Osnabrück Oskar Schindler der Kunst: Wie Willy Kurth die Moderne vor den Nazis rettete
Er rettete die moderne Kunst vor den Nationalsozialisten: Kurator Willy Kurth brachte 1937 hunderte Meisterwerke in Sicherheit. Jetzt sind 95 jener Bilder zu sehen, die der mutige Mann einst versteckte.
Nehme ich ein Blatt von Käthe Kollwitz oder lieber doch eine Grafik von Pablo Picasso? Ernst Ludwig Kirchner muss auf jeden Fall mit. Und Max Beckmann? Willy Kurth hat tausend Gedanken im Kopf, aber keine Zeit. Die Vollstrecker stehen schon vor der Tür. Und sein Chef darf nichts mitbekommen.
Willy Kurth ist einsam, aber wild entschlossen, in diesem Sommer 1937. Er wird die Moderne retten. Er ist ein stiller Held, er ist ein Oskar Schindler der Kunst.
Heute gehen Ausstellungsbesucher entspannt durch jene Räume, in denen das Berliner Kupferstichkabinett 95 grafische Blätter zeigt, die einem Herz und Sinne bewegen. Picasso und Munch und Kollwitz und Kirchner und Beckmann und Kandinsky, eine endlose Kette purer Schönheiten.
Blatt für Blatt erste Qualität, jedes Stück ein Schatz. 95 Werke, 95 allerbeste Gründe, Willy Kurth von Herzen zu danken. Er rettete diese Schätze einst vor dem Zugriff der Nationalsozialisten.
Die machen 1937 Ernst mit dem, was sie „auszumerzende Verfallskunst“ nennen. Die Nazis beschlagnahmen in rund 100 Museen 21000 Werke jener Moderne, die sie als „entartet“ bezeichnen. Die selbst ernannten Ausmerzer klopfen auch an die Tür des Berliner Kupferstichkabinetts.
Dessen Direktor Friedrich Winkler vollzieht die offizielle Kunstpolitik mit. Am 7. Juli 1937 nehmen die Nazis schon einmal 100 Meisterwerke mit, weitere sollen am 14. Und 16. August folgen. Das Desaster nimmt seinen Lauf. Scheinbar.
Hätte nicht auch Willy Kurth seinen Kinofilm verdient? Das Leben Oskar Schindlers, der 1200 Juden vor der Ermordung bewahrt, ist von Steven Spielberg 1993 verfilmt worden. Auch wenn der Vergleich schief sein mag – der Kurator Willy Kurth hatte ebenfalls den Mut, sich den Nationalsozialisten entgegenzustellen. Zugleich erinnert sein stilles Husarenstück an die hintersinnige Verweigerungsakrobatik eines Soldaten Schweijk. Einfach genial.
Kurth brachte hunderte Kunstwerke vor den Nationalsozialisten in Sicherheit, indem er sie durch Doubletten oder weniger bekannte Werke ersetzte. Er hat die braunen Kunst-Greifer listig genarrt, „auch durch gezielte Überforderung, indem er viel zu viel Kunst vorlegte“, erzählt heute Kurator Andreas Schalhaus, der jetzt „Die gerettete Moderne“ zeigt. Seinem Chef sagte er von alledem kein Wort. Kurth hat geschwiegen, bis an ein Lebensende.
Schalhorns Kollegin Anita Beloubek-Hammer hat die unglaubliche Geschichte in einem erst 2023 publizierten Buch minutiös nachgezeichnet. Sie ist es auch wert, weil Willy Kurth demonstrierte, dass man sich mit kleinen Widerstandsaktionen sehr erfolgreich gegen die Nazis stellen konnte. Kurth macht später in der DDR Karriere, avanciert zum Professor an der Humboldt-Universität, wird Direktor der Schlösser und Gärten in Potsdam.
Die Geschichte des Kurators, der 1963 stirbt, gibt ein Beispiel für Zivilcourage. Kurths schneller Griff galt zudem einer Auswahl an Kunstwerken, die mühelos als Kanon der Moderne bestehen kann. Denn der Experte arbeitet unter hohem Druck unglaublich treffsicher. Er sichert vor allem großartige Grafiken des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, zudem ganze Mappen, wie Max Beckmanns „Die Hölle“ von 1919 und Wassily Kandinskys „Kleine Welten“ von 1922. Kurth kennt sich aus.
Kein Wunder: Viele der Werke, die er rettet, hat er als Kurator für das Kupferstichkabinett erworben. Sein Chef, der im Dritten Reich linientreue Friedrich Winkler, sieht die Aufgeschlossenheit seines Kurators für die Avantgarde mit Argwohn.
Willy Kurth hingegen hat ein genaues Auge für Qualität. Das Kupferstichkabinett breitet nun eine hinreißend schöne und intensive Präsentation aus. Kirchners großes Alpenpanorama beeindruckt ebenso wie sein Porträt des Künstlerkollegen Otto Mueller. Auf diesem Niveau geht es wie auf einem steilen Gipfelgrat der künstlerischen Klasse weiter – von Wilhelm Lehmbrucks „Große Auferstehung“ über Pablo Picassos „Das kärgliche Mahl“ bis zu Emil Noldes „Selbstporträt“.
Käthe Kollwitz ist unter anderem mit ihrer Lithographie „Pieta III“ von 1903 präsent. Ihre andere „Pietà“ aus dem gleichen Jahr erzielte 2022 bei einer Auktion den unglaublichen Preis von 1,1, Millionen Schweizer Franken. Selten und extrem teuer: Auch das findet sich in der aktuellen Präsentation.
Die Nationalsozialisten hätten nicht nur diese „Pietà“ gern veräußert. Sie nahmen ohnehin gern das Geld für eine Kunst, die sie erst als „entartet“ diffamierten, um sie dann meistbietend zu verscherbeln. In Berlin ging ihre Rechnung nicht auf. Sie hatten sie ohne Willy Kurth gemacht.
Berlin; Kupferstichkabinett: Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso. Bis 21. April 2024.