Jemgum Gänse-Zoff in Niedersachsen: Warum ein Bauer sich durch Wildvögel bedroht fühlt
Gänse fressen einem Landwirt aus Niedersachsen das Futter für seine Kühe weg. Existenzbedrohend sei die Situation, sagt der Ostfriese, dessen Fall die Frage aufwirft, was mehr Wert ist: Naturschutz oder Landwirtschaft? Auch die Landesregierung streitet.
Schwarz hebt sich die Fläche aus der Ferne von den grünen Wiesen drumherum ab. Es wirkt, als habe gerade jemand umgegraben. Erst aus der Nähe wird klar, dass die schwarze Masse lebt: Gänse – zu Hunderten, vielleicht Tausenden. Sie schnattern, watscheln und rupfen an dem bisschen Gras, das noch aus dem Boden ragt. Aus der Luft nähern sich weitere Tiere.
Was sich da am Rande einer Landstraße im Rheiderland – so heißt die Region im Nordwesten von Niedersachsen – zwischen den Dörfern Midlum und Critzum abspielt, ist ein Naturschutzerfolg. Doch dieser Erfolg hat eine Schattenseite. Denn als die Gänse in großer Zahl kamen, waren die Bauern schon da. Sie prägten mit ihrer Arbeit die Region. Das Rheiderland sieht so aus, wie es aussieht, weil die Bauern das Land nutzen.
Einer von ihnen ist Amos Venema. Mit seinem Bruder betreibt er einen Milchviehbetrieb mit 160 Kühen. Auf gut 100 Hektar Grünland soll das Futter für ihre Tiere wachsen. Wenn da nicht die Gänse wären…
„Dieses Jahr ist es besonders extrem“, sagt Landwirt Venema. Er meint die Gänse. Wo die Zugvögel landen, wächst später (fast) kein Gras mehr - der Rohstoff für Bauer Venema. Was er nicht an Gras mähen kann, muss er teuer zukaufen. „Meine Kühe fressen keine Geldscheine“, sagt er.
Die Gänse-Situation beschreibt er als existenzgefährdend. Auf mehr als eine halbe Million Euro schätzt der Bauer den Schaden, der ihm durch die gefräßigen Gänse entstanden ist. Naturschützer halten dem entgegen, betroffene Bauern würden die Situation zum Teil überdramatisieren. So schlimm sei es mit den Gänsen nicht.
Gegen die Gänse darf sich Venema zwar nicht wehren; sie weder verscheuchen noch abschießen. Schließlich stehen die Wildtiere unter Schutz. Das Rheiderland ist seit Jahren größtenteils ein Schutzgebiet – für Wildvögel wie die Nil-, Nonnen- und Ringelgänse, die hier Gras fressen. „Ich darf mein Eigentum nicht schützen“, sagt Venema. Aber gegen den Staat kann er sich wehren. Er streitet sich mit dem Land Niedersachsen seit fast einem Jahrzehnt darum, ob ihm nicht eine höhere Ausgleichszahlung für die Gänsefraß-Schäden zusteht.
Vom Umweltministerium heißt es: „Aktuell fördert das Land Niedersachsen, unterstützt von der EU, mit circa 8,2 Millionen Euro pro Jahr eine naturschutzgerechte Landbewirtschaftung zum Schutz der arktischen Gänse.“ Ein Teil der Summe wird zur Kompensation der Fraßschäden verwendet. Auch Venema bekommt Geld. In den Jahren 2013 und 2014 waren es zusammengenommen 40.000 Euro. „Das reicht nicht. Der Fraßschaden ist deutlich größer.“
Für die beiden Jahre hatte Venema dem Staat deswegen eine Rechnung von mehr als 100.000 Euro geschrieben. „Wir lassen uns nicht alles gefallen“, sagt der Milchbauer. Und bekam zumindest teilweise Recht. Eine dem Innenministerium untergeordnete Landesbehörde sprach ihm eine höhere Entschädigung zu. Zahlen müsste das Umweltministerium.
Das aber öffnete nicht die Steuergeld-Schatulle, sondern klagte gegen das Innenministerium. Venema hatte einen Gänse-Zoff innerhalb der Landesregierung ausgelöst. Jahre später hat nun das Verwaltungsgericht Oldenburg entschieden. Allerdings nicht über die Höhe der Entschädigung.
Die Richter stellten fest, dass sich die Ministerien als Bestandteil einer Landesregierung nicht einfach so untereinander verklagen kann. Dem Urteil ist zu entnehmen, dass sich die Regierung zunächst einmal untereinander verständigen müsste, also beispielsweise Ministerpräsident Stephan Weil ein Gänse-Machtwort sprechen könnte.
Vier weitere Fälle wie der von Venema sind noch in Oldenburg anhängig. Den Streitwert beziffert das Gericht auf Nachfrage mit gut 190.000 Euro. Aus dem Umweltministerium in Hannover heißt es, man werde die Entscheidungsgründe des Gerichts nun prüfen und dann entscheiden, ob man in Berufung gehe. Dann müsste das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg über den Gänse-Zoff innerhalb der Landesregierung urteilen.
Für Venema bedeutet das: Weiter warten. Und weiter den Gänsen dabei zuschauen, wie sie seine Flächen zerrupfen. Venema sagt, er wolle Landwirt bleiben. Manchmal habe er aber den Eindruck, dem Staat sei es lieber, wenn er Gänsewirt wäre.