Hamburg  Warum sind Spermaspenden erlaubt, Eizellspenden dagegen verboten?

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 24.03.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Manche Paare können sich ihren Kinderwunsch nur mittels reproduktionsmedizinischer Hilfe erfüllen. Foto: Unsplash/Kelly Sikkema
Manche Paare können sich ihren Kinderwunsch nur mittels reproduktionsmedizinischer Hilfe erfüllen. Foto: Unsplash/Kelly Sikkema
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Mittels einer Samenspende können Frauen ohne oder mit unfruchtbarem Partner ein Kind bekommen. Umgekehrt sind Eizellspenden und altruistische Leihmutterschaft verboten. Das könnte sich bald ändern – sollte es das auch?

Als Mitte vergangener Woche bekannt wurde, dass die Geburtenrate in Deutschland auf 1,36 Kinder pro Frau gesunken ist, dürften Hunderttausende Menschen einen kleinen Stich im Herzen gespürt haben. Laut Angaben des Bundesfamilienministeriums ist jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. Ihnen ist nicht mit Ratschlägen wie „Entspannt euch mal“ oder „Das wird schon“ geholfen, sondern oft nur mit Reproduktionsmedizin. Doch der sind in Deutschland enge Grenzen gesteckt. So sind in Deutschland Eizellspende sowie altruistische Leihmutterschaft verboten. Das könnte sich bald ändern; je nachdem, wie der für April angekündigte Bericht einer Expertenkommission im Auftrag der Bundesregierung ausfällt.

Denn bei der Keimzellspende werden für Eizellen und Spermien unterschiedliche Maßstäbe herangezogen. Die Ehefrau eines unfruchtbaren Mannes kann dank einer Samenspende Mutter und ihr impotenter Gatte zum Vater werden. 1000 Kinder kommen jährlich in Deutschland mithilfe einer Samenspende auf die Welt. Doch wehe, der unerfüllte Kinderwunsch ist auf eine Unfruchtbarkeit der Frau zurückzuführen. Ist eine Frau mit Kinderwunsch infolge einer Erkrankung, einer anatomischen Anomalie oder einer Chemotherapie unfruchtbar, hat sie nur zwei Möglichkeiten: aufgeben oder tief in die Tasche greifen.

Denn in fast jedem Nachbarland Deutschlands kann sich frau eine gespendete Eizelle einsetzen lassen. Während Medizinern in Deutschland eine mehrjährige Haftstrafe droht, wenn sie einer Frau eine fremde Eizelle übertragen, findet man mit wenigen Klicks ein deutschsprachiges Behandlungszentrum in Prag, inklusive Preisliste. Morgens Karlsbrücke, nachmittags schwanger werden: Reproduktive Selbstbestimmung ist am Ende eine Frage des Geldbeutels.

Dass Deutschland verzweifelte Paaren die Eizellspende verbietet, wirkt sich unmittelbar negativ auf das Kind auf: Sein Recht auf Wissen über die eigene Abstammung wird bei einer anonymen Spende im Ausland eingeschränkt. Mit einem Eizellspenderinnen-Register analog zum bereits existierenden Samenspender-Register in Deutschland wäre das dagegen kein Problem. Doch Deutschland hält sich lieber an das 30 Jahre alte Embryonenschutzgesetz, das den gesellschaftlichen und noch viel wichtiger medizinischen Fortschritt nicht berücksichtigt und Risiken inadäquat bewertet. Auch die Sorgen vor Schäden für das Kind, wenn soziale und genetische Mutter nicht identisch sind, sind durch Forschung im Ausland widerlegt worden.

Es tut mir leid, aber solange der einzig valide Grund für ein Verbot ist, dass für eine Eizellenspende medizinisch aufwendiger ist als eine Samenspende, ist eine Legalisierung mehr als überfällig. Einer von Medizinern über die Risiken aufgeklärten Frau die Fähigkeit zu einer solchen Entscheidung abzusprechen, kommt einer Entmündigung gleich. 

Nun dürfte die Angst manch Konservativer vor einer Legalisierung der Eizellspende wohl nur teilweise auf die Sorge um Komplikationen bei der Eizellentnahme zurückzuführen sein. Vielmehr wäre sie die Grundlage für eine mögliche Legalisierung der Leihmutterschaft. Eine kommerzielle Leihmutterschaft, wie sie in Russland, einigen Staaten der USA oder der Ukraine möglich ist, steht nicht zur Diskussion. Leihmutterschaft im Stile mancher Hollywood-Grazien, die mit Mitte 40 ihre XS-Figur nicht mit einer Schwangerschaft gefährden wollen, bleiben ausgeschlossen; damit aber auch die Möglichkeit, als schwules Paar, Eltern zu werden.

Denkbar wäre eine sogenannte altruistische Leihmutterschaft, bei der eine Frau das Kind einer anderen austrägt, ohne daraus finanziellen Profit zu schlagen. Dass Frauen in finanziellen Notlagen als Gebärmaschinen missbraucht werden, soll so ausgeschlossen werden; obgleich dieses Problem in westlichen Ländern mit liberaler Reproduktionsmedizin keine große Rolle spielt. Aus Angst, dass altruistische Leihmutterschaft ein Einfalltor für kommerzielle „Mietmutterschaft“ ist, wie sie von Kritikern betitelt wird, lehnen konservative deutsche Politikerinnen die Leihmutterschaft aus Nächstenliebe ab. Kann mir jemand erklären, welcher Schaden entstehen sollten, wenn eine Schwester für die andere die eigene Nichte austrägt? Mir fällt nämlich keiner ein.

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