19 Jahre nach Stammzellenspende US-Amerikaner trifft seinen Lebensretter in Thüle
Ludger Kleymann aus Thüle hat vor 19 Jahren Stammzellen gespendet. Damit hat er das Leben von Matthew Lowney aus den USA gerettet. Jetzt haben sich die beiden das erste Mal getroffen.
Thüle - Matthew Lowney war ein junger und aktiver Mann, der mitten im Leben stand. Er wollte Jurist werden und unbeschwert die Welt erobern, als er im Dezember 2004 die Schockdiagnose erhielt, die jäh alle Träume zerstörte: Lymphdrüsenkrebs. Zwei Tage vor Weihnachten unterzog sich der damals 24-jährige US-Amerikaner der ersten Chemotherapie, weitere Behandlungen folgten. Der Krebs zeigte sich allerdings hoch aggressiv und sein Onkologe wusste im Laufe der Zeit, dass ihn nur noch eine Stammzellenspende retten kann.
Doch gibt es diesen genetischen Zwilling, der über die entscheidenden Gewebemerkmale verfügt? Rund 9000 Kilometer entfernt gab es ihn und Ludger Kleymann aus Thüle stimmte sofort zu, als er ein Jahr nach seiner Typisierung den Anruf der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) erhielt. „Darüber habe ich nicht mal eine Sekunde nachgedacht“, sagt der 55-Jährige, der Matthew nach 19 Jahren nun zum ersten Mal persönlich traf und in die Arme schließen konnte. Gemeinsam mit seiner Frau Cori hatte sich der heute 43-Jährige von Portland aus gesund und munter auf eine Europatour begeben, bei der der Aufenthalt in Deutschland der wichtigste und erwartungsgemäß emotionalste war.
Der 24. August 2005 veränderte das Leben von Matthew Lowney
„Es ist schwer, in Worte zu fassen, wie viel die Kleymanns mir und meiner Familie bedeuten. Ludger hat mir mein Leben gerettet und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein“, beschreibt Matthew seine Empfindungen und hebt die „herzerwärmende“ Gastfreundschaft hervor, die er und Cori im Haus der vierköpfigen Familie erlebten. „Es war sofort eine Verbindung da und wir haben zusammen eine wunderbare Zeit verbracht“, berichtet Ulrike Kleymann, die unter den interessierten Augen von Hobbykoch Matthew typisch deutsche Gerichte zauberte und die beiden Männer nicht nur beim Essen beobachtete. „Beide mögen Kaffee, Bier und Fleisch und haben auch in Gestik und Mimik manchmal die identischen Verhaltensweisen“, verrät sie schmunzelnd. „Das mag an derselben DNA liegen“, kommentiert ihr Ehemann augenzwinkernd, der die Entnahme am 2. August 2005 im Hamelner Klinikum vornehmen ließ und aus rechtlichen Gründen zunächst nur erfuhr, dass es sich bei dem Empfänger um einen jungen US-Bürger handelt. Und der war zu diesem Zeitpunkt fast am Ende seiner Kräfte.
Der 24. August „veränderte schließlich mein Leben“, erinnert sich heutige Softwarespezialist an den Tag der Transplantation. Ein Jahr später suchte er dann über die DKMS schriftlich Kontakt, der seitdem nie abriss und „jetzt endlich“ mit einem Treffen gekrönt wurde.
Ausflüge in den benachbarten Tier- und Freizeitpark, an die Talsperre, den Golfplatz oder nach Bad Zwischenahn standen auf dem Programm und „beim Skip-Bo-Spielen hatten wir noch nie so viel Spaß“, freut sich das Thüler Ehepaar mit seinen Kindern über neue Freunde, die wiederkommen möchten und die auch sie besuchen wollen. „Tschüss, Mama“, verabschiedete Matthew die Mutter seines Lebensretters lachend, als sie sich nach einer Stippvisite wieder auf den Weg machen wollte. Paula Kleymann hörte es gerne und zeigt sich ebenfalls rundum glücklich über das vertrauensvolle Miteinander.
Aufeinandertreffen nach 19 Jahren „fühlt sich wie Familie an“
Ihr Sohn rät jedem, sich typisieren zu lassen und sich als Spender zur Verfügung zu stellen. „Wenig Aufwand und ein richtig gutes Gefühl“, unterstreicht der gelernte Maler.
Der Abschied hätte tränenreicher kaum ausfallen können und beiden Seiten fiel es „unendlich schwer“, sich zu trennen. Doch mit dem festen Versprechen, sich bald wiederzusehen, machten sich Matthew und Cori schließlich auf nach Paris und London.
Trotz aller zum Teil „grauenvollen“ Herausforderungen, die seine Krankheit mit sich gebracht habe: „Um nichts in der Welt würde ich etwas ändern wollen. Ich bin ein besserer Mensch geworden, nehme definitiv nichts mehr auf die leichte Schulter und weiß meine Normalität zu würdigen“, resümiert der weit gereiste Gast, der sich sozial einsetzt und Projekte rund um den Kampf gegen den Krebs unterstützt. „The Kleymanns“ zu treffen habe zwar lange gedauert, „aber das Warten hat sich mehr als gelohnt und es fühlt sich wie Familie an“.