Föhr  Beim Bauernprotest in der ersten Reihe: So schaut dieser Landwirt heute auf die Demos

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 28.04.2024 07:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Landwirt Jann-Hendrik Arfsten von der Nordseeinsel Föhr hat das Protestplakat zur Erinnerung an die Bauerndemo in Berlin auf seinem Hof angebracht. Foto: Dirk Fisser
Landwirt Jann-Hendrik Arfsten von der Nordseeinsel Föhr hat das Protestplakat zur Erinnerung an die Bauerndemo in Berlin auf seinem Hof angebracht. Foto: Dirk Fisser
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Vor etwas mehr als 100 Tagen belagerten die Landwirte Berlin. Der Bauernprotest hielt die Republik in Atem. Was ist geblieben von der Bauern-Wut? Besuch bei Jann-Hendrik Arfsten auf der Insel Föhr, der beim Protest in der ersten Reihe stand.

Den 8. Januar wird Jann-Hendrik Arfsten so schnell nicht vergessen. Wann steht man schon mal in der ersten Reihe, wenn Geschichte geschrieben wird? Zumindest war das die Erwartungshaltung, die viele Landwirte mit dem Tag verbanden, an dem die Bauernproteste über Deutschland hereinbrachen.

Ganz vorne dabei vor dem Brandenburger Tor: Jann-Hendrik Arfsten, genannt Jü, 27 Jahre alt, Gemüse- und Kartoffelbauer auf der Nordseeinsel Föhr und wohl einer der Demonstranten mit der längsten Anreise nach Berlin. „14 Stunden reine Fahrtzeit. Genau 1010 Kilometer hin und zurück mit dem Traktor,” erzählt er.

Etwas mehr als 100 Tage sind vergangen seit den großen Protesten in Berlin und andernorts. Was ist geblieben von der Wut, die die Landwirte dazu brachte, sich auf ihre Traktoren zu setzen und loszutuckern?

Arfsten hat unter einem Vordach seines Hofes Platz genommen und raucht erst mal eine Zigarette. Viel anderes kann er eh nicht machen. Es regnet an diesem Tag auf Föhr, als sollte die Insel in der Nordsee versinken. An Feldarbeit ist nicht zu denken.

Die Wildgänse stört das nicht. Hunderte, wohl eher Tausende haben sich auf den umliegenden Feldern niedergelassen. Ihr Geschnatter ist durchdringend, manchmal kurz unterbrochen von einem Knall.

Gerätschaften seien das, die die Gänse mit Schreckschüssen verscheuchen sollen, sagt Arfsten. Es funktioniert offenbar nicht. Die Wildvögel schnattern, der Bauer raucht weiter. Beide kennen das schon. Zu härteren Mitteln darf der Bauer nicht greifen, auch wenn die Tiere ihm das Bewirtschaften seiner Felder erschweren. Die Wildgänse stehen unter Schutz, dem hat sich der Landwirt zu beugen.

Der Hof Arfsten auf Föhr ist typisch untypisch für die Landwirtschaft in Deutschland. Gerade einmal elf Hektar bewirtschaftet der 27-Jährige mit seinem Bruder, Vater, Großvater: Auf acht Hektar werden Kartoffeln angebaut, auf 2,5 Gemüse. Dazu Gewächshäuser, Apfelbäume, Legehennen in Freilandhaltung und Ferienwohnungen – ein landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen, dessen Produkte auf der Insel Föhr bleiben. „Wir produzieren die Lebensmittel dort, wo sie gebraucht werden”, sagt Arfsten.

Auf seinem Hof scheinen die Weltmärkte weit weg. Auf denen konkurrieren die deutschen Landwirte mit Bauern aus aller Welt. Der nationale und internationale Agrarhandel ist ein knallhartes Geschäft ohne Platz für Sentimentalitäten oder Lokalkolorit. Der Preis entscheidet, der Bauer mit den billigsten Kartoffeln sticht, auch wenn die Ware dann aus Ägypten oder sonst woher importiert wird. Die Kunden kaufen es.

Bei vielen Landwirten in Deutschland sorgt das für Frust. Schließlich, sagen sie, produzieren sie ja zu hohen, vielleicht sogar den höchsten Standards weltweit. Alles werde dokumentiert und kontrolliert. Viele Bauern empfinden das als unfair, fühlen sich überwacht von einem missgünstigen Staat.

Insel-Landwirt Arfsten spricht von der „Zerstörung der heimischen Landwirtschaft“. Vor 50 Jahren, sagt der 27-Jährige, habe die Landwirtschaft noch einen größeren gesellschaftlichen Stellenwert in Deutschland gehabt. Sie habe als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gegolten. Ein Blick in amtliche Statistiken zeigt: In Deutschland gibt es aktuell noch gut 255.000 landwirtschaftliche Betriebe. 1974, vor 50 Jahren, waren es 927.400 allein in der BRD.

Auch damals schon, im Jahr 1974, gab es Bauernproteste. Sie richteten sich vor allem gegen den EU-Vorläufer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Bauern forderten faire Preise für ihre Produkte.

Was damals anders war: Landwirtschaft war zweifelsohne noch sichtbarer in der Gesellschaft, Bauern spielten politisch eine größere Rolle als heute. Gegen so eine große Gruppe war es schwer, Wahlen zu gewinnen. Heute bewirtschaften deutlich weniger Landwirte deutlich größere Betriebe. Strukturwandel nennen das manche, Höfesterben andere. Die Landwirtschaft hat in der Folge im gesellschaftlichen Bewusstsein an Bedeutung verloren.

