Gas war gestern  Wärme der Zukunft in zwei Baugebieten Ostfrieslands?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 20.03.2024 07:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Wohnhaus steht in einem Neubaugebiet. Symbolfoto: Daniel Bockwoldt/dpa
Ein Wohnhaus steht in einem Neubaugebiet. Symbolfoto: Daniel Bockwoldt/dpa
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In Jemgum und Ditzum entstehen Baugebiete. Beide könnten ein kaltes Nahwärmenetz bekommen. Was ist das, was kann das, was kostet das?

Jemgum/Ditzum - Neue Bauplätze gibt es im Fischerort Ditzum und in Jemgum. In den Baugebieten sind einige Grundstücke verkauft, andere reserviert. Alles zu sehen auf der Internetseite der GPL, einer Tochtergesellschaft der Sparkasse Leer-Wittmund, die die Baugebiete erschlossen hat. Jeder Häuslebauer – nicht nur in diesen Gebieten – dürfte sich mit den Varianten des Heizens auseinandersetzen.

Die Gemeinde Jemgum, GPL und die Jemgumer Firma In-Q-Tech hatten eingeladen. Die Firma stellte ihre Vision der kalten Nahwärme vor. Hier kommen einmal die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist ein kaltes Nahwärmenetz?

Kalte Nahwärme klingt zunächst mal wie ein Widerspruch in sich. Was dieser Begriff meint, erklärt sich allerdings, wenn man sich ihn in Teilen anschaut.

Häuslebauer müssen viele Entscheidungen treffen. Symbolfoto: Pixabay
Häuslebauer müssen viele Entscheidungen treffen. Symbolfoto: Pixabay

„Nahwärme“ bedeutet: Wie in herkömmlichen Wärmenetzen zirkuliert auch hier temperiertes Wasser in Rohren von einer Quelle zu den Abnehmern. „Im Gegensatz zur Fernwärme wird hier die Energie direkt aus der Umgebung gewonnen“, erklärt das Unternehmen. In diesem Fall geht es um Wärme aus der Erde. In der Nähe der Baugebiete würden Sonden ins Erdreich gebohrt. Diese Wärme würde dann über ein Wassergemisch zu den Häusern gebracht. Auf dem Weg könnte es weitere Wärme aus dem Erdreich aufnehmen.

„Kalt“ bedeutet in diesem Zusammenhang eher weniger heiß. „Im Gegensatz zu konventionellen (heißen) Wärmenetzen, die bei über 70 Grad Celsius – oftmals sogar bei über 100 Grad – betrieben werden, ist das Temperaturniveau bei kalten Nahwärmenetze sehr viel geringer: Die meisten kalten Netze werden in einem Temperaturbereich von rund -5 bis 20 Grad betrieben (je nach genutzter Wärmequelle)“, erklärt dazu die Stiftung Energie und Klimaschutz.

Wie wäre das Netz aufgebaut?

Da diese Netztemperaturen nicht ausreichen, um ein Gebäude direkt zu beheizen, werden zusätzlich Wasser-Wasser-Wärmepumpen in jedem Gebäude installiert.

Vorteil bleibe, dass beim Fließen zu den jeweiligen Häuser nicht so viel Wärme verloren gehe. Noch ein Vorteil: Man könnte über dieses Netz auch im Sommer die Gebäude kühlen, erklärt das Unternehmen. Wenn der Strom zum Betrieb der Wärmepumpen aus Erneuerbaren stammt, sei das Netz CO2-neutral.

Gibt es so etwas schon irgendwo?

Die Anzahl an kalten Nahwärmenetzen in Deutschland lässt sich nicht genau beziffern, schreibt die Stiftung Energie und Klimaschutz. Eine 2022 erschienene Studie der RWTH Aachen gebe einen Überblick zu 53 kalten Nahwärmenetzen in Deutschland, wobei die Autoren die Gesamtzahl an kalten Netzen in Deutschland seinerzeit auf mindestens 100 geschätzt hätten. In den Niederlanden seien kalte Wärmenetze im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung als eine von vier Versorgungslösungen vordefiniert und „die Zahl geplanter Netze wächst dort entsprechend rasant“, so die Stiftung.

Viele Bauherren machen sich Gedanken, wie sie heizen möchten. Symbolfoto: Pixabay
Viele Bauherren machen sich Gedanken, wie sie heizen möchten. Symbolfoto: Pixabay

Ein Beispiel für ein solches Netz gibt es in der Gemeinde Hilter (Landkreis Osnabrück). Das kalte Nahwärmenetz hat dort die Teutoburger Energie Netzwerk (kurz: Ten) auf die Beine gestellt. Im Neubaugebiet Erkings Hof sollen 39 Einfamilienhäuser, sechs Doppelhaushälften und drei Mehrfamilienhäuser an die Wärme- und Kälteversorgung angeschlossen werden, hieß es vom Energieversorger.

Dazu wurden auf einer zentral gelegenen Fläche 32 Bohrungen bis in eine Tiefe von 140 Metern gesetzt. Der Bebauungsplan ist nach einem Bericht in der NOZ im März 2020 als Satzung beschlossen worden. Die einzelnen Hausanschlüsse werden an den entsprechend fortgeschrittenen Gebäuden gelegt, sagte Maike Sczuka von Ten im Oktober 2023 gegenüber der Zeitung. Die ersten Wärmepumpen seien seinerzeit in den Häusern installiert gewesen. Eine wirkliche Wahl hatten und haben die Bauherren in dem Gebiet bei der Wärmeversorgung nicht, hieß es in dem Bericht weiter. Wer ein Grundstück kauft, entscheidet sich damit auch für einen Anschluss an das kalte Nahwärmenetz der Ten.

Was soll das Ganze denn kosten?

Von der Bohrung bis zur Wärmepumpe stellte die Firma In-Q-Tech beim Infoabend einige Beispielrechnungen vor. Für ein Einfamilienhaus von 130 bis 150 Quadratmetern würde bei einer Heizleistung von 4 kW ein Investitionskostenzuschuss von rund 9818 Euro (alles brutto) fällig, ein Baukostenzuschuss von rund 10.234 Euro, für den Hausanschluss bis zehn Meter rund 1351 Euro. Gesamtkosten: rund 21.402 Euro. Bei sechs kW wären es rund 26.519 Euro.

Mit aktuellen Stromkosten und einem durchschnittlichen Verbrauch errechneten sie dann bei einem Einfamilienhaus bis rund 150 Quadratmeter: Wärmeverbrauch, Grundgebühr, Wartung, plus Service-Paket lägen bei 164,25 pro Monat, ohne das Paket bei 148,83 Euro pro Monat.

Sind kalte Netze die „beste“ Versorgungslösung?

Alle Versorgungslösungen haben ihre individuellen Vor- und Nachteile, schreibt die Stiftung Energie und Klimaschutz: Es hänge immer von den lokalen Randbedingungen ab, ob dezentrale Luft- oder Erdwärmepumpen, konventionelle Wärmenetze oder kalte Nahwärmenetze die beste Wahl seien.

Wäre eine Abwärmequelle auf hohem Temperaturniveau vorhanden, seien klassische Wärmenetze in der Regel vorteilhaft. Für Gebiete mit sehr geringer Wärmebedarfsdichte haben dezentrale Wärmepumpen-Lösungen häufig die Nase vorn. „Für den Fall, dass ganze Quartiere ganzheitlich auf eine nachhaltige Wärme- und Kälteversorgung umgestellt werden, bieten kalte Nahwärmenetze wiederum eine vielversprechende Alternative.“

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