Osnabrück Caspar David Friedrich: Warum alle den Romantiker sehen wollen
Langweilig, angestaubt? Caspar David Friedrich bricht alle Rekorde. Die Hamburger Kunsthalle meldet Rekordbesuch. Und die Tour geht weiter. Diese Sehnsucht nach Romantik hat besondere Gründe.
Hoch im Norden: 335.000 Besucher wollten die Bilder von Caspar David Friedrich sehen. Das vermeldet die Hamburger Kunsthalle nach dem Ende der Ausstellung. Am 19. April 2024 geht es für den Romantiker in Berlin gleich weiter, dann folgt noch Dresden. Caspar David Friedrich auf Tour. Ob ihm am Ende des Jahres eine Million Menschen gehuldigt haben werden? Abwegig ist diese Prognose nicht.
Das Format des Blockbusters, es sollte sich für die Welt der Kunst überlebt haben. So hieß es zuletzt unter Kuratoren. Die Hamburger Schau zeigt das Gegenteil. Der einsame pinselnde Friedrich ist so populär wie ein Rockstar auf der Bühne. Unglaublich? Nein, nur Konsequenz einer der unglaublichsten Erfolgsgeschichten der Kultur – jener der Kunst, die von einem Vergnügen der Kenner zu einem Erlebnis für Massen avanciert ist.
Zweite Überraschung: Nicht nur Historie überhaupt hat Konjunktur, auch die Romantik ist wieder voll da. Die Deutschen schauen in den Spiegel ihrer Geschichte, gerade jetzt, in Zeiten der Verunsicherung. Das gilt nicht allein für die Goldenen Zwanziger vor einhundert Jahren, glanzvolle Epoche, auf die der Absturz in die Finsternis der Nazi-Zeit folgte.
Der Blick gilt überhaupt den Epochen des Übergangs. Wie geht es weiter? Was wird werden? Caspar David Friedrichs einsame Wanderer scheinen diese Frage unentwegt zu stellen. Die Menschen am Meeresufer, die Männer, die in sich versunken den Mond betrachten, sie stehen für eine Gesellschaft im Wartestand. Erwartung oder Resignation: Welches Gefühl gewinnt dabei die Oberhand?
Ich finde es ermutigend, dass so viele Menschen in der Kunst offenbar nicht nur Orientierung suchen, sondern auch Momente der Stille, der Besinnung. Das Tempo der Talkshows, der Postings, das Klima der Hasstiraden – Viele haben es satt. Sie wählen Entschleunigung, nicht als sattes Dösen, sondern als Ruheraum für ein neues Hinschauen.
Das Leben muss schön gewesen sein zu jener Zeit, in der Caspar David Friedrich lebte und arbeitete. Seine Lebenszeit kennt nicht nur intensive kulturelle Aktivität, sie sieht auch den Aufbruch zur Freiheit, in ganz Europa.
Während ich vor Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ stehe, denke ich daran, dass in jener Zeit auch ganz andere Kunstwerke entstanden. Eugène Delacroix malte „Die Freiheit führt das Volk“, Heinrich Heine sandte seine Reportagen aus Paris nach Deutschland. Der Dichter und Publizist berichtete nicht nur von einer neuen, ganz unerhörten Freiheit, er lebte sie auch.
Friedrichs Bildfiguren scheinen auf diese Freiheit noch zu warten. Ich finde, dass seine Bilder uns daran erinnern, wie lang der Weg zur Freiheit war, unter welchen Mühen sie erkämpft werden musste. Ich bin sicher, dass viele der Museumsbesucher, die jetzt vor seinen Bildern stehen, auch diesen Gedanken nachhängen.
Der Blick in vergangene Zeiten, er muss nicht nur den Krisen und Katastrophen gelten, er darf sich auch öffnen für Anfänge und Aufbrüche. In diesem Sinn geben die Bilder Caspar David Friedrichs heute Mut und Stärke – gegen die Anfeindungen jener, die zurück wollen in eine Zeit der alten Unfreiheit.