Hamburg Ruhestand auf der Unibank: Warum diese Senioren nochmal studieren
Immer mehr Menschen zieht es im Ruhestand an die Unis. Drei Rentner aus Norddeutschland berichten, warum sie nochmal die Unibank drücken.
Im Hörsaal fallen sie zwischen den jungen Studierenden schnell auf: Rund 2000 ältere Menschen nehmen an der Universität Hamburg am sogenannten Kontaktstudium vom Zentrum für Weiterbildung (ZfW) teil. Ohne Zugangsvoraussetzungen, Leistungs- und Prüfungsdruck haben Rentner dort die Gelegenheit, sich persönlich weiterzubilden, ohne einen Studienabschluss zu erlangen. Wer sind die Menschen, die es im Ruhestand in den Hörsaal zieht?
Cord Hasselmann (67) aus Winsen-Luhe: „Als ich in Rente ging, bin ich erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich bin Volljurist und habe eine Bank geleitet, aber als Aussteiger aus dem Beruf wollte von meiner Firma niemand mehr was von mir wissen. 2019 bin ich dann an die Uni Hamburg gegangen und habe mich für Vorlesungen zum Thema Kunst und Römische Geschichte entschieden. Außerdem Jura, denn ich wollte den Vergleich zu meinem damaligen Studium in Bonn und Göttingen haben. Es herrscht mittlerweile sehr viel mehr Druck an der Universität als früher und ich bewundere die jungen Leute hier. Als 2020 die Corona-Pandemie ausbrach, hatten alle Angst sich zu treffen, da war das Kontaktstudium ein totaler Segen, denn ein Mal im Monat haben wir uns alle digital zusammengeschaltet. Es gibt Menschen, die genießen es in ihrem Ruhestand den Garten schönzumachen, aber eine Rose zu schneiden, hat mich nie so angesprochen.“
Dr. Gisela Schumann (67) aus Bad Segeberg: „Ich bin seit Anfang des Jahres im Ruhestand und möchte zum Wintersemester mit dem Studium beginnen. Vor allem Archäologie, Biologie, aber auch Jura interessieren mich sehr. Ich habe viele Jahrzehnte selbstständig als Hausärztin gearbeitet und seitdem ich vom Kontaktstudium gehört habe, war mir klar, dass ich das machen möchte, sobald ich im Ruhestand bin. Ich fange gerade an, mein Leben sehr zu genießen. Endlich ist die Medizinblase, in der ich lange gelebt habe, geplatzt und ich habe wieder viele andere soziale Bindungen, die mir gut tun. Dazu gehört auch eine neue Liebesbeziehung. Im Sommer möchte ich nochmal einige Reisen unternehmen, aber dann will ich wieder was mit meinem Kopf tun, denn es gibt noch so viele Dinge, die ich wissen und verstehen will.“
Karl-Heinz Bahr (78) aus Einloh: „Acht Jahre lang habe ich meine Frau gepflegt, die an Parkinson gestorben ist. Das habe ich ehrlich gesagt total unterschätzt und es war eine sehr zehrende Zeit. Ich habe mich in einem Tunnel befunden, bin jeden Morgen um halb sechs aufgestanden, habe sie ins Badezimmer gebracht, ihr Frühstück zubereitet und so weiter. Nach ihrem Tod wusste ich, dass ich jetzt etwas für mich machen muss. Etwas, was meinen Kopf und meine Augen wieder fordert. Seit letztem Wintersemester bin ich nun an der Uni und habe mich für Vorlesungen der Philosophie und Volkswirtschaft entschieden und es war das beste, was ich machen konnte. Auch mit den jungen Studierenden komme ich gut zurecht, obwohl immer ich den ersten Schritt machen muss, um in Kontakt zu treten. Als Sabbelheini, der ich bin, fällt mir das aber nicht schwer. Besonders beeindruckend finde ich, wie viel einfacher das Lernen mittlerweile geworden ist, weil es alles digital gibt. Trotzdem stoße ich regelmäßig an meine Grenzen – aber meine Enkeltochter hilft mir dann.“