Kiel So werden Wahlen durch TikTok und Co. manipuliert – und was dagegen hilft
Social Media ist aus dem heutigen Wahlkampf nicht mehr wegzudenken. Dabei werden populistische und extremistische Inhalte schnell zur Gefahr. Auch bei der bevorstehenden Europawahl kann dies den Rechtsruck verstärken.
„Die Ampel hat unser Land in nur zwei Jahren ruiniert“, sagt der AfD-Politiker Stephan Brandner auf dem TikTok-Kanal der AfD-Bundestagsfraktion. Inhalte dieser Art, meist populistischer Natur, erreichen auf der Plattform hunderttausende Menschen. Welchen Einfluss nimmt das auf die Europawahl in diesem Jahr? Und wie eng ist der Zusammenhang zwischen Social Media und dem Rechtsruck in Europa und Deutschland wirklich?
In ganz Europa gewinnen rechte Parteien an Popularität. Länder mit rechter Regierungsbeteiligung sind zum Beispiel Italien, Schweden oder Ungarn. Dieser Trend zeigt sich auch in aktuellen Umfrageergebnissen der Forsa-Gesellschaft zur Europawahl. In Deutschland gehört die zum Teil als rechtsextrem eingestufte AfD mit rund 16 Prozent zu den stärksten Parteien. Der EU-Abgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen Rasmus Andresen nennt als Grund dafür die wachsende Unzufriedenheit und den Frust über die aktuelle Politik. Aber auch andere Einflüsse spielen bei der jetzigen Wahl eine wichtige Rolle.
Gerade da bei dieser Europawahl bereits ab 16 Jahren gewählt werden darf, ist der Einfluss von TikTok und Co. enorm. Das merkt auch Andresen. Er selbst setzt in seinem Wahlkampf vermehrt auf die sozialen Medien. Darin sieht er die Chance, vielen Menschen erklären zu können, wie Politik funktioniert. Auch der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein, Dr. Christian Meyer-Heidemann, glaubt, dass gezielte Kampagnen in den sozialen Netzwerken mehr Menschen für Politik begeistern können.
Aber in Bezug auf die Meinungsbildung Jugendlicher sieht er darin auch eine Gefahr: „Die Risiken von Social Media sind leider größer als die Chancen“. Durch den Algorithmus auf Plattformen wie TikTok oder Instagram werden besonders polarisierende und extreme Inhalte den Nutzern häufiger angezeigt. Dr. Meyer-Heidemann erklärt, dass davon vor allem populistische Politiker profitieren. Sie versuchen, mit einseitigen Parolen und unzulässigen Verallgemeinerungen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das bestätigt der EU-Abgeordnete Rasmus Andresen.
Kommt eine Person einmal mit extremistischen Inhalten in Kontakt, sorgt der Algorithmus dafür, dass diese vermehrt angezeigt werden. Dadurch entstehe ein verzerrtes Bild der Politik. Es bestehe also durchaus die Gefahr, dass Inhalte in den sozialen Netzwerken Wähler manipulieren. Das führt laut Dr. Christian Meyer-Heidemann zu einer radikalen Wahlentscheidung.
Statistiken verdeutlichen diesen strukturellen Unterschied auf Social-Media-Plattformen. Laut einer Analyse des Politikberaters Johannes Hillje erreichen TikTok-Videos der AfD im Schnitt etwa achtmal so viele Views wie die anderer großer Parteien. Diese Zahlen stehen laut Dr. Meyer-Heidemann im engen Zusammenhang mit den hohen Umfrageergebnissen für die AfD, besonders bei den Erstwählern. Extremistischen Politikern komme es zugute, dass es in den sozialen Medien keine Qualitätskontrolle gebe. Dadurch sei es einfach, Fake News und Verschwörungstheorien leicht zu verbreiten. „Das Problem ist, dass Social Media massiv dazu beiträgt, wenn sich Menschen radikalisieren“, so der Landesbeauftragte.
Aus diesem Grund ist Rasmus Andresen der Meinung, dass es wichtig ist, sich nicht nur über TikTok zu informieren. Laut Dr. Meyer-Heidemann ist der Schlüssel, Jugendliche vor demokratiefeindlichen Inhalten zu schützen, die Medienkompetenz zu verbessern. Diese gehöre zum Bildungsauftrag und helfe dabei, Inhalte richtig einzuordnen. Dazu müsse im Politikunterricht und in allen anderen Fächern der Umgang mit Medien eine größere Rolle spielen.