Osnabrück  Comeback der Schmerzensmutter: Warum alle Welt Käthe Kollwitz zeigt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 24.03.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Käthe Kollwitz, deutsche Malerin, Grafikerin und Bildhauerin, Deutschland um 1940. Foto: imago-images/United Archives
Käthe Kollwitz, deutsche Malerin, Grafikerin und Bildhauerin, Deutschland um 1940. Foto: imago-images/United Archives
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Ist sie die Mutter Teresa der Kunst? Käthe Kollwitz ist als engagierte Kämpferin in die Geschichte eingegangen. Dort schien sie archiviert zu sein. Doch jetzt ist sie wieder da. Eine erstaunliche Wende.

Mit einem Mal ist sie wieder da, von New York bis Bielefeld: Käthe Kollwitz. Als Schmerzensmutter der modernen Kunst schien sie endgültig rubriziert zu sein. Aber jetzt erlebt die Künstlerin, die in einer ganz anderen Epoche versunken schien, ihre überraschend deutliche Renaissance. Gleich eine ganze Reihe großer Museen zeigen ihre Werke. Was für ein starker, frischer Auftritt.

Dabei schien sie als gründlich in den Archiven abgelegt, als Alterspräsidentin aller Künstlerinnen der Moderne, als Anchorwoman flehentlicher Anklage gegen Elend und Krieg. Das Leiden einer ganzen Epoche der Weltkriege, des Exils, Käthe Kollwitz schien es fast allein auf ihre nicht einmal sehr breiten Schultern zu nehmen. Aber hatte sich gerade dieses Anliegen nicht erledigt?

„Die Künstlerin Käthe Kollwitz hat Themen behandelt, die heute wieder aktuell sind. Dazu gehören Krieg und Gewalt, auch die Situation der Frauen und prekäre soziale Verhältnisse“, fasst Josefine Gabler, Direktorin des Kollwitz-Museums in Berlin zusammen, was die erneuerte Faszination der Künstlerin Käthe Kollwitz ausmacht. Moralisch aufrecht, menschlich integer und dazu auch noch künstlerisch brillant – die Kollwitz markiert gerade wieder einen Kompass, menschlich wie ästhetisch.

Dabei schien alle Welt ihr Werk doch einen Moment zu lange gesehen zu haben. Gleich zwei Museen, in Berlin und Köln, sind ausschließlich ihrem Werk gewidmet. Dazu jede Menge Schulen, die ihren Namen tragen, Sonderbriefmarken, die ihr Konterfei zeigen. Ihre Plastik „Mutter mit totem Sohn“ thront im Zentrum der Neuen Wache in Berlin, der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Mehr Kollwitz geht eigentlich kaum.

Warum ist sie jetzt wieder da? „Sie wählte anti-bürgerliche, letztlich auch politische Themen und verhandelte sie aus neuen Blickwinkeln in einer einprägsamen, bis heute packenden Bildsprache“: Regina Freyberger, Kuratorin am Frankfurter Städel-Museum, verpackt in Expertensprache, was viele Menschen heute wieder unmittelbar anspricht: Käthe Kollwitz` Mut zum starken Gefühl, ihr Elan des Protests – und die menschliche Loyalität, die sich darin ausdrückt. Trifft gerade das wieder in einer Zeit, in der viele Menschen nach einem moralischen Kompass suchen?

Das Frankfurter Städel, eine der ersten Adressen unter Deutschlands Kunstmuseen, zeigt mit 110 Werken die ganze Kollwitz mit besten Werken aus eigenem Bestand und wertvollen Leihgaben aus anderen wichtigen Museen. Noch beeindruckender: Zeitgleich mit der Frankfurter Präsentation erlebt die Kollwitz auch ihren großen Auftritt im New Yorker Museum of Modern Art. Der Blick auf soziale Not, das soziale Engagement, dazu der Blick der Frau: Die New Yorker Ausstellungsmacherinnen Starr Figura und Maggie Hire fokussieren genau jene Qualitäten, die dieser Künstlerin heute erneuerte Aufmerksamkeit sichern.

