Berlin  Große Koalition mit Pistorius? Söders drei rhetorische Tricks

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 27.04.2024 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern und Parteivorsitzender, hat Boris Pistorius im „Welt“-Interview ein vergiftetes Lob gestiftet. Foto: dpa
Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern und Parteivorsitzender, hat Boris Pistorius im „Welt“-Interview ein vergiftetes Lob gestiftet. Foto: dpa
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In einem Interview mit der Welt skizziert CSU-Chef Markus Söder eine große Koalition – mit Boris Pistorius als Juniorpartner. Olaf Scholz soll zur Nebenfigur werden. Wir haben uns seine Aussagen mal genauer angeschaut. Diese drei Gründe machen den Vorstoß so bemerkenswert.

Popcorn raus, der Söder gibt ein Interview! Wenn der Bayer zum Volk spricht, wird es unterhaltsam. Und über politische Kommunikation kann man auch was lernen. So auch bei dem Interview, das der CSU-Chef der „Welt“ gegeben hat. Fünf kleine Sätze reichen ihm, schon hat er die nächste große Koalition entworfen und nebenbei Olaf Scholz als tonangebenden SPD-Mann durch Verteidigungsminister Boris Pistorius ersetzt.

SPD und AfD eröffnen den Europa-Wahlkampf. Die FDP holt ihre Spitzenkandidatin auf den Bundesparteitag. In den Scheinwerferkegel aber tritt trotzdem erstmal Bayerns Ministerpräsident. Während die Konkurrenz sich mit sperrigen EU-Themen abmüht, ist Söder schon wieder bei der nächsten Bundestagswahl. Gelernt ist gelernt: Wer ein vollbesetztes Bierzelt übertönen kann, der lenkt auch beim Wahlkampfauftakt der anderen die Aufmerksamkeit kalt lächelnd auf sich.

Um sich als besonnener Staatsmann zu inszenieren, geht Söder natürlich zur „Welt“. Die aufgeregtesten Formulierungen stammen hier schließlich von den Reportern selbst. Die können sich beispielsweise nur noch „schwer vorstellen“, ob und wie es mit der Ampel weitergeht. Söder dagegen sagt gönnerhaft ein Durchwurschteln bis zum Ende voraus. Beim „missionarischem Ernst und Eifer“ der Klimabewegung denken die Journalisten sogar an den Kommunismus. Wenn Söder selbst später nur von „grüner Planwirtschaft“ spricht, klingt das dann fast schon moderat.

Rhetorisches Zauberstück des Interviews ist dann eine wunderbar paradoxe Volte – und zwar die abwertende Aufwertung, mit der Söder „Pistorius als Juniorpartner“ der kommenden Groko fantasiert. In nur drei Worten erhebt Söder den Verteidigungsminister zum SPD-Kanzlerkandidaten – und wirft die SPD im selben Atemzug aus dem Kanzleramt. Erdrückender kann man den Gegner nicht umarmen. Hut ab vor dieser brillanten Gehässigkeit.

Aber was ist, wenn es nach der Wahl doch nicht ohne die Grünen geht? Die nämlich schreibt Söder im Interview genauso konsequent ab wie die FDP. Egal. Wenn er die Öko-Partei doch noch braucht, spielt Söder einfach seinen letzten Trick aus – und mutiert in einer weiteren seiner unzähligen 180-Grad-Wenden doch wieder zum Bienenretter und Baum-Umarmer. Schaden wird’s ihm nicht. Im Bierzelt ist es schließlich nicht nur laut. Die Leute haben dort auch ein kurzes Gedächtnis.

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