für Duisburg, und Erkan Kocalar, Kandidat auf Listenplatz sieben.

Noch keine fünf Meter ist Thomas Geisel gelaufen, da wird er schon gestoppt, mit großem Hallo. „Das war mein Oberbürgermeister“, sagt Yakup Erdogan begeistert. Von 2014 bis 2020 regierte Geisel in Düsseldorf, damals noch als Sozialdemokrat. Man kennt sich von den Stadtwerken, für die Erdogan arbeitet.

„Ich bin bei der SPD noch zahlendes Mitglied. Aber ich unterstütze Sahra Wagenknecht“, sagt Erdogan. Nicht mehr wählbar sei die SPD, wenn sie so weitermache und Brandts Ostpolitik verrate.

Genau darum geht es für das BSW hier im Ruhrpott, in dem Landstrich Deutschlands, der lange sozialdemokratisches Kernland war. Gilt das noch? Wie stark ist die Bindung an die SPD? Und: Lässt sie sich brechen?

Manche freuen sich, endlich Wagenknecht pur wählen zu können, andere reagieren mit Abscheu. Zum Beispiel Richard Scholl aus Duisburg, dem Geisel einen Flyer geben will. Scholl winkt sofort ab. Wagenknecht habe sich für ihn „völlig disqualifiziert“, erklärt er danach dem Tagesspiegel. Nur noch eine „Persiflage“ sei sie mit ihrer Russlandtreue.

Und auch bei Michael Laux aus Duisburg haben die Wahlkämpfer kein Glück. Unanständig findet Laux es, dass Wagenknecht ihr Bundestagsmandat einfach mitgenommen hat, als sie ihre eigene Partei gründete, und dass deshalb die Linksfraktion aufgelöst werden musste. „Da haben Leute ihren Arbeitsplatz verloren“, sagt Laux. Über Gerechtigkeit will er von Wagenknecht jetzt nichts mehr hören.

„Anscheinend liegt das in der Familie“, sagt Laux und nennt den Namen Oskar Lafontaine. Wagenknechts heutiger Ehemann hat zwar damals, 1999, komplett hingeworfen und auch sein Mandat zurückgegeben. Aber trotzdem.

Anderswo stoßen die BSWler auf offenere Ohren. Zum Beispiel am Stand der IG Metall. In vielem ist man sich einig: Die Schuldenbremse sei Quatsch und es müsse mehr getan werden, um Industriearbeitsplätze zu sichern. „Ich werde für euch das Sprachrohr sein“, sagt Kandidat Kocalar. Ob es dem BSW eine Stimme bringt? Ungewiss. „Natürlich habe ich ein Parteibuch in der Tasche. Ich bin seit 1988 in der SPD“, sagt einer der Gewerkschafter. Sein Nebenmann aber berichtet: Viele Kollegen im Betrieb würden darüber nachdenken, dieses Mal Wagenknecht zu wählen.

Am Donnerstag geht die Wahlkampftour weiter. Am Morgen ist ein Gespräch in einem Industriebetrieb nahe Aachen angesetzt, das Thema: „Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen und Wirtschaftspolitik“. Doch die Presse wird kurzfristig wieder ausgeladen, auf Geheiß des Firmeninhabers. Der hat kein Problem mit dem BSW, sehr wohl aber mit der verabredeten Berichterstattung. Eine Journalistin will er nun doch nicht auf dem Gelände haben.

Am Donnerstagnachmittag geht es in Aachen weiter, ein Treffen mit der Anti-Atomwaffen-Aktivistin Marion Küpker, kameragerecht in der malerischen Aachener Altstadt. Das BSW-Videoteam dreht für Social Media. Für Abrüstung, gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, man ist sich einig. Dieses Thema bewegt das BSW als Partei vielleicht am meisten.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel.

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