Bus, Bahn, Radwege  Wie es mit der Verkehrswende im Oldenburger Münsterland aussieht

Giorgio Tzimurtas
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Von Giorgio Tzimurtas
| 16.04.2024 07:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Fast im gesamten OM unterwegs: Die Rufbusse von Moobil-Plus. Im Landkreis Vechta bietet das Streckennetz mehr Flexibilität als im Landkreis Cloppenburg, wo Moobil-Plus später startete. Landkreis Cloppenburg
Fast im gesamten OM unterwegs: Die Rufbusse von Moobil-Plus. Im Landkreis Vechta bietet das Streckennetz mehr Flexibilität als im Landkreis Cloppenburg, wo Moobil-Plus später startete. Landkreis Cloppenburg
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Es geht voran mit den alternativen Angeboten zum Auto in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg. Aber im ländlichen Raum ist manches anders als in der Großstadt.

Ob wenige oder viele Kilometer: Wer von A nach B will, kann häufig statt seines Autos mit Verbrennermotor auch den Bus, die Bahn oder das Fahrrad nutzen, auch kombiniert. Solch ein Umstieg ist ein Beitrag zur Verkehrswende – dem Wechsel von herkömmlichen zu nachhaltigen Lösungen der Mobilität. Und die dient dem Ziel, den CO2-Ausstoß zu verringern, um den Klimawandel auszubremsen.

Aber es geht auch um neue Freiräume in der Selbstbestimmung. In Deutschland liegt die Zahl der Personen ohne eine Fahrerlaubnis für einen Pkw bei rund 12,86 Millionen.

Im ländlichen Raum sind andere Bedingungen als in Großstädten

Sei es der Bus, der Zug oder das Fahrrad – mehr Klimaschutz und mehr individuelle Beweglichkeit sollen sie bieten. „Verlagerung und Bündelung“ der Mobilität sei dabei angesagt, wie der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Landtag in Hannover, Stephan Christ aus Cloppenburg, die Verkehrswende formelhaft zusammenfasst.

Allerdings: In großen Städten herrschen ganz andere Bedingungen, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu nutzen, als im ländlichen Raum. Wie sieht es also im Oldenburger Münsterland mit der Verkehrswende aus? Ein Überblick:

Landkreis Vechta: Es gehe dem Landkreis weniger um eine Verkehrswende, „sondern eher um den bedarfsorientierten Ausbau von Mobilitätsangeboten“, sagt Kreissprecher Jochen Steinkamp. Im ländlichen Raum werde der Individualverkehr immer eine wichtige Rolle neben dem ÖPNV einnehmen. Deshalb sei es Aufgabe des Landkreises, für eine entsprechende Verkehrsinfrastruktur zu sorgen. „Unabhängig davon ist es natürlich unser Ziel, die ÖPNV-Angebote in den nächsten Jahren weiter zu verbessern“, führt er aus. Beim Radverkehr sei der Landkreis Vechta ebenso „auf einem guten Weg.“

Landkreis Cloppenburg will Vorreiter bei E-Ladesäulen werden

Landkreis Cloppenburg: Auch hier geht es voran mit dem Ausbau des ÖPNV und der Radwege. Auf die Frage, ob es das explizite Ziel einer Verkehrswende gebe, hebt Kreissprecher Frank Beumker vor allem die „Steigerung von E-Mobilität und weiterer klimafreundlicher Antriebe“ hervor. Bei einem möglichst breiten Netz an E-Ladesäulen will der Landkreis laut Beumker „zum Vorreiter werden“. Mit einem kreiseigenen Förderprogramm seien Anreize geschaffen worden, um „selbst tätig zu werden und öffentliche oder halböffentliche Ladesäulen zu schaffen“.

Es gelte, demnach technologieoffen alle Möglichkeiten zu nutzen, „die dazu beitragen, wirtschaftlich sinnvoll und bezahlbar den CO2-Ausstoß nachhaltig zu reduzieren“. Er nennt Wasserstoff, E-Fuels und Biokraftstoffe.

Landkreis Vechta will auf alternative Antriebsformen setzen

Moobil-Plus-Busse und Linie OM1: Seit 2013 gibt es im Landkreis Vechta das Rufbussystem von Moobil-Plus, mit dem laut Kreissprecher Steinkamp auch der Ausbau des ÖPNV begonnen hat. Es handele sich um ein „bedarfsgerechtes Angebot für ,Jedermann‘, insbesondere mit der Anbindung und der zeitlichen Abstimmung an die Nordwestbahn“.

