Osnabrück/Hamburg/Turku Finnische Studie: Wie woke Einstellungen mit der mentalen Gesundheit zusammenhängen
„Woke“, das ist eine Mischung aus Weltanschauung und Gefühl. Kritiker sagen: Wer „woke“ ist, treibt die Politische Korrektheit auf die Spitze. Forscher haben jetzt untersucht: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einstellung und psychischen Problemen?
Wachsam gegenüber Vorurteilen und Diskriminierung, sich für Gleichberechtigung einsetzen – „woke“ zu sein, ist eigentlich nichts Schlechtes. Doch es geht, wie jetzt eine finnische Studie zeigt, auch häufiger mit Depressionen und Angstgefühlen einher.
Ein Forscherteam der University of Turku legte 5030 männlichen und weiblichen Probanden 7 Statements vor, denen sie in einer stufenweisen Skala von 1 bis 5 zustimmen oder widersprechen sollten. Die Statements hatte man aus der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur sowie einer eigenen Pilotstudie als typisch für Wokeness herauskristallisiert.
Darunter waren Sätze wie „Eine weiße Person kann nicht genauso gut verstehen, wie sich eine schwarze Person fühlt, wie eine andere schwarze Person“ und „Die Leselisten der Universitäten sollten weniger weiße und europäische Autoren enthalten“, aber auch eine Behauptung, bei der die fünfteilige Skala umgekehrt interpretiert werden musste: „Trans*-Frauen, die mit Frauen im Sport konkurrieren, tragen nicht zu den Frauenrechten bei.“
Die Forscher hatten ursprünglich vermutet, dass im weltoffenen Finnland das woke Gedankengut besonders weit verbreitet ist. „Die Diskussion darüber begann in den 2010ern in den USA“, erläutert Studienleiter Oskari Lahtinen. „Doch mittlerweile ist sie auch in anderen westlichen Ländern angekommen.“ In seiner Studie dagegen wollten nur drei von fünf Frauen und sogar nur einer von sieben Männern den woken Thesen mehr oder weniger zuzustimmen. Wokeness ist also in Finnland eher ein – überwiegend weiblich geprägtes - Randphänomen.
Und begleitet wird es offenbar auch von psychischen Problemen. Denn als man die Probanden zu ihrer mentalen Verfassung befragte, stellten sich die „Wokies“ als überdurchschnittlich ängstlich und depressiv heraus. Im World-Happiness-Test der UN zu Glück und Lebensqualität rangierten sie auf den hinteren Rängen. Besonders ausgeprägt war der Trend bei dem Satz „Wenn weißhäutige Menschen ein höheres Einkommen haben als dunkelhäutige Menschen, liegt das am Rassismus“. Wer hier den höchsten Wert auf der Fünfer-Skala ankreuzte, hatte im Durchschnitt auch die stärkste Neigung zu Ängsten und Depressionen.
Die These, wonach Wokeness mit einer schlechteren mentalen Gesundheit einhergeht, wird in Psychologie und Medizin schon seit einigen Jahren diskutiert. Prominenteste Wortführerin in Deutschland ist die Rechtspsychologin und Autorin Esther Bockwyt. Sie sieht die Wokeness-Bewegung in „eine depressive und negative Endlos-Spirale“ abgleiten, die durch ihre ständigen Hinweise auf den Unterschied von Privilegierten und Unter-Privilegierten zu Schuldgefühlen führt, „die dann in den Über-Ich-Modus weitergehen und ein permanentes schlechtes Gewissen erzeugen“. Eine explizite Studie zu dem Thema gab es bislang jedoch nicht - Studienleiter Lahtinen hat jetzt die erste dazu vorgelegt.
Er selbst sieht seine Ergebnisse mit Fragezeichen. Denn seine Probanden waren Finnen, was die Übertragbarkeit der Studie auf andere Länder einschränkt, und sie wurden aus den Universitäten und der Leserschaft einer Tageszeitung rekrutiert, ihr Bildungsniveau kann man also nicht als repräsentativ für eine Bevölkerung ansehen. Außerdem waren sie, wie sich in weiteren Interviews herausstellte, politisch überwiegend links orientiert - und dort trifft man traditionell öfter auf woke Ansichten als im konservativen Lager.
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Ganz zu schweigen davon, dass die Studie nicht zeigt, dass Wokeness die mentale Gesundheit einschränkt, sondern nur, dass beide irgendwie zusammenhängen. Durchaus möglich also, dass Menschen, die schon depressiv und ängstlich sind, mehr als andere auf wokes Gedankengut zurückgreifen. Hierfür spricht auch, dass Frauen doppelt so häufig mit einer Depression diagnostiziert werden wie Männer - und bei den „Wokies“ fällt der Geschlechterunterschied genauso deutlich aus.