„Heutzutage geben die da einen feuchten Kehricht drauf“, sagt Bauer Arfsten, während es weiter regnet. Mit „die da“ meint er die Politik. Die Ampel-Regierung in Berlin bezieht die Landwirtschaft bei den Klimaschutzzielen mit ein. Sie verschont auch die Bauern in Zeiten knapper Kassen nicht mit Sparmaßnahmen.

Aber Arfsten meint auch Journalisten, die versucht hätten, die Landwirtschaft in eine rechte Ecke zu drängen. Zumindest hat er Teile der Berichterstattung rund um die Bauernproteste so empfunden. Er will selbst erlebt haben, wie Bauern vor dem Brandenburger Tor befragt und ihnen anschließend die Worte im Mund verdreht worden seien. „Ich kenne keinen Bauern, der rechts ist“, so Arfsten

Und er meint den Bauernverband, die größte Interessenvertretung der Landwirte in Deutschland. „Die machen nicht genug Druck und hängen sich nicht genug rein. Warum soll ich die mit meinem Geld weiterfinanzieren?” Er ist aus der Lobbyorganisation ausgetreten, die er mit „die da in Berlin” umschreibt, so als seien Lobbyisten, Journalisten und Politiker ein und dasselbe.

Im Wut-Winter 2023/2024 wurde deutlich, dass dem nicht so ist. Die Ampel-Regierung war nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts unter Sparzwang geraten. Vorbei die Zeiten, in denen wirtschaftliche Probleme wie etwa in der Corona-Pandemie mit milliardenschweren Hilfsprogrammen weggefördert werden sollten.

Auf der Suche nach Sparpotenzial gerieten auch die Landwirtschaft und ihre Subventionen ins Blickfeld. In einer Nacht- und Nebelaktion verständigten sich Finanzminister Christian Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck auf verschiedene Sparmaßnahmen und vergaßen in all der Eile offenbar, den Landwirtschaftsminister Cem Özdemir zu informieren – und den Bauernverband sowieso. Eine Kampfansage sei das, befand Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Was folgte, war ein landwirtschaftlicher Proteststurm, der in den großen Bauerndemonstrationen in Berlin und andernorts am 8. und 15. Januar mündete. Der Bauernverband und andere Interessenvertretungen der Landwirte hatten dazu aufgerufen.

Bauer Arfsten von Föhr war am 8. Januar in Berlin dabei. „Der Agrardiesel war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, fasst er die Stimmung seinerzeit zusammen. Es hatte sich vieles aufgestaut bei den Landwirten, das einmal herausmusste.

Rückblickend lässt sich beim Betrachten der Aufnahmen aus dem Januar nur noch schwer sagen, was eigentlich genau das Ziel der Demos war: den Agrardiesel retten? Die Ampel stürzen? Oder einfach nur zeigen, dass es die deutschen Bauern noch gibt?

Jann-Hendrik Arfsten hatte ein Schild an seinen Traktor montiert: „Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert.“ Mit dieser Mahnung an die Gesellschaft fuhr er los und kam wieder zurück nach Föhr. Gut 100 Tage später hängt das Schild als Erinnerung an der Wand seines Kartoffellagers.

Er habe schon vor seiner Demonstrationsfahrt nicht mehr viel von der Politik gehalten, erzählt er. Aber jetzt sei er noch enttäuschter.

Dieses Gefühl scheint er mit vielen seiner Berufskollegen zu teilen. Warum eigentlich? Dass große Teile der geplanten Subventionskürzungen gestrichen wurden, lässt er unerwähnt. Es scheint bei vielen Landwirten in Vergessenheit geraten zu sein, dass ihr Protest recht erfolgreich war. Ihre Maximalforderungen konnten sie nicht durchsetzen, aber der Kompromiss schlug klar in ihre Richtung aus.

Die EU beschloss zum Entsetzen von Naturschützern an entscheidenden Punkten beim Umweltschutz in der Landwirtschaft Abstriche zu Gunsten der Bauern zu machen. Auch einen weiteren Bürokratieabbau versprach die Politik, auch wenn konkrete Maßnahmen noch ausstehen.

Nur der Agrardiesel, an dessen Streichung hält die Politik eben fest.

Es ging eben doch um deutlich mehr an jenen Tagen, an denen sich die Bauern auf ihre Traktoren setzten: „Wenn die deutsche Landwirtschaft auch ausstirbt, wollen wir unseren Kindern und Enkeln erzählen, dass wir etwas für unseren Berufsstand getan haben und nach Berlin gefahren sind”, sagt Arfsten.

Er hat bereits einen Hofnachfolger. Sechs Jahre ist der Junior alt, die fünfte Generation, die auf dem Hof lebt. Noch wolle der Kleine Landwirt werden, sagt Arfsten nicht ohne Stolz. „Ich werde alles dafür tun, dass er das auch werden kann.“ Und dann sagt er, während der Regen weiter fällt und die Gänse weiter schnattern, diesen einen Satz, so, als habe er sich soeben selbst erst wieder daran erinnert: „Landwirt ist für mich der schönste Beruf.“

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