Seither werde der ÖPNV „konsequent ausgebaut und durch spezielle Tickets attraktiver gemacht“. Dazu zähle beispielsweise der Start der Buslinie „OM 1“ (sie gehört nicht zu Moobil-Plus) Ende 2023 oder das Pilotprojekt der Moobil-Plus-Taxen. „Der nächste Schritt wird sein, in künftigen Ausschreibungen auf alternative Antriebsformen zu setzen“, sagt Steinkamp.

Wie aber hat sich die Zahl der Fahrgäste von Moobil-Plus in den vergangenen 5 Jahren entwickelt? Steinkamp listet auf: 2019 gab es 152.814 gebuchte Fahrten. Im Jahr darauf kam es zu einem durch die Corona-Pandemie bedingten Einbruch. Es seien 111.188 Fahrten gebucht worden. Bis Ende 2022 sei mit 146.706 Buchungen fast das Vor-Corona-Niveau erreicht. Für 2023 wurden 168.115 gebuchte Fahrten registriert.

Buslinie OM 1 brachte Schub

Neukunden seien durch das 9-Euro-Ticket im Sommer 2022 hinzugekommen. Mit Einführung des Deutschlandtickets für Bus und Bahn sei es möglich gewesen, die Zahlen auszubauen. 2023 sei das stärkste ÖPNV-Jahr im Landkreis gewesen. Das sei auch auf die Einführung der landesbedeutsamen Buslinie OM1 für die Strecke Vechta-Cloppenburg zurückzuführen.

Im Landkreis Cloppenburg hat sich das Rufbussystem Moobil-Plus seit seiner Einführung vor knapp 4 Jahren laut Kreissprecher Beumker nunmehr „sehr positiv entwickelt“. Die ersten beiden Jahre seien allerdings „stark durch die Corona-Pandemie geprägt“ gewesen, es habe wenige Fahrgäste gegeben. Von Juni bis Dezember 2020 waren es lediglich 14.308. Die Nutzung des Moobil-Plus–Angebots sei bis jetzt, aber „deutlich und kontinuierlich“ angestiegen. Im Jahr 2023 lag die Zahl der Fahrgäste bei 107.969. Auch Beumker sieht die Spar-Tickets als Grund für den Schub.

Der Landespolitiker und Verkehrsexperte Christ von den Grünen sagt: „Wir machen uns im Oldenburger Münsterland auf den Weg in die richtige Richtung.“ Moobil-Plus sei ein Angebot, das eine gewisse Grundabdeckung mit Rufbusverkehren schaffe. Mit mehr Flexibilität und einer stärkeren Vernetzung nach Vechtaer Vorbild könne man das Angebot im Landkreis Cloppenburg aber attraktiver gestalten, sagt er. Es gebe zwar inzwischen Moobil-Plus in jeder Gemeinde im Landkreis Cloppenburg außer im Saterland. „Aber die Linien sind nicht darauf ausgelegt, dass ich beispielsweise von Cappeln nach Friesoythe komme oder nach Lindern“, erläutert Christ.

Christ (Grüne) fordert mehr Linien wie OM 1

Eine Bus-Verbindung wie die Linie zwischen Vechta und Cloppenburg (OM1) sei geradezu „ein Rückgrat“. Solche Linien bräuchte es noch mehr. „Zum Beispiel: Von Cloppenburg nach Löningen und nach Meppen“, führt Christ aus. Zur Wahrheit gehöre aber auch: Der Öffentliche Personennahverkehr sei „immer ein Zuschussgeschäft“.

Wie sehen die konkreten Summen der Förderung im Landkreis Cloppenburg aus? Der Cloppenburger Kreis-Sprecher Beumker sagt: Im Fall von Moobil-Plus sei „nur der Aufbau und Betrieb einer Mobilitätszentrale mit rund 425.000 Euro gefördert“ worden.

Für die seit Dezember 2023 neu eingeführte landesbedeutsame Buslinie OM1 zwischen Cloppenburg und Vechta erhält der Landkreis Cloppenburg laut Beumker anteilig jährlich eine Förderung von rund 274.696 Euro für 5 Jahre.

Bezuschussung durch Förder- und Eigenmittel

Darüber hinaus bekomme der Landkreis als ÖPNV-Aufgabenträger sogenannte Regionalisierungsmittel nach dem Niedersächsischen Nahverkehrsgesetz (NNVG). Diese belaufen sich laut Beumker auf 3.595.891 Euro jährlich. Unter anderem werde davon der Haltestellenausbau gefördert und auch ein Teil des Betriebskostendefizits von Moobil-Plus finanziert.

