Hamburg Tilo Jung hat Maximilian Krah sechs Stunden interviewt – 4 Dinge, die mir aufgefallen sind
Ganze sechs Stunden hat Youtuber Tilo Jung den umstrittenen AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl Maximilian Krah interviewt. Vier Dinge, die mir beim Zuschauen aufgefallen sind.
Bei den vielen Vorwürfen gegen Maximilian Krah kommt man derzeit kaum noch mit: Einer seiner Mitarbeiter wurde wegen des Verdachts der Spionage für China festgenommen, gegen Krah selbst wird wegen möglicher Bestechungsgelder für Propagandaarbeit aus Russland und China ermittelt.
Der Youtuber Tilo Jung nahm sich Zeit, den AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl zu interviewen – ganze sechs Stunden lang. Dort hatte Krah Platz, in aller Ausführlichkeit wortwörtlich über Gott und die Welt zu erzählen: seinen Glauben, seine Biografie, die CDU, seine politischen Ansichten – und sein zweifelhaftes Weltbild. Vier Punkte, die mir aufgefallen sind.
Normalerweise enden Talkshows mit AfD-Politikern nicht selten in einem Durcheinander. Doch mit Krah kann man offenbar ein Gespräch führen. Ob man seine Begeisterung für den christlichen Glauben nun teilen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Aber als er seine Biografie erzählte, bekam der Politiker hinter dem Skandal-Image ein persönliches Gesicht – und wirkte so über weite Strecken fast sympathisch. Zumindest, wenn man nicht allzu streng zuhörte. So will der Unternehmensanwalt Verständnis für die „einfachen Leute“ haben, weil er als Kind in den 1980er-Jahren in der DDR seine Mutter bei der Arbeit als Sonderschullehrerin begleitete.
Krah sendete die Botschaft: Ich bin intellektuell. Seine Einlassungen zu philosophischen Themen waren inhaltlich zwar eher oberflächlich, wirkten aber bewandert. Sein Studium an einer US-Eliteuniversität ließ er auch in den folgenden Stunden gelegentlich einfließen, wenn es ihm Autorität verschaffte.
Nach gut eineinhalb Stunden leitete Jung dann mit den Worten „Wollen wir dann mal loslegen?“ zu den politischen Positionen über. Doch als es politisch wird, fällt Krah aus der Rolle. Man habe sich doch auf einen höflichen Umgang geeinigt, ermahnte Jung seinen Gast wie einen Schuljungen, als der über Annalena Baerbock oder Luisa Neubauer herzog und sich dabei im Ton vergriff. Und der? Entschuldigte sich!
So ergab sich – trotz der inhaltlichen Differenzen zwischen dem eher für linke Positionen bekannten Jung und dem AfD-Spitzenkandidaten – ein sachliches Gespräch. Beide mögen sich nicht, das war offenkundig. Aber sie redeten miteinander. Egal, was man vom Interview halten mag: Tilo Jung hat gezeigt, dass man sehr wohl mit Rechten ein Gespräch führen kann.
Aber: Immer, wenn er in Bedrängnis geriet, warf Krah mit unbelegten Behauptungen um sich (Die EU koste Deutschland mehr, als sie der Wirtschaft bringe), wischte die Argumente unzählbarer Studien zum Klimawandel arglos beiseite („Die gibt‘s nicht!“) oder verharmloste Aussagen aus seinem eigenen Buch „Politik von rechts – ein Manifest“, das mittlerweile nicht mehr verkauft werden darf. Das bringt uns zu Punkt drei.
Tilo Jung hat alles gegeben. Sichtlich gut vorbereitet, mit allerlei Büchern und Unterlagen saß er dem AfD-Mann gegenüber, hatte sich Passagen in Krahs Buch markiert und konfrontierte den AfD-Mann mit dessen teilweise grenzwertigen Aussagen.
So entlockte Jung seinem Interview-Gast beispielsweise, welches Europa sich der gelernte Betriebswirt nach der von der AfD propagierten Zerschlagung der EU-Institutionen eigentlich genau vorstellt. Beim Zuhören merkte man: Das hört sich eher nach kleineren Reformen an, als nach großer Revolution. Die AfD will laut ihrem Wahlprogramm beispielsweise das Europaparlament abschaffen, doch Krah ist da zurückhaltender und erteilt einer Abschaffung erstmal eine klare Absage.
Gelegentlich gelang es Jung sogar, den EU-Spitzenkandidaten der AfD in Widersprüche zu verwickeln. Dem im AfD-Programm formulierten Versprechen, das EU-Parlament abzuschaffen, erteilte Krah nonchalant eine Absage – und erklärte, dass er die üppigen Bezüge und Pensionen, die er sonst so gerne kritisiert, brauche, „um die Miete zu zahlen“.
Insgesamt aber düpierte Krah seinen Interviewer – mal indem er besser Bescheid wusste, mal indem er einfach lauter pöbelte, mal indem er schier endlos referierte. „Der Jung ist ja normal recht offensiv“, beschrieb ein Zuschauer in den Kommentaren treffend den Interview-Stil des Youtubers. „Aber hier hat man das Gefühl, dass er noch mindestens eine Woche über den Krah nachdenken muss.“ Über weite Teile des Interviews musste man sich deshalb fragen, wer hier eigentlich in wessen Show zu Gast war. Denn nicht die Europapolitik, sondern Krahs Agenda dominierte das Gespräch.
Obwohl Krahs Gassenhauer größtenteils vorhersehbar waren, wusste Jung oft scheinbar nicht genau, was er erwidern sollte. Es gelang ihm jedenfalls nicht immer, Krahs Behauptungen einzufangen. Wollte er sich ein rhetorisches Duell mit Krah liefern, oder ein Interview führen? Der Youtuber wollte Krah offensichtlich zuhören, aber auch inhaltlich „zerlegen“.
Doch am Ende bot er einem Rechtspopulisten eine große Bühne – und war nicht immer in der Lage, das Schauspiel richtig auszuleuchten. So konnte Krah vor – Stand heute – fast eine Million Zuschauern von einer „Volksgruppe der Deutschen“ daherreden. Die bestehe aus den „ethnischen Deutschen“ – im Unterschied zu den deutschen Staatsbürgern.
Wer genau ist ein ethnischer Deutscher?, fragte Jung und lieferte Krah damit eine Steilvorlage: „Jemand, der die deutsche Sprache spricht, der seinen Kindern deutsche Märchen vorliest und Weihnachten feiert, und nicht Zuckerfest.“ Eine gescheite Antwort auf diese antimuslimische Aussage hatte Jung nicht parat – sondern erkundigte sich bei Krah, warum er diesen Begriff lieber nutze. Dann spekulierten beide darüber, ob Tiroler, Schweizer oder Deutschpolen zur „Volksgruppe der Deutschen“ gehören.
Für Jung war das Spektakel unwürdig, für Krah aber ein großer Punktsieg im Versuch, den Diskurs nach rechts zu verschieben. Was wird den Zuschauern vom Interview hängen bleiben? Für mich ist es Folgendes: Man kann in Deutschland offenbar wieder vor einem Millionenpublikum „richtige“ Deutsche von den „Anderen“ scheiden. Jedenfalls bei Tilo Jung.