Bippen  Hobby wiederentdeckt: 90-jähriger Pfarrer im Ruhestand schnitzt Skulpturen

Lea Borner
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Von Lea Borner
| 04.05.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pfarrer Welter ist seit 28 Jahren im Ruhestand und widmet seine Zeit Holzskulpturen und Blinddrucken. Foto: André Havergo
Pfarrer Welter ist seit 28 Jahren im Ruhestand und widmet seine Zeit Holzskulpturen und Blinddrucken. Foto: André Havergo
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Ein Rentenalltag zwischen Arzt, Einkauf und TV? Das soll es schon gewesen sein? Von wegen! Unsere Leser erzählen von ihren Abenteuern – als Inspiration für Alt, aber auch Jung. Heute im Porträt: Heinrich Welter. In der Rente hat er sein Kindheitshobby Holzarbeiten wiederentdeckt. Nun schnitzt er, druckt und stellte seine Werke aus. Inspiration findet er im Glauben, Unterstützung in seiner Frau Hanna.

Draußen ist es dunkel, als Heinrich Welter aus dem Schlaf schreckt. Er setzt sich auf, die Idee für eine neue Skulptur ist ihm in den Kopf geschossen. Ein Blick auf die Uhr zeigt dem 90-Jährigen, dass es noch lange nicht Zeit zum Aufstehen ist. Also legt er sich wieder hin, sein geliebtes Holz kann bis zum Morgen warten. Er ist seit 28 Jahren im Ruhestand und kann sich viel Zeit für seine Kunst nehmen.

Schon als Kind hat Heinrich Welter gerne geschnitzt. Er kommt aus einer Schreinerfamilie, ist mit der Arbeit mir Holz aufgewachsen und hat das Holz lieben gelernt. Heute ist er 90 Jahre alt und wohnt in Bippen. Durch einen Hirninfarkt vor 12 Jahren ist er schwerbehindert und kann sich nur noch mit wackelnden Schritten mithilfe eines Gehstocks oder Rollators bewegen. Für Stunden sitzt er in seiner Werkstatt und tüftelt an seinen Ideen.

„Ich experimentiere gerne mit den verschiedenen Holzsorten. Nur wer Erfahrungen sammelt, lernt dazu“, sagt er. So entstehen große und kleine Holzskulpturen, Holzreliefs und Blinddrucke. Welter hat eine besondere Beziehung zum Holz, betont er: „Ich muss mich immer erst in das Holz einfühlen und schaue und erfühle, wie ich es bilden kann.“

Doch wie kam der Pfarrer im Ruhestand zur Kunst? „Das ist schon lange her, ich hatte irgendwo etwas über Skulpturkunst gelesen. Ich war damals 70 und dachte, dass ich das mal probieren könnte“, erzählt Welter. Er fand einen Steinbildhauerkurs an der Volkshochschule mit dem Künstler Jo Klose und meldete sich kurzerhand an. Dort wurde sein Kunstfieber geweckt. Kurz darauf lernte Welter auch die Holzbildhauerei und nahm an Seminaren zur Kolorierung, dem Einfärben von Gedrucktem, teil.

Seine Holzskulpturen und -reliefs lässt der Künstler gerne grob, er mag es markant. Deshalb sind Spuren von Holzwürmern, der Kettensäge oder Löcher von Moorraupen Teil seiner Werke:

Seine Kunstwerke nimmt der Pfarrer im Ruhestand gerne auch als Unterstützung, wenn er gelegentlich noch eine Predigt hält. „Besonders für die Jungen und Alten muss man die Dinge handgreiflich machen“, findet der Bippener. Er hat zum Beispiel eines seiner Osterkreuze aus Holz, mit einem markanten roten Stein in der Mitte, zur Predigt mitgenommen. Kreuze sind oft Teil seiner Kunst. „Für mich hat jedes Werk eine Verbindung zu meinem Glauben, aber nicht auf eine einengende Art“, sagt er.

Für seine Blinddrucke, die Einprägung von Mustern, zeichnet Welter kleine Entwürfe, vergrößert sie und arbeitet das Gezeichnete dann für die Schablone in Holz aus. Gerne nutzt er dafür auch Hirnholz, die Fläche von Holz, auf der die Jahresringe zu sehen sind.

Ideen hat er immer wieder, egal ob beim Spaziergang oder Zahnarztbesuch, seinen kleinen Zeichenblock trägt er stets bei sich. „Ich zeichne meine Gedanken auf. Manchmal lege ich die Zeichnung dann lange zu Seite, weil das gewisse Etwas fehlt. Später entdecke ich sie wieder und sehe: Hier muss ich etwas ändern und dann ist sie gut“, sagt der Rentner. Inspiriert wird er durch alltägliche Situationen, aber auch durch andere Kunstformen. Auf dem Foto einer Tanzperformance haben ihn die verschlungenen Körper der Tänzer auf die Idee für seiner Skulptur-Reihe „Verknotung“ gebracht.

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Mit seiner Vorlage macht er meistens 40 bis 60 Drucke auf sogenanntes Büttenpapier, das mit einem Sieb geschöpftes wurde. Das angefeuchtete Papier legt der 90-Jährige in eine selbstkonstruierte Presse. Seine fertigen Blinddrucke koloriert der Rentner unterschiedlich und versendet sie zum Beispiel als Geschenkkarten, hängt sie auf oder stellt sie aus.

Er ist stolz auf seine großen Skulpturen, die unter anderem in Lengerich und Fürstenau stehen. Ausgestellt werden Welters Werke auch immer wieder, mittlerweile helfen Nachbarn oder Verwandte dabei, die Skulpturen und Drucke zum Ausstellungsort zu bringen. Apropos Hilfe: „Ich bin sehr dankbar für meine Frau Hanna, die mich immer unterstützt hat und mir jetzt noch beim Drucken hilft. Das ist alles Handarbeit, das würde ich alleine gar nicht mehr schaffen“, sagt Heinrich Welter. Auch im Alter lernt man nie aus, das weiß der 90-Jährige und will sich nun zum ersten Mal an Ölfarben und Papiercollagen probieren.

Zum Älterwerden passt ein Gedicht, das Welter zu einer Holzschnecke geschrieben hat. In dem Gedicht geht es um den langsamen Aufbruch und um das Entdecken von Neuem. Er rät: „Auch im neuen Lebensabschnitt Ruhestand kann man noch viel lernen und entdecken. Man sollte sich durch das Alter nicht entmutigen lassen, sondern immer neu nach dem zu suchen, was das Leben erfüllt.“

Abends, nach getaner Arbeit in der Werkstatt, sitzt Welter mit seiner Frau im Wohnzimmer. Während sie strickt, liest er ihr vor. Gerade ist eine Romanbiografie über Käthe Kollwitz dran. Beim Einschlafen schweben seine Gedanken um eine Idee für einen neuen Blinddruck. Eins steht für ihn fest: Die Ideen gehen ihm noch lange nicht aus.

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