Aber auch Eigenmittel gehören zur Bezuschussung. Für Moobil-Plus belaufen sich dabei die Kosten der Verkehrsleistung laut Beumker für das Jahr 2022 auf etwa 2,1 Millionen Euro. Demgegenüber stünden rund 617.000 Euro an Kostenbeteiligungen der Kommunen im Landkreis.

Für die Buslinie OM1 zwischen Cloppenburg und Vechta sei für den Landkreis mit Kosten in Höhe von rund 423.000 Euro zu rechnen – bereits abzüglich der Fördergelder von der LNVG und Fahrgeldeinnahmen.

Landkreis Vechta gibt 1,5 Millionen Euro pro Jahr für ÖPNV

Im Landkreis Vechta sind für den ÖPNV in den letzten 5 Jahren durchschnittlich 1,5 Millionen Euro pro Jahr ausgegeben worden, wie Kreissprecher Steinkamp berichtet. „Die Fördermittel sind bei dieser Summe bereits abgezogen.“ In dem Betrag seien die Ausgaben für Moobil-Plus und weitere Busverbindungen wie die Linie 585 zwischen Neuenkirchen-Vörden und Osnabrück enthalten. Die neue landesbedeutsame Buslinie zwischen Cloppenburg und Vechta (OM1) werde mit jährlich 260.000 Euro vom Landkreis mitfinanziert.

Wie sieht es mit Fördergeldern in den vergangenen fünf Jahren aus? Der Start des Pilotprojekts der Moobil-Plus-Taxen wurde laut Steinkamp mit 180.000 Euro vom Bund gefördert.

Hohe Quote an Radwegen

Radwege: Der Landkreis Vechta verfüge über 242,33 Kilometer an Kreisstraßen, von denen 220,25 Kilometer mit Radwegen versehen sind, sagt Steinkamp. Das entspricht einer „Radwegequote“ von 91 Prozent entlang der Kreisstraßen. Ziel sei es, auf 100 Prozent zu kommen.

In den vergangenen 5 Jahren hat der Landkreis den Angaben zufolge 2,5 Millionen Euro für den Radwegebau zur Verfügung gestellt, im Fall der Kreisstraße Meyerhöfen war auch eine Fahrbahnsanierung inbegriffen. Eine Landesförderung von 300.00 Euro gab es für die Strecke entlang der Kreisstraße 262 Carum – Märschendorf.

Konkrete Pläne für den Neubau von Radwegen gibt es für diese Strecken: Von Deindrup bis zur Kreisgrenze (0,844 Kilometer/K257), von Lohne bis zur Kreisgrenze (1,27 Kilometer/K265), von Dinklage bis zur Kreisgrenze (2,002 Kilometer/ K267), und von Fladderlohausen bis Gehrde (3,447 Kilometer/K275).

Aber auch entlang der Bundes- und Landesstraßen gibt es eine hohe Quote an Radwegen. Die rechnerische Aufschlüsselung: An 74 Prozent der 34,3 Kilometer an Bundesstraßen im Landkreis Vechta führen Radwege entlang. Und an 94,5 Prozent der 208,7 Kilometer an Landesstraßen. Das gab Christine Wehlage, Sprecherin der zuständigen Geschäftsstelle Osnabrück der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV), bekannt. Sie sagt: „Im Landkreis Vechta haben wir im Vergleich zu anderen Landkreisen in Niedersachen erfreulicherweise eine sehr hohe Zahl an Radwegen entlang der Bundes- und Landesstraßen.“

Darüber hinaus habe der Landkreis 2020 die Förderrichtlinie für den Neu- und Ausbau von Radwegen zur Schaffung interkommunaler schneller Radrouten geschaffen, sagt Steinkamp. Damit soll die Sicherheit im Straßenverkehr verbessert werden. „Zudem soll der Anteil der Radfahrenden am Gesamtverkehr durch Förderung von direkten, schnellen und sicheren Verbindungen zwischen den Städten und Gemeinden außerhalb der Hauptverkehrsstraßen erhöht werden.“ Für die Erstellung eines Radwegeverkehrskonzeptes sei ein Planer eingestellt worden. Steinkamp: „Für den Landkreis Vechta ist es wichtig, gemeinsam mit den Kommunen ein Radwegenetz aufzubauen, das Radschnellverbindungen von Kommune zu Kommune beinhaltet.“

Der Landkreis Cloppenburg hat seit 2021 sein Radwegausbauprogramm beschlossen, über das zunächst sechs Radwegverbreiterungen vorgesehen sind, teilt Beumker mit. Aus diesem Programm gehen demnach in diesem Jahr mit der K 173 und der K 150 die ersten Abschnitte in die Verbreiterung auf mindestens 2,50 Meter. Für die K 168 und K 145 würden bereits die konkreten Planungen laufen, die beiden Abschnitte sollen 2025 baulich umgesetzt werden.

