Frankfurt  1974er-Weltmeister Bernd Hölzenbein ist tot: Lebt seine Schwalbe weiter?

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 16.04.2024 16:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bernd Hölzenbein am Ball für die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1978. Foto: IMAGO/Werek
Bernd Hölzenbein am Ball für die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1978. Foto: IMAGO/Werek
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Eintracht Frankfurts Fußballlegende Bernd Hölzenbein ist gestorben. Der Weltmeister von 1974 erlag seiner Krankheit. Doch sein Erbe reicht über das Spielfeld hinaus – vom umstrittenen Elfmeter bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen. Doch unser Kolumnist Udo Muras findet: Eine Schwalbe macht noch keinen Menschen.

Ans Telefon ging er schon länger nicht mehr, Anrufer wurden von seiner Frau Jutta bedient. Weitergeleitet nicht, denn Bernd Hölzenbein litt auf seine letzten Monate an der Krankheit, vor der auch Weltmeister nicht gefeit sind: Demenz.

Am Montag ist die Vereinslegende von Eintracht Frankfurt verstorben und damit schon der dritte Weltmeister, der im Kalenderjahr 2024 in den Fußballerhimmel eingegangen ist. Nach dem Alleskönner Franz Beckenbauer und dem Elfmeterspezialisten Andreas Brehme stößt nun also der Mann, der die Elfmeter herausholte, zur himmlischen DFB-Auswahl.

Womöglich wird er dort erst einmal auf der Bank sitzen, so wie bei seinem größten Erlebnis, der WM 1974. Am Ende aber stand der vielseitige Stürmer, der Rechts- und Linksaußen gleichermaßen spielen konnte und zuweilen auch die zentrale Spitze gab, auf dem Platz.

40 Mal trug er den Bundesadler auf der Brust, auch im EM-Finale 1976 und bei der WM 78 in Argentinien. Doch wer denkt nicht an das WM-Finale gegen die Niederlande, wenn er seinen Namen hört? Und natürlich auch an jenen Moment in Minute 24, als er in seiner unnachahmlichen Art einen Elfmeter herausholte, der – formulieren wir es vorsichtig – durchaus gewollt war.

„Es bestreitet ja niemand, dass ich etwas theatralisch gefallen bin“, hat er später gesagt. Aber ein Foul sei es schon gewesen. Hundertfach hat er sich verteidigen müssen für das, was Spötter und Gegner als „Hölzenbein-Schwalbe“ (1.860 Einträge bei Google) bezeichneten.

Wir Deutschen können jedenfalls froh sein, dass es damals noch keinen VAR gab, so viel ist mal sicher – auch wenn nicht sicher ist, wie das Kontrollgremium im Kölner Keller entschieden hätte. Ihm zu Ehren sollte das im Grunde 50 Jahre danach geschehen und wenn das Ergebnis „Foul“ hieße, müsste es in alle Welt hinausposaunt werden.

„Der Holz“, wie sie den Bundesligarekordschützen der Eintracht mit 160 Toren in 14 Jahren nannten, verdient einen Abgang in Würde und nicht als Betrüger. Ein gegenteiliges Ergebnis wiederum kann man ja huldvoll verschweigen.

Ich prophezeie allerdings, dass sich keine Kommission der Welt einstimmig wird einigen können auf das, was am 7. Juli 1974 im Münchner Olympiastadion geschah – außer dass es die Wende zum Guten für unsere Mannschaft war. Bezeichnend der Kommentar von ARD-Reporter Rudi Michel damals: er schwieg einfach!

Keine Ferndiagnose, kein Zweifeln, aber auch keine Zustimmung für den Pfiff des englischen Schiedsrichters. Es war noch die Zeit, als die Schiedsrichter das Sagen hatten auf dem Platz und keine neunmalklugen Kommentatoren sich mit Sprüchen wie „Es gibt Schiedsrichter, die den Elfmeter nicht gegeben hätten“ raus wanden.

Überhaupt war es eine andere Zeit und so war es möglich, dass der Elfmeter wochenlang weder in Deutschland noch in den Niederlanden ein Thema war. Dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Ein Reporter der Bild-Zeitung fragte Hölzenbein nach seinem Urlaub, ob er vielleicht wieder mal eine Schwalbe gemacht habe wie schon im April im Pokalspiel gegen die Bayern und er will nur schelmisch mit den Augen gezwinkert haben.

Für den Boulevard war das ein lückenloses Geständnis und eine dicke Schlagzeile. Hölzenbein ging dagegen juristisch vor, was die Sache nur schlimmer machte. Fortan war er in einer Schublade und wurde allmählich zu einer jener Persönlichkeiten, deren Karriere auf einen Moment reduziert wurde.

Dazu trug er selbst bei, wenn auch mit dem ihm eigenen Humor. Bei einem Besuch in seinem Managerbüro bei der Eintracht, der er nach der Karriere in verschiedenen Funktionen noch bis 2022 diente, konnte ich mich davon überzeugen.

Auf das unvermeidliche Elfmeterthema angesprochen, warf er sofort den Videorekorder an, das Band vom Finale war schon an die entsprechende Stelle gespult, und er zeigte mir eine Super-Slow-Mo von seiner „Schwalbe“. Da ließ sich der Kontakt eines Abwehrbeines schlecht leugnen und er versicherte, von 1000 Menschen würden 999 auf Elfmeter entscheiden – wenn sie die Szene nicht kennen würden.

In den nächsten Tagen werden wir sie gewiss noch ein paar Mal sehen. Die Bundesliga wird wieder eine Gedenkminute einlegen und auf den Anzeigetafeln der Stadien werden wir den Holz vermutlich noch einmal fliegen sehen. Und die Jugend mag sich fragen: war das alles?

Natürlich nicht. Uefa-Cup-Sieger, dreimal Pokalsieger, erfolgreicher Manager – bis zu seiner Verurteilung wegen steuerlicher Vergehen im Fall Anthony Yeboah, als er für die Fehler anderer einstehen musste, weil ja verantwortlich. Für seine Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit, wenn wir über seine Schwächen reden dürfen, galt er als vorbestraft: sieben Monate auf Bewährung und 300 Sozialstunden, die er als Jugendtrainer ableistete.

All das verschwand irgendwann wieder hinter dem Tag von München, der bald 50 Jahre her ist. Bernd Hölzenbein ist tot, seine Schwalbe lebt. Das wäre ein trauriges Fazit eines erfüllten Lebens, das sich um den Fußball drehte, aber auch voller schöner Begegnungen war – für ihn und andere.

Schließen wir mit Rudi Völler, zwar aus Hanau, im Herzen aber ein Offenbacher: „Bernd Hölzenbein war ein toller Fußballer und wunderbarer Mensch, der viele Titel und noch mehr Herzen gewonnen hat.“ Wer im Rhein-Main-Gebiet lebt, der weiß: wenn ein Offenbacher so über einen Frankfurter redet, dann ist er nicht ganz bei Trost – oder er spricht von einem Freund.

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