Münster  Donots-Sänger Ingo Knollmann: „Wir sind mittlerweile die einzigen, die über unsere Witze lachen“

Lea Borner
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Von Lea Borner
| 03.05.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Er versucht jeden Auftritt zu einem besonderen Erlebnis für sein Publikum zu machen, sagt Ingo Knollmann. Foto: André Havergo
Er versucht jeden Auftritt zu einem besonderen Erlebnis für sein Publikum zu machen, sagt Ingo Knollmann. Foto: André Havergo
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Die Donots sind eine der beliebtesten Punkbands Deutschlands. In diesem Jahr feiert die Gruppe ihren 30. Geburtstag. Passt ihr Erfolg überhaupt noch zu Punk? Sänger Ingo Knollmann spricht im Interview über schlechte Witze, „Arschlöcher“ und über die Frage, wie man mit Nägeln im Kopf umgeht.

Ingo Knollmann und seine Bandkollegen haben zurzeit einiges zu feiern. Sie sind beliebter denn je: Erst letztes Jahr schafften Sie es zum ersten Mal auf Platz eins der Deutschen Charts – mit ihrem neusten Album „Heute ist ein guter Tag“. Dieses Jahr steht auch das Bandjubiläum an, seit 30 Jahren stehen die Freunde schon zusammen auf der Bühne. Dabei sind ihnen zwei Dinge besonders wichtig: Erinnerungswürdige Shows und politisches Engagement. Der in Münster lebende Frontmann der Punkgruppe, Ingo Knollmann, spricht im Interview über die gesellschaftliche Verantwortung von Bands, seine Angst vor der Angst – und erklärt, warum er Gendern wichtig findet.

Frage: Herr Knollmann, Ihre Band Donots ist beliebter denn je. Ist dieser Mainstream-Erfolg überhaupt noch Punk?

Antwort: Das passt absolut. Es ist sogar das Punkste, was in den Charts in der Zeit passieren konnte. Weil wir alles DIY (Do it yourself, mach es selbst, Anm. d. Red.) machen. Wir sind unsere eigene Plattenfirma, wir haben unser eigenes Studio, wir machen unser eigenes Management, wir haben unsere eigenen Ideen – wir haben das von der Pike auf alles selbst gemacht. Das einzige, was von außen hinzukommt, ist Warner als Vertrieb, der die Platten in die Plattenläden der Welt stellt. In der Woche, als wir auf Platz eins in den Charts gegangen sind, waren auf den Plätzen zwei bis sechs große Plattenfirmen, die bis zu 500.000 Euro verbrannt haben, um möglichst an die Spitze zu kommen. Und wir haben am Ende trotzdem über 50 Prozent mehr Platten verkauft als Platz zwei. Das war der Moment, als wir gedacht haben: Ja, du kannst aus dem Stand was erreichen. Und wie Punk ist das bitte? Eine kritische Masse zu generieren aus Menschen, die Platten noch kaufen. Einfach so!

Frage: Angesichts Ihrer aktuellen Beliebtheit: Was ist das Erfolgsrezept der Donots?

Antwort: Wir sind wie Marathonläufer einfach immer drangeblieben. Und wir sind immer sehr authentisch geblieben, bei dem, was wir machen. Wir haben eine schöne Konstellation gefunden, in der wir Fünf nach wie vor kreativ sind. Wir kopieren uns nicht die ganze Zeit selbst und laufen auch nicht einem Schatten von uns selbst hinterher. Wir haben auch diebischen Spaß daran gefunden, einfach freigeistig an jedes Konzert heranzugehen. Wir lieben es, merkwürdige Momente zu kreieren. Merkwürdig im Sinne von denkwürdig. Wir bleiben auf den Füßen und das ist das große Rezept. Das ist die Essenz. Unser Humor und die Haltung, uns selbst nicht zu ernst zu nehmen, sind die wichtigsten Bausteine. Wenn wir eine Powerpoint-Präsentation hätten, die sagt, wie wir die nächsten fünf Jahre planen, würde das nicht funktionieren. Das sollte aber auch nicht so sein. Dann bist du ganz schnell irgendeiner von diesen typischen Mainstream-Deutschpop-Rockbands, die einmal einen Hit haben, der genau so schnell verschwindet wie die Fans.

