Kolumne „Brandts Welt“ Der Gefrierschrank
In seiner heutigen Folge schreibt GA-Kolumnist Jan Brandt über die Erfahrungen, die er mit seiner Schwester über den Kühlschrank ihres Vaters gemacht haben.
„Du hast den Gefrierschrank abgetaut, höre ich gerade“, sagte meine Schwester, als ich vom Einkaufen nach Hause kam, sie saß mit Vater in der Küche und bereitete das Mittagessen zu, Blumenkohl, Kartoffeln, Salat. „Zwangsweise“, erklärte ich, „der ging vor lauter Eis nicht mehr zu. Wir sollten den stilllegen. Papa nutzt den ja gar nicht richtig, nur eine Schublade, und das lohnt sich nicht. Der frisst ja viel zu viel Strom. Im Internet findet man nicht einmal eine Bedienungsanleitung. Der muss bestimmt dreißig Jahre alt sein.“ Ich hob den Korb auf den Tisch und sortierte die Lebensmittel.
„Alles in diesem Haus ist dreißig Jahre alt“, sagte meine Schwester, und Vater sagte: „Außer mir.“ Und daraufhin fingen wir alle an zu lachen. Als wir uns wieder gefangen hatten, schlug ich vor, in die Küche zu investieren. „Wir sollten vielleicht einen neuen Kühlschrank mit Kühlfach –“ – „Ich brauch nix!“, unterbrach Vater mich. „Es bleibt alles so, wie es ist!“ – „Vater“, sagte ich, „lass mich mal ausreden. Dein Gefrierschrank verbraucht unheimlich viel Energie …“ Vater erhob sich und ging zur Tür. „Stellst du den nun ganz ab?“ – „Das ist die Frage“, sagte ich, und meine Schwester sagte: „Als wir unseren alten ausgemustert und gegen einen neuen ausgetauscht haben, haben wir hundertsiebzig Euro Strom wiedergekriegt, weil der erheblich weniger verbraucht.“ – „Ich komm klar“, sagte Vater, und kurz darauf hörten wir ihn im Wohnzimmer Mundharmonika spielen.
Hat er etwas Schlechtes gegessen?
Ein paar Wochen später, ich war wieder in Berlin, rief meine Schwester an und erklärte, dass es Vater nicht gutgehe, er hätte keine Kraft und wolle ab nächste Woche ins Altenheim. „Hat er etwas Schlechtes gegessen?“, fragte ich. „Das weiß ich nicht“, sagte meine Schwester. „Aber im Kühlschrank lag eine Packung Spinat, die er sich vom Supermarkt geholt hat, die hat er vorgestern gekauft, und das lief schon raus, Tiefkühlspinat.“
„Die habe ich extra ganz oben reingestellt“, rief Vater aus dem Hintergrund. Meine Schwester wiederholte, was er gesagt hatte, fügte, „kannst dich beömmeln“ hinzu und wies ihn darauf hin, dass es egal sei, in welches Fach er Tiefgefrorenes im Kühlschrank deponiere, das taue in jedem Fall auf, das sei ja nicht kalt genug. „Dann musst du die Temperatur niedrigerstellen“, hörte ich Vater sagen, und als ich mit ihm sprach und ihm den Unterschied zwischen Kühl- und Gefrierschrank begreiflich zu machen versuchte, meinte er trotzig, es gehe ihm schon besser und er habe verstanden.
Aufgeweichte Packung Hühnerfrikassee
Aber es kam immer wieder vor, dass er sich Tiefkühltes kaufte und die Packung in den Kühlschrank legte. Einmal, ich war wieder in Ostfriesland, erzählte meine Schwester, sie habe eine aufgeweichte Packung Hühnerfrikassee weggeschmissen, und er hat die wieder aus dem Müll rausgeholt, sich das warm gemacht, Kartoffeln dabei, und das gegessen. „Und es hat prima geschmeckt“, sagte Vater, der unser Gespräch vom Flur aus belauscht hatte, und schwungvoll zu uns in die Küche trat. „Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Ich komme klar. Mit oder ohne Gefrierschrank.“