Osnabrück Warum der neue Missbrauchsfall im Bistum Osnabrück ungewöhnlich ist
Das Bistum Osnabrück gerät erneut wegen Missbrauch in die Schlagzeilen. Doch vieles am neuesten Fall ist anders als sonst. Der Versuch einer Einordnung.
Das Bistum Osnabrück musste am Mittwoch zum wiederholten Mal mitteilen, dass sich Missbrauchsvorwürfe gegen einen ehemaligen Mitarbeiter bestätigt hätten. Und doch ist der Fall des früheren Leiters des Referats für Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung (EFLE) in Osnabrück in mancher Hinsicht außergewöhnlich.
Um wen geht es? Worin unterscheidet sich dieser Fall von anderen? Und welche Lehren lassen sich daraus ziehen? Der Versuch einer Einordnung:
Die Vorwürfe richten sich gegen einen Mann, der von 1969 bis 1996 die EFLE gegründet und in der Bistumsverwaltung geführt hat. Er baute Beratungsstellen im ganzen Gebiet der Diözese auf, was damals auch noch Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg einschloss.
Zu seiner Zeit galt der Beschuldigte S. als Koryphäe auf dem Gebiet der Verzahnung von Theologie und Psychoanalyse. Er kam mit frischen, modernen Ideen nach Osnabrück und hatte offenbar Charisma. Seine Leistung sorgte für Anerkennung und wurde zum Vorbild für andere Bistümer.
S. initiierte 1976 ein jährlich stattfindendes gruppendynamisch-therapeutisches Kommunikationstraining im italienischen Positano, das durch das Bistum logistisch abgewickelt wurde – heute würde man wohl von einer Art Retreat sprechen. Teilnehmer kamen nicht selten begeistert zurück. Das Angebot wurde auch nach seinem Ausscheiden weitergeführt. Zu seinem Abschied in den Ruhestand fand in Osnabrück ein Symposium statt, auf dem S. „Professionalität und Nächstenliebe“ bescheinigt wurden.
Zugleich muss S. im Rückblick als Schwindler charakterisiert werden: Er behauptete, an der Universität Mannheim promoviert zu haben; sein angeblicher Titel als Doktor der Staatswissenschaften (Dr. rer. pol.) konnte jedoch bei einer Überprüfung nicht verifiziert werden. Unklar ist, ob S. darüber hinaus Gelder unterschlagen hat. Veruntreuung ließ sich bislang nicht nachweisen. S. starb 2004.
S. soll in vielfältiger Weise körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt ausgeübt haben. Betroffen waren Mitarbeiter und Klienten, Männer und Frauen. Es geht um Demütigungen, Misshandlungen und sexuelle Übergriffe bis zur Vergewaltigung. Drei Punkte sind dabei bemerkenswert:
Der Priester, der sich in seiner Gemeinde an Kindern vergreift und rasch versetzt wird, sobald Gerüchte aufkommen, sonst aber ungestört weitermachen kann – diesen Typus haben die meisten Menschen vor Augen, wenn sie von Missbrauch in der Kirche hören. Der Fall S. revidiert dieses Bild ein Stück weit. Folgende Lehren lassen sich ziehen: