Hilfe bei der Trennung Warum dieser Mann Ehen zerstört
Torsten Geiling ist Trennungscoach und berät Menschen von Ostfriesland bis Bayern im Schlussmachen. Im Interview erzählt er, warum Männer eine Affäre manchmal als Unterstützung brauchen.
Emden - Wer verlassen wird, erfährt oft viel Unterstützung und Rückhalt durch Familie und Freunde. „Und das ist auch richtig“, sagt Torsten Geiling. Aber er möchte ganz bewusst die andere Seite unterstützen – die Schlussmacher. Geiling ist Trennungscoach und hätte sich vor seiner eigenen Scheidung damals jemanden wie sich an seiner Seite gewünscht. „Man gilt als der Böse, weil man ja das Ganze beendet, man ist selbstsüchtig, und es wird gar nicht gefragt, ob man vielleicht selbst schon über Jahre gelitten und sich einsam gefühlt hat“, sagt Geiling. Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen von Ostfriesland bis Bayern bei einer möglichen Trennung zu beraten. Warum er eine Affäre Unterstützung nennt und was das alles mit Unternehmenskommunikation zu tun hat, hat er uns erzählt.
Eigentlich war Geiling lange Zeit zunächst in der Medienbranche und dann in der Kommunikationsberatung tätig. Irgendwann sei ein Bekannter auf ihn zugekommen mit der Frage: „Sag mal, du machst doch Outplacement, oder?“ Beim sogenannten Outplacement helfen Unternehmen ihren ausscheidenden Mitarbeitern, ihren Übergang in eine neue berufliche Phase zu erleichtern. Als Geiling gefragt habe, ob der Bekannte sich beruflich verändern wolle, sei die Antwort gewesen: „Nee, ich möchte mich von meiner Frau trennen.“ Also haben sich der damalige Kommunikationsberater und sein Bekannter einfach mal zusammengesetzt. Das sei zwar sehr pragmatisch gedacht gewesen, habe aber so gut funktioniert, dass sich bald darauf der nächste Bekannte gemeldet habe. „Da habe ich gemerkt: Es ist anscheinend Bedarf am Markt“, sagt Geiling. Gemeinsam mit zwei Bekannten gründet er Anfang 2019 „Trenn dich“, baut eine Webseite, einen Blog und bietet Seminare an. Mittlerweile hat er eine Weiterbildung zum systemischen Coach an der Universität in Augsburg gemacht und nennt sich Trennungscoach.
Fall aus Emden – erst offene Beziehung, dann Trennung
Seine Coachings bietet Geiling online an. „Da hat Corona schon ein bisschen geholfen“, sagt er. Klienten kommen mittlerweile aus ganz Deutschland – zum Beispiel auch aus Emden. „Die Klientin wollte nich selbst mit der Zeitung sprechen, hat mir aber die Erlaubnis gegeben, über ihren Fall zu reden“, sagt er. Die Emderin sei Mitte 40, ihr Mann rund zehn Jahre älter, sie haben zwei gemeinsame Kinder. „Beide waren schon längere Zeit in der Beziehung unglücklich, sie hatten sich in der Elternrolle verloren und es gab so gut wie keinen Sex mehr“, erzählt der Trennungscoach. Der Mann habe dann die Idee gehabt, sie könnten es mal mit einer offenen Beziehung probieren. Zunächst habe sich die Frau das nicht vorstellen können, dann aber doch eingewilligt. „Und wie es dann so ist: Auf einer Firmenfeier hat sie was mit einem Arbeitskollegen angefangen. Ihr Mann kam damit aber gar nicht klar“, erzählt der Coach. Der Mann habe seine Tasche gepackt und sei vom einen auf den anderen Tag verschwunden. „Es kam noch die Nachricht, sie müsse sich keine Sorgen machen, er brauche Zeit für sich und möchte keinen Kontakt“, sagt Geiling. Die Emderin stand also von einem Tag auf den anderen als Alleinerziehende da. Gemeinsam mit Freunden und Familie habe sie die Situation zwar gemeistert, aber das Ganze sei schon belastend für sie gewesen. „Und plötzlich, nach einem Vierteljahr, stand er dann wieder vor der Tür. Und hat gesagt, sie ist die eine und er will mit ihr zusammen sein“, berichtet der Trennungscoach. Doch die 40-Jährige habe relativ schnell gemerkt, dass sie die Beziehung nicht wieder aufnehmen möchte, „weil sie so enttäuscht von ihm war und davon, was passiert ist“. Und so sei die Emderin dann im vergangenen Jahr auf Torsten Geiling zugekommen – damit er ihr bei der Trennung hilft.