Auch ein Programm, wodurch schmale Fahrbahnen auf mindestens 6 Meter verbreitert werden sollen, gebe es. Die begleitenden Radwege sollen auf die Regelbreite von 2,50 Metern gebracht werden. Der Landkreis plane auch eine Radvorrangroute. Es gebe eine Machbarkeitsstudie für die Bereiche Landkreisgrenze Cloppenburg/Vechta bis Garrel und von Garrel bis zur Landkreisgrenze Cloppenburg/Leer.

30-Minuten-Takt wegen Eingleisigkeit nicht möglich

Entlang der Landes- und Bundesstraßen weist auch der Landkreis Cloppenburg eine hohe Quote an Radwegen auf. Landesstraßen gibt es hier mit einer Länge von insgesamt 122,77 Kilometern, davon sind 95,82 Prozent von Radwegen flankiert. Bundesstraßen ziehen sich in einer Länge von 66,32 Kilomeern durch den Landkreis. Davon sind 57,50 Prozent von Radwegen begleitet. Das teilte die zuständige NLStBV in Lingen mit.

Schienenverkehr: Züge im Stundentakt – das gibt es seit November 2000 in der Region. Seitdem betreibt die Nordwestbahn im Auftrag der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) das Weser-Ems-Netz. Durch das Oldenburger Münsterland verlaufen zwei Strecken: Die von Wilhemshaven über Oldenburg und Cloppenburg nach Osnabrück. Und die von Bremen über Vechta nach Osnabrück. Es gibt Anbindungen an das Rufbussystem von Moobil-Plus.

Der Verkehrspolitiker Christ von den Grünen sagt allerdings: Es brauche als Grundangebot einen 30-Minuten-Takt, „um Leute überzeugen zu können, ihr Auto stehen zu lassen“. Mehr Zugverkehr sei hier aber realistisch nicht möglich, weil es meistenteils nur ein Gleis für beide Richtungen gebe.

Ausschreibung für Elektrifizierung Anfang der 30er Jahre

Aber: Für die Strecke Oldenburg-Osnabrück über Cloppenburg sei vorgesehen, dass bei einer künftigen Ausschreibung Anfang der 30er Jahre die Strecke elektrifiziert und abschnittsweise zweigleisig ist. „Das ist im Moment der Plan des Landes Niedersachsen“, sagt Christ. Da Elektroloks schneller beim Anfahren seien als Dieselfahrzeuge, führe das „zur Stabilisierung des Fahrplans“. Auch eine 30-Minuten-Taktung werde möglich.

Außerdem: Bei der vom Land vorgesehenen Reaktivierung von Bahnstrecken sind auch zwei im Landkreis Cloppenburg dabei, die in die nächste Stufe der Untersuchung aufrücken. Und zwar Cloppenburg-Friesoythe-Ocholt und Essen-Löningen-Meppen. Dafür haben sich unter anderen der Landkreis Cloppenburg, Bürgermeister und Christ eingesetzt.

Haushaltsumfrage im Landkreis Vechta

Weitere Pläne: Der Landkreis Vechta beabsichtigt laut Steinkamp, noch im Frühjahr 2024 eine Haushaltsbefragung zum Mobilitätsverhalten und die Erhebung des „Modal Split“ (Aufteilung der Verkehrsnachfrage auf verschiedene Verkehrsmittel) durchzuführen. Auch für den ÖPNV gebe es Pläne. Hierzu zählt etwa die Einrichtung einer landesbedeutsamen Buslinie zwischen Vechta und Diepholz und der bedarfsgerechte Ausbau der Moobil-Plus-Linien. Zudem habe sich die Runde der Hauptverwaltungsbeamten im Oldenburger Land dafür ausgesprochen, die Nordwestbahn-Verbindung zwischen Osnabrück und Bremen auf einen Halbstundentakt zu erhöhen und ein Schiene-Bus-Grundnetz in der Region Weser-Ems aufzubauen.

Der Landkreis Cloppenburg verfolgt neben der Reaktivierug von zwei Bahnstrecken laut Beumker das Ziel, die Linien-Genehmigungen zu harmonisieren, um zukünftig eine gebündelte Genehmigungserteilung „im Rahmen eines eigen- oder gemeinwirtschaftlichen Wettbewerbes zu ermöglichen oder Direktvergaben durchzuführen“. Beumker: „Der Landkreis Cloppenburg möchte so das ÖPNV-Angebot in seinem Gebiet stärker selbst bestimmen und gegebenenfalls dort ausbauen, wo es sinnvoll erscheint.“

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