Melle Expertin aus Melle über hochbegabte Kinder, die es schwer in der Schule haben
Hochbegabte Kinder schreiben nur gute Noten und überspringen Klassen? Genau das Gegenteil ist oftmals der Fall. Sie werden mitunter falsch eingeschätzt und zu wenig gefördert. Eine Expertin aus Melle erklärt, mit welchen Problemen hochbegabte Kinder und ihre Eltern kämpfen.
Carolina Wischmann ist Familienberaterin und Elterncoach in der pädagogischen Praxis in Melle. Die studierte Sozialarbeiterin arbeitet mit hochbegabten Kindern und deren Eltern zusammen. Aus eigener Erfahrung weiß die 30-Jährige jedoch, dass Hochbegabung ein schweres Laster sein kann und auch das Familienleben oft stark belastet. Im Interview erzählt Wischmann, die selbst vor 20 Jahren als hochbegabt eingestuft wurde, was in den Kindern vorgeht und wie man sie am besten in der Schule und im Alltag unterstützen kann.
Frage: Sie lösen komplizierte Mathe-Aufgaben, können mit drei Jahren lesen und im Grundschulalter eine Mozart-Sonate spielen – so stellen sich viele Menschen ein hochbegabtes Kind vor. Aber hat das mit der Realität überhaupt etwas zu tun, Frau Wischmann?
Antwort: Es gibt diese Kinder. Das sind auch die, die wir immer mal wieder im Fernsehen sehen oder von den wir in der Presse lesen. Aber das ist nicht der Normalfall. Ich hatte noch nie Eltern in der Praxis, die sich gefreut haben, dass ihr Kind hochbegabt ist. Die kommen immer erst dann, wenn die Herausforderungen zu Hause so groß sind und sie nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Auch manche Kinder sind verzweifelt, weil sie schnell reflektieren, dass sie anders sind. Dieses Anderssein beschreibt Hochbegabung eher.
Frage: Inwiefern sind diese Kinder anders?
Antwort: Sie können viele Dinge, oft auch viel früher als andere Kinder. Sie sind vielfach interessiert, zum Beispiel am Weltraum. Oder sie sind gute Beobachter. Sie wissen genau, welche Kinder sich gut verstehen und was am Tag im Kindergarten passiert ist. Sie sitzen manchmal einfach nur auf einem Sofa im Kindergarten und beobachten die ganze Gruppe und können davon hinterher detailliert erzählen. Dinge, die wir im Alltag übersehen, sehen sie. Sie bringen sich selber kaum ein, können aber vorausschauend denken und Bewertungen für sich finden. Die meisten hochbegabten Kinder verbindet ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit.
Frage: Was geht in den Kindern vor, wenn sie merken, dass sie anders sind?
Antwort: Sie fühlen sich vor allem nicht verstanden. Es entwickelt sich das Gefühl, nicht dazuzugehören oder doof zu sein. Weil die Vergleichsmasse anders reagiert und sich anders verhält. Der Vergleich mit anderen Kindern kann dazu führen, sich selber infrage zu stellen. Hochbegabte Kinder haben deshalb oftmals auch ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.
Frage: Wie wird eine Hochbegabung diagnostiziert?
Antwort: Es dauert mitunter sehr lange, bis Eltern überhaupt auf das Thema Hochbegabung kommen. Weil es oftmals ja nicht die Kinder sind, die mit drei Jahren schon perfekt Geige spielen können. Festgestellt wird Hochbegabung immer noch über den IQ. Wir haben in der Praxis beispielsweise Kinder mit einem IQ von 130 oder darüber, die noch nicht mal in der Schule sind. Die Tests dürfen nur Psychologen machen. Umfassende Tests können bis zu drei Stunden dauern. Manche Kinder blühen dabei richtig auf, weil sie das so toll finden und auf einmal jemand da ist, der an sie glaubt. Und dann können diese Kinder wirklich tolle Sachen abliefern.
Frage: Gute Zeugnisse und Klassen überspringen: Wie kommen hochbegabte Kinder in der Schule zurecht?
Antwort: Diese Kinder haben Begabungen, können beispielsweise gut rechnen und gut schreiben können. Manche hochbegabte Kinder können jedoch nicht gut lesen, weil der Kopf tausendmal schneller ist, als die Augen gucken können. Oftmals vermuten Lehrer dann eine Leserechtschreibschwäche, dabei müssten die Kinder ganz anders lesen lernen. Viele dieser Kinder meinen, es ergebe keinen Sinn, was in der Schule passiert, weil es einfach doof ist: Man bekommt was erzählt von einem Lehrer und dann wird es nochmal wiederholt. Dann soll man es vielleicht auch nochmal aufschreiben. Und Zuhause soll man das Ganze alles nochmal machen. Da ist der Spaß am Lernen weg. Und das macht sie in der Schule nicht gerade zu den Beliebtesten bei den Lehrern.
Frage: Werden hochbegabte Kinder also oft falsch eingeschätzt?