Eine Affäre als Unterstützung
„Auch die Leute, die gehen, benötigen viel Rückhalt“, weiß Geiling. Viele seiner Klienten hätten zunächst Selbstzweifel. „Vor allem, wenn Kinder mit im Spiel sind, gibt es oft große Schuldgefühle“, so der Trennungscoach. „Da scheitern immer wieder Frauen und Männer dran, die dann sagen, ich muss bleiben und muss das irgendwie hinkriegen.“ Dabei sei aus Geilings Sicht nichts schlimmer, als über Jahre in einer unbefriedigenden Beziehung zu hängen und sich gegenseitig das Leben zu versauen. „Ich bin dann eben da, versuche zu assistieren und den Rückhalt zu geben“, sagt Geiling. Es komme auch vor, dass Klienten ihn spät abends nach einem besonders schlimmen Streit anrufen. „Es geht dabei auch ein bisschen ums Händchenhalten und gut zusprechen“, erklärt er.
Die Anzahl an weiblichen und männlichen Klienten halte sich die Waage. „Bei Frauen, habe ich immer das Gefühl, dauert es länger, bis sie zu dem Punkt kommen. Sie reißen sich zusammen und suchen nach dem Mut, um die Trennung durchzuziehen. Wenn sie das aber gemacht haben, dann ziehen sie es tatsächlich auch durch.“ Bei den Männern sei das etwas anders. „Die brauchen oftmals eine Unterstützung, sei es eine Affäre oder eine Freundin.“ Männer müssten wissen, wo sie hinspringen, sie hätten oft mehr Angst vor der Einsamkeit und dass das Leben nicht mehr so strukturiert sei, sagt Geiling. Manche Klienten wünschten sich auch, Geiling würde beim Trennungsgespräch dabei sein. „Das mache ich natürlich nicht. Aber wir bereiten das Gespräch gemeinsam vor und überlegen, was könnte während des Gesprächs passieren. Und wie gehe ich dann damit um.“
Nicht alle Gespräche enden mit einer Trennung
„Ich nenne mich zwar Trennungscoach, aber bei mir muss sich niemand trennen“, sagt Geiling. Wenn jemand auf dem Weg, den er gemeinsam mit dem Klienten gehe, feststelle, er oder sie möchte den Partner oder die Partnerin doch nicht verlassen, „dann bin ich der Letzte, der sagt, du musst aber“. Ihm sei bloß wichtig, dass der- oder diejenige ins Handeln komme und nicht ausharre und hoffe, dass da von alleine was passiere. „Und man muss vielleicht auch mal auf seine schwarzen Flecken gucken und sich eingestehen, selbst einen Anteil daran zu haben, dass diese Beziehung gerade den Bach runter geht“, so Geiling.
Auch wenn manche Partner von Klienten seinen Job vermutlich verteufeln würden, sieht Geiling in dem, was er tut, etwas Gutes. „Eine Trennung ist oftmals ein traumatisches Erlebnis – allerdings nicht nur für den, der übrigbleibt.“
Buch „Ich will mich trennen“
Torsten Geiling hat am 14. Februar 2024 einen Trennungsratgeber mit dem Titel „Ich will mich trennen“ veröffentlicht. Das Buch nimmt Trennungswillige an die Hand und führt sie mit vielen Tipps und Hilfen zur Selbsthilfe durch alle Phasen einer Trennung. ISBN: 978-3990603765