Polizeiliche Kriminalstatistik  Wie viele „Messerangriffe“ gab es in Ostfriesland?

| | 27.04.2024 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Zahl der Delikte, bei denen Messer zum Einsatz kommen, steigt – auch in Ostfriesland. DPA-Symbolfoto: Bockwoldt
Die Zahl der Delikte, bei denen Messer zum Einsatz kommen, steigt – auch in Ostfriesland. DPA-Symbolfoto: Bockwoldt
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Die Zahl der Gewalttaten steigt auch in Ostfriesland. Diese Zeitung hat die Polizeidirektion Osnabrück zu genaueren Zahlen, unter anderem zu sogenannten „Messerangriffen“ befragt.

Ostfriesland/Region - Geht es um die zunehmende Zahl an Gewaltdelikten in Ostfriesland, Niedersachsen und Deutschland, dann wird auch schnell über die zunehmende Zahl an „Messerangriffen“ diskutiert. 3048 Fälle, bei denen ein Messer zum Einsatz kam, wurden im vergangenen Jahr niedersachsenweit registriert. Eine Zunahme um 244 Fälle im Vergleich zum Jahr 2022 – und ein Trend, der sich seit Beginn der gesonderten Erhebung zu dieser Kategorie seit 2019 fortsetzt.

Das Landespolizeipräsidium stellt dabei grundsätzlich für 2023 fest: „Bedrohungen machen mit 1.474 Fällen fast die Hälfte der rund 3.000 Messerangriffe aus“, wie es in der Präsentation zur landesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) heißt.

Mehr Gewalttaten in Niedersachsen

Auch wenn es nicht explizit erwähnt wird: Es liegt nahe, dass die „Messerangriffe“ sich vor allem bei „Straftaten gegen das Leben“ und „Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit“ wiederfinden. Bei den Straftaten gegen das Leben gibt es einen Rückgang zu verzeichnen, bei den Rohheitsdelikten, zu denen unter anderem Körperverletzungen, Raub und Bedrohungen zählen, gibt es einen Anstieg der Fallzahlen.

In jeweils zehn Fällen in den Jahren 2022 und 2023 wurden „Messerangriffe als vollendete vorsätzliche Tötungsdelikte registriert“. Das waren im vergangenen Jahr rund 2,83 Prozent aller „Straftaten gegen das Leben“, im Jahr zuvor waren es 2,53 Prozent. Die Fallzahlen fielen von 395 im Jahr 2022 auf 353 im vergangenen Jahr.

Anstieg der „Messerangriffe“ in der Region

Bei den Rohheitsdelikten, wenn man hier alle anderen „Messerangriffe“ zählt, sieht der Anteil so aus: Bei insgesamt 95.052 registrierten Fällen waren in rund 8,7 Prozent Messer im Einsatz. Bei den Bedrohungen kamen in rund 8,3 Prozent der Fälle Messer zum Einsatz – landesweit.

Genaue Zahlen für Ostfriesland zu bekommen, ist schwierig, da „bei den Messerangriffen aktuell lediglich eine Statistik für die gesamte Direktion existiert und beim LKA zentral geführt wird“, so die auch für Ostfriesland zuständige Polizeidirektion Osnabrück. Direktionsweit lässt sich von 2022 auf 2023 ebenfalls ein Anstieg der „Messerangriffe“ feststellen. 306 Fälle registrierte die Polizeidirektion im vergangenen Jahr, 46 mehr als 2022. Fälle wurden dabei durch alle Altersklassen registriert. Gemessen auf Straftaten gegen das Leben und Rohheitsdelikte machten Messerangriffe: 2,03 Prozent der Deliktzahlen aus.

Was auffällt: Die meisten registrierten Tatverdächtigen, eine Aussage über tatsächliche Verurteilungen trifft die PKS nicht, wurden von Männern begangen. 268 der 306 Tatverdächtigen, die Messer genutzt haben sollen, waren Männer im vergangenen Jahr.

Vorfälle mit Messern in Emden

In den Zahlen finden sich, zumindest der Theorie nach, auch zwei Aufsehen erregende Fälle aus Emden wieder, beide aus dem September des vergangenen Jahres. Zuerst lief an einem Sonntagnachmittag ein 29-jähriger Wohnungsloser mit einem Messer durch die Emder Innenstadt. Der Mann stand unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol. Die herbeigerufene Polizei wurde von dem Mann bedroht – und die Polizei musste zwei Warnschüsse abgeben, bevor der Mann überwältigt werden konnte.

Ein paar Tage später stritten sich mehrere Schüler der Emder Herrentorschule auf dem Schulhof. Im Zuge der Auseinandersetzung zog ein Schüler ein Messer und stach auf einen Mitschüler ein. Beide Vorfälle hatten zu zum Teil heftigen Diskussionen über die Sicherheit in Emden gesorgt. Im Schulumfeld, so ergab eine Nachfrage dieser Zeitung bei der Polizei, spielen Messer eine stark untergeordnete Rolle. Für den Bereich Emden/Leer verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr einen Fall, für den Bereich Aurich/Wittmund waren es zwei.

Behrens: Vielzahl von Faktoren spielt eine Rolle

Aber die Zahlen der Polizeidirektion Osnabrück lassen noch eine andere Unterscheidung zu: 178 der 306 „Messerangriffe“ werden deutschen Tatverdächtigen zugerechnet (rund 58,2 Prozent), 108 nicht-deutschen Tatverdächtigen. In beiden Kategorien gab es im Vergleich zu 2022 einen Anstieg: von 165 auf 178 (+ 7,88 Prozent) bei den deutschen Tatverdächtigen, von 95 auf 128 (+34,74 Prozent) bei nicht-deutschen Tatverdächtigen.

Die Anteile nähern sich also an, was unter anderem auch mit Migrationsbewegungen zu erklären ist. Auch niedersachsenweit liegt der Anteil der nicht-deutschen Tatverdächtigen bei Messerangriffen bei rund 41 Prozent. Aber: „Die Anstiege von Kriminalität sind nicht ausschließlich mit Ankunft und Verbleib der Migrantinnen und Migranten, sondern auch mit den Umständen der Ankunft, unklarer Bleibeperspektive, kurzfristigen Unterbringungen sowie damit einhergehender eingeschränkter Lebensverhältnisse zu erklären“, so das niedersächsische Innenministerium. „Der Anstieg nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Kriminalitätsstatistik erfordert eine differenzierte Betrachtung“, so Innenministerin Daniela Behrens in einer Mitteilung. „Wir müssen uns bewusst machen, dass eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielt, darunter sozioökonomische Bedingungen, Bildungschancen und Integration.“ Dennoch müsse man „alle rechtsstaatlichen Mittel“ ausschöpfen, um nicht-deutsche Straftäter auszuweisen.

Für den Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Osnabrück stellt Präsident Michael Maßmann fest: „Es werden immer öfter Konflikte mit Gewalt ausgetragen, anstatt sie friedlich zu lösen – egal, ob im analogen oder digitalen Raum. Dabei spielen auch immer öfter Messer oder andere gefährlichen Gegenstände eine Rolle. Das ist eine Tendenz, die mir große Sorgen macht.“ Allerdings seien die rund 1,5 Millionen Menschen im Zuständigkeitsbereich im Niedersachsen-Vergleich weniger von Kriminalität betroffen. „Wir haben zwar allgemein unruhige Zeiten, aber die Menschen leben bei uns dennoch in einer vergleichsweise sicheren Region – und das soll auch so bleiben.“

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