Hamburg  Wie Galeria Karstadt Kaufhof dreimal hintereinander pleite ging

Jonas Ernst Koch
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Von Jonas Ernst Koch
| 27.04.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Galeria Karstadt Kaufhof ist pleite - zum dritten Mal in drei Jahren. Doch die Probleme beim Warenhaus-Giganten begannen schon lange bevor René Benkos Signa-Holding in die Insolvenz rutschte. Foto: IMAGO/ Hanno Bode
Galeria Karstadt Kaufhof ist pleite - zum dritten Mal in drei Jahren. Doch die Probleme beim Warenhaus-Giganten begannen schon lange bevor René Benkos Signa-Holding in die Insolvenz rutschte. Foto: IMAGO/ Hanno Bode
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Galeria ist pleite: Geschäfte schließen, Mitarbeiter müssen gehen. Und irgendwie geht es dann doch weiter. Das alles erlebte der alte Warenhausgigant in den vergangenen drei Jahren schon zweimal. An Männern mit großen Plänen hat es nicht gemangelt.

Wann die Krise bei Karstadt genau begann, weiß heute wohl niemand mehr ganz genau. Fest steht: Als der Warenhaus-Konzern 1999 mit dem Versandunternehmen Quelle fusioniert, ist das schon eher eine Flucht nach vorn.

Denn auch die Kataloghändler befanden sich durch das aufkommende Internet in Bedrängnis. Fünf Jahre später stand der Gesamtkonzern kurz vor der Pleite. Ab da reiht sich ein männlicher Retter an den nächsten.

2005 übernimmt der erste Mann mit großem Ego die Führung: Thomas Middelhoff kam vom Mediengiganten Bertelsmann und soll den in Schieflage geratenen Konzern retten. Die bekannte Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hatte das so durchgesetzt.

2005 wurden die ersten 75 der 189 Karstadt-Filialen geschlossen und 51 SinnLeffers-Modehäuser, alle Warenhaus-Immobilien sowie der Schuhhändler Runners Point verkauft. 2009 wurden 60 der 90 Filialen an den Konkurrenten Galeria Kaufhof abgegeben, dessen Übernahme zwei Jahre zuvor gescheitert war.

Doch die Maßnahmen reichten nicht: 2009 war Karstadt pleite. Der Konzern brauchte dringend 850 Millionen Euro Staatshilfen, 8000 Beschäftigte bangten um ihren Job. Eine Schweizer Privatbank übernahm ein Drittel des Konzerns und vier Immobilien. Wegen zweifelhafter Boni und anderen Unregelmäßigkeiten wurden gegen Middelhoff Ermittlungen aufgenommen, der 2014 wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. 2010 wurde das Unternehmen schließlich zerschlagen.

Wohl die wenigsten können sich an Nicolas Berggruen überhaupt noch erinnern. Dabei wurde der Deutsch-Amerikaner damals als Retter der deutschen Innenstädte gefeiert. 70 Millionen Euro kostete Berggruen der Kauf von Karstadt 2010, 40.000 Gläubiger mussten auf knapp zwei Milliarden Euro verzichten. Weitere 240 Millionen Euro versprach der neue Eigner in das zu investieren, was von Karstadt noch übrig war.

In den folgenden zwei Jahren verlor das Unternehmen eine Viertelmilliarde Euro und der Umsatz sank trotz Investitionen weiter ab. Ende 2013 trat dann der heutige Eigner auf die Bühne: René Benkos Signa Holding kaufte je 75,1 Prozent der Premium- und Sporthäuser für insgesamt 300 Millionen Euro, die in das Geschäft investiert werden sollten.

Der schillernde Tiroler Immobilienunternehmer Benko hatte sich in der Immobilienszene einen guten Namen gemacht und eine goldene Nase verdient. 2014 übernahm er die Warenhaus-Kette komplett. Zur Rettung des Warenhauses werden zunächst sechs Filialen geschlossen und 1400 Mitarbeiter entlassen. 2015 sollten fünf weitere Filialen geschlossen werden, von denen drei dann doch gerettet werden konnten.

Auch der letzte verbliebene Konkurrent Galeria Kaufhof steckte in der Krise. Der bisherige Eigner Metro scheute 2015 hohe Investitionskosten in die alten Filialen und räumte ohnehin in seinem Portfolio auf: Erst wurde Galeria mit damals 103 Warenhäusern und 16 Sportarena-Filialen an eine kanadische Handelskette abgegeben, dann wurden auch Media-Markt-Saturn und die Supermarktkette Real verkauft.

Doch auch die Kanadier können das Ruder nicht herumreißen und wollen Galeria wieder loswerden. Drei Jahre später fusionieren beide Warenhaus-Betreiber. Benkos Hoffnung: Zwei kriselnde Unternehmen zu einem gesunden zusammenschrumpfen. „Ohne den Zusammenschluss mit Karstadt hat Kaufhof allein keine Zukunft. Das darf man nicht vergessen. Es geht hier um die Rettung des Unternehmens“, so der Österreicher, der den Kanadiern für rund eine Milliarde Euro ihre Anteile am neuen Giganten abkaufte. 2019 gehörte ihm der letzte deutsche Warenhaus-Konzern schließlich allein.

Durch einen Deal mit der Gewerkschaft Verdi wird der Weiterbetrieb aller Filialen und damit der Arbeitsplätze erstmal garantiert. Doch schon damals munkeln Kritiker: Dem Immobilienmogul gehe es nur um die Warenhaus-Immobilien, nicht um deren Weiterbetrieb.

Doch im August 2020 muss Galeria wegen der Filialschließungen im Rahmen der Maßnahmen zu Einschränkung der Corona-Pandemie unter ein Schutzschirmverfahren schlüpfen, um Ansprüche von Gläubigern erstmal abweisen zu können. Insgesamt müssen Lieferanten, Vermieter und sonstige Gläubiger auf mehr als zwei Milliarden Euro verzichten. 40 der 172 bestehenden Filialen werden geschlossen, 6000 Mitarbeiter müssen gehen.

Doch Benko macht erstmal weiter, ändert 2021 den Namen in das heute geläufige und einheitliche „Galeria“. Der Staat gewährte einen Kredit von zunächst 460 Millionen, später nochmal 250 Millionen Euro. 60 Häuser sollten komplett umgebaut werden, alle andere renoviert.

Ende Oktober 2022 stellte das Unternehmen dann wieder einen Antrag auf ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung. Zur Rettung des Unternehmens müsse das Filialnetz „um mindestens ein Drittel reduziert werden“, hieß es damals. 42 der noch verbliebenen 129 Warenhäuser werden geschlossen.

Ende 2023 kam dann die unvorstellbare Nachricht: Der „Wunderwuzzi“, wie er in Österreich auch genannt wird, ist pleite. Eine Krise am US-Gewerbeimmobilienmarkt erfasst die Signa-Gruppe, hausgemachte Probleme kommen dazu. Am Ende kollabiert Benkos Reich mit fast 1000 Tochtergesellschaften binnen weniger Wochen – und reißt auch Galeria mit sich. Wie das Handelsblatt berichtete, waren die Mieten einiger Filialen um insgesamt 70 Millionen Euro überteuert. Der Vermieter: Benkos Signa-Gruppe.

Die Warenhauskette hatte sich eigentlich gerade erst einigermaßen erholt, mehrere Filialen liefen offenbar sogar wieder profitabel. Vor allem in Mittelzentren, wo es außer dem Warenhaus oft nicht viel gibt, schien der Warenhausbetrieb mit neuen Konzepten und Untermietern weiterhin attraktiv.

Also kaufte Richard Baker, was ihm schonmal gehörte: Er ist Mehrheitseigner der Kanadier, die Galeria einst an Benko verkauft hatten. Der neue und alte Galeria-Eigentümer will in die insolvente Warenhauskette investieren – und mehr Filialen fortführen, als gedacht. Trotzdem sollte die Zahl der Filialen eigentlich auf 70 reduziert werden. Wie viele der 12.800 aktuellen Mitarbeiter gehen müssen, ist noch unklar.

Um Galeria nach drei Insolvenzen in drei Jahren wieder in die Gewinnzone zu führen, hat sich der 73-jährige Milliardär Hilfe von Bernd Beetz geholt. Der Deutsche konnte bis 2019 als Aufsichtsratschef den Untergang von Karstadt Kaufhof zwar auch nicht stoppen, kennt das Unternehmen aber genau. Das Warenhaus sei „Teil der deutschen Lebenskultur“, erklärte Beetz über sein Verhältnis zum neuen Mit-Eigentümer und versicherte. „Wir glauben an die Zukunft von Galeria.“

Am Freitag kam dann die Meldung: 16 der letzten 92 Häuser werden geschlossen. Es bleiben damit sogar 76 übrig.

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