Frage: Wenn wir jetzt auf Ihre Bandgeschichte zurückschauen, gibt es noch irgendetwas, was genauso ist wie früher?

Antwort: Unser Humor. Ich glaube, das ist ein totales Lebenselixier. Wenn du so lange unterwegs bist und für drei Dekaden so eng aufeinander rumhängst, kann man sich alles sagen. Dass wir zwar unsere Musik und das, was wir machen, sehr ernst nehmen, aber uns selbst überhaupt nicht. Das ist super wichtig. Es gibt bei uns keine Egos in irgendeiner Art und Weise. Der Humor ist tendenziell nicht schlechter geworden als früher. Nur, dass wir mittlerweile die einzigen sind, die darüber lachen.

Frage: Ihr Bandname leitet sich ja von dem englischen „Do nothing“, also dem „Nichtstun“, ab. Wie passt das heute noch mit dem politischen Engagement der Band zusammen?

Antwort: Sie haben recht. Insgesamt konterkarieren wir den Namen sehr, weil wir sehr, sehr viel tun. Genauso wichtig wie zu wissen, was man möchte, ist auch zu wissen, was man nicht möchte. Dann macht der Bandname Sinn, weil wir uns ganz klar von gewissen Sachen abgrenzen. Es ist immer am wichtigsten, zu wissen, was du nicht willst.

Frage: Und was wollen Sie nicht?

Antwort: Ich hab keinen Bock auf Kleingeistigkeit oder Rückwärtsgewandtheit. Auf Traditionen um ihrer selbst willen. Alles darf gerne auf den Prüfstand gestellt werden, damit die Gesellschaft so gut wie möglich werden kann. Deswegen habe ich zum Beispiel auch gar kein Problem mit dem Gendern. Ich denke, dass mir kein Zacken aus der Krone bricht, wenn ich das mache. Aber ich helfe der Sichtbarkeit von gewissen Menschen. Das sind alles kleine, aber wichtige Stellschrauben. Anders gesprochen: Wenn alle mit dem Credo durch die Gegend laufen würden: „Sei kein Arschloch“, dann wäre es schon viel einfacher. So einfach kann es sein, aber so schwer ist es auch. Aber ich probiere, mit den Möglichkeiten, die wir haben, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen – wenn es nur für ein paar Minuten ist. Das kann ja nicht zu viel verlangt sein.  

Frage: Was ist also Ihr Tipp, um, wie Sie sagen, kein „Arschloch“ zu sein?

Antwort: Ich glaube, das ist super einfach. Jeder Mensch hat eine gewisse Idee davon, wie er oder sie gerne behandelt werden möchte – was die Kommunikation in den eigenen Kreisen oder einfach auch die offenen Arme angeht, mit denen man am liebsten empfangen wird. Wer sich das als moralischen Kompass annimmt, verhält sich besser: Also du möchtest nicht als Arschloch behandelt werden? Dann behandle bitte auch niemanden anderes als Arschloch. Überleg dir, was du wirklich brauchst und wo du Leuten auf die Füße trittst – oder Lebewesen. Ich bin seit über 30 Jahren Vegetarier. Das ist ein super wichtiges Thema. Also sei zu allen Lebewesen genauso respektvoll, wie du hoffentlich auch behandelt wirst. Und nimm dazu eine Mischung aus Angst und Bier (lacht)!

Frage: Und finden Sie, dass alle Bands eine politische oder gesellschaftliche Verantwortung haben?

Antwort: Ich finde nicht, dass das unbedingt auf der Bühne stattfinden muss, Entertainment ist Entertainment. Musik hat viele verschiedene Gesichter und Ausdrucksformen. Das heißt, es kann ein Konzert geben, das einfach komplett gaga ist oder das sich gar nicht mit Politik in Songs auseinandersetzt. Das ist völlig in Ordnung. Ich finde es aber brandgefährlich, wenn Leute sich abseits von der Bühne nicht äußern. Das ist etwas, was ich wirklich moniere, weil sich jeder der Verantwortung bewusst sein sollte. Noch mehr, wenn er eine gewisse Reichweite hat und Leute erreichen kann. Sich da nicht zu positionieren, das halte ich für fahrlässig. Und das ist für mich eine klassische, ignorante Arschlochmentalität. Das geht nicht.

