Osnabrück Selbst denken mit Kant: Warum ist der Imperativ so kategorisch?
Selbst denken mit Immanuel Kant: Wie hilft uns der große Denker heute bei Gewissenskonflikten? Philosoph Heiner Hastedt erläutert im Gespräch Kants Konzeption des Kategorischen Imperativs.
Kann man sich unter Berufung auf Immanuel Kant wirklich aus jedem Dilemma reden? Adolf Eichmann hat es versucht. Der Organisator der Massendeportationen von Juden in die Konzentrationslager beruft sich vor dem Gericht 1961 in Jerusalem darauf, nur aus Pflicht gehandelt zu haben. Eichmann zitiert Immanuel Kant und dessen Kategorischen Imperativ. Diese philosophische Regel sei ihm Richtschnur gewesen, argumentiert Eichmann.
Aber kann man seine persönliche Verantwortung in Fragen von Gut und Böse an einen abstrakten Pflichtbegriff abgeben? Nein, sagt schon damals die Philosophin Hannah Arendt, die als Beobachterin den Eichmann-Prozess verfolgt.
Sie prägt mit Blick auf den hohen Nazi-Offizier nicht nur das Wort von der Banalität des Bösen. Sie weist Eichmann auch einen entscheidenden Denkfehler nach. Immanuel Kant plädiert nicht für blinden Gehorsam, sondern für den Menschen, der selbst denkt und die Folgen seiner Handlungen in eigener Verantwortung abwägt.
Wie heißt es bei Kant? „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“: Die Formulierung aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von 1785 ist kein goldenes Lineal, mit dem sich jeder moralische Konflikt entscheiden ließe. Kant macht dem Einzelnen nur eine Vorgabe – das eigene Handeln gründlich zu prüfen.
„Die allgemeine Botschaft des Kategorischen Imperativs ist seine Universalität. Niemand soll mehr unberücksichtigt bleiben. Mit diesem Ansatz wendet sich Kant auch gegen die Herrschaftsverhältnisse seiner Zeit und die mit ihnen einhergehenden Privilegien“, sagt Heiner Hastedt, Philosoph von der Universität Rostock. Mit anderen Worten: Wenn es um das richtige Handeln geht, hat niemand ein Vorrecht. Gleiches Recht - und gleiche Sorgfaltspflicht - für alle. In Kants Welt der hohen und niederen Stände ist das eine Ungeheuerlichkeit.
Der Mensch hat sich selbst zu steuern – aus Gründen, die ihm die eigene Vernunft eingibt. Ein hoher Anspruch, den Kant da stellt, ein zu hoher womöglich. Das meint jedenfalls Heiner Hastedt. „Meiner Ansicht nach hat Immanuel Kant keine Ethik für reale Menschen entworfen. Wer Neigungen, Interessen und auch Gefühle der Empathie völlig aus der Ethik verbannt, hat anschließend ein Motivationsproblem“, sagt der Rostocker Professor.
Dabei klingt Kants Kategorischer Imperativ so verführerisch plausibel wie die Regel, nach der man andere Menschen so behandeln soll, wie man von ihnen selbst behandelt werden möchte. Aber was heißt das im Einzelfall? Und wie genau muss eine Handlungsweise beschaffen sein, dass sie die Vorlage zu einem Gesetz abgeben, also für alle gelten könnte?
Selbst der Nazi-Täter Adolf Eichmann glaubte sich und sein unfassbares Handeln von dieser Maxime gedeckt. Wie war das möglich? Heiner Hastedt verweist auf die problematische Karriere, die der Kategorische Imperativ im deutschen Bürgertum genommen hat. „Der Kategorische Imperativ wird im 19. Jahrhundert nicht selten zu einer Ersatzreligion des Bildungsbürgertums. Er sinkt zu einem leeren Kulturgut herab“, kritisiert der Philosoph.
Kants hoher Gedanke – eine leere Ausrede für Menschen, die es sich im Stil von Sonntagsreden bequem machen? Hastedt vermisst jedenfalls den Dialog, wenn er an Kants berühmtes Diktum geht. In ethischen Zweifelsfragen müsse man dem anderen zuhören, in den Diskurs eintreten, meint der Rostocker Philosophie-Experte. Die einsame Entscheidung hilft nicht immer weiter, der Verweis auf eine Goldene Regel, die für alles und jedes gelten soll, schon gar nicht.
„Ich sehe die Gefahr und Grenzen des Kategorischen Imperativs darin, dass er die alltägliche Lebenswirklichkeit nicht erreicht und diese den vermeintlichen Sachzwängen überlässt“, sagt Heiner Hastedt und ergänzt: „Diese schlechte Alternative wird den handfesten normativen Konflikten in einer pluralistischen Gesellschaft nicht gerecht“.
Nach Hastedt muss eine Ethik gerade Einzelfällen und Grenzfragen gerecht werden. Mit solchen Fragen sieht sich eine Gesellschaft in Zeiten heftiger Veränderungen konfrontiert. Heiner Hastedt attestiert dem Kategorischen Imperativ ein Anwendungsproblem, etwa bei medizinischen Grenzfragen.
Adolf Eichmann machte es sich leicht mit dem Kategorischen Imperativ, verwies auf höhere Kräfte, die ihm das Handeln während des Nationalsozialismus diktiert hätten. Was immer sich gegen Kant einwenden lässt – den schwachen Opportunisten hatte er nicht im Blick, eher das selbstbewusste Individuum, das sich das eigene Denken auch von einem Diktator nicht verbieten lässt. Was sagt Kant gleich nach seinem Kategorischen Imperativ in der „Metaphysik der Sitten“? Dass das Wort von der Pflicht womöglich ein „leerer Begriff“ sein könnte.