Dabei schien genau dieses Anliegen ja schon abgetan zu sein. Die grafischen Zyklen zu Bauernkrieg und Weberaufstand, die Darstellungen der Mütter, die gegen den Krieg protestieren, überhaupt diese ganze Aura von Melancholie und Schwermut – Käthe Kollwitz schien gründlich abgelegt, in etwa so gründlich wie Ernst Barlach, der andere große Ekstatiker des Leidens. Die Kollwitz – bestenfalls noch etwas für trübe Schulstunden?

So sehr ihr Werk in der Zeit der Weltkriege verhaftet schien, so dringend ist sein Anliegen heute offenbar wieder geworden. „Kollwitz hat, um sie selbst zu zitieren, nie eine Arbeit kalt gemacht, das heißt, ihre Werke waren ihr auch persönlich und emotional wichtig“, bringt Josefine Gabler, Direktorin des Berliner Kolbe-Museums, die Faszination dieser Künstlerin auf den Punkt. Vorbei die Zeit der ästhetischen Spielchen, es wird wieder ernst. Genau die richtige Zeit für eine Käthe Kollwitz.

„Stellung beziehen“: So lautet entsprechend der Titel der Präsentation in der Kunsthalle Bielefeld. Christina Vègh und Henrike Mundt konfrontieren die Kollwitz mit der britisch-palästinensischen Objektkünstlerin Mona Hatoum. So unterschiedlich die Grafiken und Bronzen der Kollwitz und die metallenen Objekte Hatoums auch sein mögen – hier treffen sich zwei künstlerische Werke in ihrem Protest gegen Krieg und Gewalt.

Und in ihrer künstlerischen Intensität. Hatoums „Cellules“ von 2012, Käfige, die Glasobjekte wie große Tränentropfen einschließen, oder Kollwitz´ „Tod, Frau und Kind“ von 1910, eine einzige Sinfonie der Trauer – nur zwei Beispiele für einen überraschend intensiven künstlerischen Dialog.

Ein Zwiegespräch der anderen Art will Maren Koormann in Osnabrück stiften. Die Kuratorin bringt unter der Überschrift „Nie wieder Krieg!“ die Kollwitz und Ernst Barlach zusammen. Koormann würdigt Kollwitz als „moderne, mutige Frau und Künstlerin“. Sie habe niemals weggeschaut, sondern für andere Menschen gekämpft, attestiert Koormann der Grafikerin und Bildhauerin Kollwitz ebenso einen „emotionalen Zugang“ zu ihren Themen wie die „überzeitliche Gültigkeit“ ihrer Bildsprache.

„Die Werke der Kollwitz sind nicht in der gleichen Weise zeitgebunden wie andere künstlerische Positionen. Das sichert Ihnen auch heute noch eine große Aufmerksamkeit“, macht Museumsdirektorin Josefine Gabler klar. Sie sieht die Kollwitz als engagierte Kämpferin und große Künstlerin zugleich. Ihre Zeit ist immer. Dafür sorgt schon ein Weltgeschehen, das gerade jetzt wieder Krieg, Gewalt und Not in traurigem Überfluss produziert.

Berlin, Kupferstichkabinett: Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso. 2. Februar bis 20. April 2024.

Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum.

Bielefeld, Kunsthalle: Stellung beziehen. Käthe Kollwitz, Mona Hatoum. 23. März bis 16. Juni 2024.

Frankfurt, Städel Museum: Kollwitz. 20. März bis 9. Juni 2024.

Köln, Käthe Kollwitz Museum.

New York, Museum of Modern Art: Käthe Kollwitz. 31. März bis 20. Juli 2024.

Osnabrück, Museumsquartier: Ernst Barlach / Käthe Kollwitz: Nie wieder Krieg! 23. Juni bis 20. Oktober 2024.

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