Frage: Wenn sie eine Nachricht in die Vergangenheit schicken könnten, was würden Sie Ihrem 16-jährigen Ich raten?

Antwort: Hör auf, Bands zu gründen! Das ist eine ganz schlechte Idee (lacht). Nee, wenn ich ihm etwas raten würde, dann würde ich sagen: Lass es manchmal ein bisschen ruhiger angehen und probiere, nicht ganz so perfektionistisch zu sein. Das ist etwas, was mich in dieser Band schon ein bisschen aufgefressen hat. Wenn ich Sachen mache, dann möchte ich sie am liebsten mit 200 Prozent machen und eigentlich reichen immer 80 oder 90 Prozent. Aber das kann ich mir selbst nicht sagen. Ich hab oft sehr viel Energie aufgewendet, um Dinge zu erreichen, die im Detail unnötig waren. Also: Sei mal weniger perfektionistisch. Lass dich ein bisschen mehr zurückfallen. Du kannst nicht alles kontrollieren.

Frage: Und haben Sie den Perfektionismus jetzt immer noch? 

Antwort: Den habe ich immer noch partiell. Aber ich weiß mittlerweile, dass das nicht alles so notwendig ist. Ich habe früher wirklich zu allem, was mit der Band zusammenhängt, zu jedem Angebot, was wir gekriegt haben, gesagt: Klar, let’s go! Natürlich hier noch ein Interview, natürlich zum Radio, dann noch zum Fernsehen. Heutzutage picken wir uns die schönen Dinge raus und wissen, dass es die Masse nicht macht. Keiner kauft eine Platte mehr, nur weil du zwei Interviews mehr gegeben hast. Ich achte mehr darauf, dass es mit unseren Familien klappt. Das eigene Wohlbefinden hängt maßgeblich davon ab, dass man manchmal „nein“ sagt.

Frage: Sie waren trotz psychischer Probleme und daraus resultierender Panikattacken, die 2001 begannen, auf Tour. Wie haben Sie das durchgehalten auf der Bühne zu stehen, mit dem Bewusstsein, dass Sie gleich eine Panikattacke bekommen könnten?

Antwort: Das Verrückte ist, dass das gleichzeitig die größte Angst ist, aber auch das große Heilmittel. Ich habe immer versucht, darauf zu vertrauen, dass das schon geht auf der Bühne – das muss gehen. Wenn ich das nicht mehr hätte, dann hätte ich ja mein Lebenselixier verloren. Deswegen freue ich mich über Gesprächstherapeuten, die sagen: Wenn du Angst hast, dann begib dich in die Angst rein, vermeide sie nicht. Begib dich in diese Situationen, um herauszufinden, dass du Angst vor der Angst hast, aber dass gar nicht viel passieren kann. Ich habe mich kopfüber hineingeschmissen – dann ging es auch. Und irgendwann kriegst du Vertrauen dazu. Dann merkst du auf einmal: Meine Ängste waren unbegründet.

Frage: Was tun Sie heute noch für Ihre psychische Gesundheit?

Antwort: Gleiches in der Tat. Ich probiere, mich in solche Situationen aktiv hineinzubegeben. Ich mag es zum Beispiel weiterhin nicht zu fliegen. Aber ich sehe es nicht ein, dass ich mir von irgendeinem Nagel im Kopf diktieren lasse, wo ich hingehe. Also setze ich mich trotzdem in ein Flugzeug. Dann kann ich vielleicht nicht pennen, aber ich weiß: Wenn ich am Flughafen ankomme, wird es total cool sein. Das lohnt sich und deswegen probiere ich weiterhin, Herausforderungen mutig anzugehen und Ängste zu überwinden.

Lesen Sie hier ein weiteres Interview: BossHoss: „Wir wollen mit unserer Musik Menschen erfreuen und nicht den moralischen Zeigefinger heben“

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