Antwort: Sicher gibt es Lehrer, die diese Kinder nicht verstehen können. Weil die Kinder auch nicht einfach sind: Sie schmeißen zum Beispiel mit Tischen und Stühlen um sich. Andere hochbegabte Kinder wiederum sind total angepasst. Diese Kinder richtig einzuordnen, ist eine große Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass wir in den Förderschulen auch einige hochbegabte Kinder sitzen haben, die durch das System gefallen sind. Im Idealfall können sie nach der Schule noch zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Es kann aber auch sein, dass sie schon gebrochene Flügel haben und kein Wille mehr da ist, um zu zeigen, was sie wirklich alles können. Es sind zudem ja auch Kinder, die sehr sensibel sind. Das war ich zum Beispiel auch. Im Idealfall haben die Kinder eine Person, die an sie glaubt. Schön ist es natürlich, wenn dies – neben den Eltern – noch eine Lehrkraft ist. Dann ist ganz viel möglich und die Kinder können auch gut in der Schule „überleben“.
Frage: Haben Sie unschöne Momente in Erinnerung?
Antwort: Ich hätte gerne jemanden in der Schule gehabt, der sich die Zeit für meine Fragen nimmt und sie in Ruhe mit mir bespricht. Denn ich hatte sehr viele Fragen. In der Abizeitung stand, dass ich die bin, die die dümmsten Fragen stellt. Ich wollte viele Dinge einfach genau wissen, verstehen und hinterfragen. Viele empfinden diese Fragen aber als unnötig und unwichtig. Die Diagnose „Hochbegabung“ hat mir später geholfen, denn es gab einzelne Lehrer, die aufgrund des Testergebnisses bereit waren, sich nochmal individuell und näher mit mir auseinanderzusetzen und nicht aufgrund der oft schlechten Noten sofort den Schulwechsel vorgeschlagen haben.
Frage: Sie begleiten viele dieser Familie in der pädagogischen Praxis: Wie belastend ist die Situation für die Eltern?
Antwort: Die Eltern kommen in die Praxis, wenn sie alles andere schon ausprobiert haben. Wir begleiten die Eltern und Kinder meistens über einen langen Zeitraum. Manchmal gibt es wöchentliche oder auch nur monatliche Treffen. Oder auch nur Termine für den Übergang von dem Kindergarten in die Schule oder den Wechsel in die weiterführende Schule. Für Eltern ist die Situation vor allem herausfordernd, wie wir mit den Kindern arbeiten. Weil die natürlich möchten, dass wir schnell arbeiten, damit sich grundlegend etwas verändert. Wir wollen dem Kind bei den Besuchen aber erstmal einen Raum geben, in dem nur sie bestimmen und zur Ruhe kommen können. Denn: Erwartungen erfüllen und dass immer jemand auf das Kind einredet, das kennen diese Kids ja ziemlich gut aus Schule oder Kindergarten – und auch von Zuhause. Alle Eltern, die in die Praxis kommen, haben aber auch ein gemeinsames Ziel: Sie wollen, dass das Kind glücklich wird und der Alltag entspannter abläuft. Und daran arbeiten wir zusammen.
Frage: Wie genau sieht die Arbeit mit hochbegabten Kindern aus?
Antwort: Was nie funktioniert: Wenn ich etwas vorbereite und denke, heute könnten wir das oder jenes machen, weil das beim letzten Mal so toll war. Also wir könnten nochmal eine Rakete bauen oder sowas. Die Stunden beginnen immer leer. Dadurch haben wir Raum. Wir gucken gemeinsam, was wir zusammen machen wollen. Ich gehe mit den Kindern in den Materialraum, manchmal reden wir aber auch nur. Es gibt Kinder, die setzen sich ganz bewusst mit dem Rücken zu mir. Einige brauchen Stifte zum Malen, Knete oder Ton, damit sie mit den Händen arbeiten können, um dann reden zu können. Das sind dann überwiegend die Älteren und sehr kreative Köpfe. Diese Freiheiten sind wichtig. Im Alltag haben sie oft das Gefühl, dass ständig Anforderungen an sie gestellt werden, sobald sie das Haus verlassen.
Frage: Diagnose Hochbegabung: Wie hat das Ihr Leben bis heute beeinflusst?
Antwort: Das Ergebnis damals hat mir letztendlich sehr geholfen, dass ich niemals aufgebe an mich selbst zu glauben. Dadurch, dass meine Noten in der Schule eher durchschnittlich oder im unteren Bereich waren, hatte ich nämlich oft Selbstzweifel, obwohl ich nie das Gefühl hatte, dumm zu sein. Es hatte damals für mich aber alles nicht zusammengepasst. Jetzt im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach einen anderen Lernansatz gebraucht, um auch gute Ergebnisse abliefern zu können.
Frage: Welchen Tipp können Sie Eltern mit einem hochbegabten Kind geben?
Antwort: Immer zu dem Kind zu halten, das ist das Wichtigste. Man macht vielleicht nicht alles richtig, aber man sollte an das Kind glauben. Schlimm wird es dann, wenn sich die Eltern mit der Schule verbrüdern und gegen das Kind agieren. Dann hat das Kind meistens schon verloren. Die Kinder müssen ab irgendeinem Zeitpunkt aber auch lernen, die Verantwortung für sich und ihr Handeln zu übernehmen. Weil sonst funktioniert es später in keinem Bereich.