Berlin  „Solidarität ist gleich null“: Wie eine junge Jüdin Deutschland nach dem Hamas-Massaker sieht

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 17.03.2024 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie hat das Massaker vom 7. Oktober das Lebensgefühl junger Juden in Deutschland verändert? Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer
Wie hat das Massaker vom 7. Oktober das Lebensgefühl junger Juden in Deutschland verändert? Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer
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Beim Massaker vom 7. Oktober hat die Hamas gezielt Jugendliche auf einem Festival attackiert. Junge Juden auf der ganzen Welt fühlen sich von diesen Morden mitgemeint. Wie hat der Tag ihr Lebensgefühl verändert? Wir haben uns auf einem jüdischen Jugendkongress umgehört.

Ein Kongresshotel in Berlin-Mitte, kurz bevor mit dem Sonnenuntergang der Schabbat beginnt: Eine Band spielt im Eingangsbereich israelische Volkslieder. Vor den Musikern drängen sich junge Leute, singen mit, legen die Arme umeinander und tanzen ausgelassen – obwohl in der engen Vorhalle dafür überhaupt kein Platz ist. Gefeiert wird der Jugendkongress, den die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) hier veranstaltet. Es fühlt sich so an, als wären alle 400 Teilnehmer auf einmal im Foyer.

Für Außenstehende wirken die Stimmung auch deshalb intensiver und der Raum enger, weil die Freude beklemmend eingerahmt ist: Gegenüber der Rezeption stehen Kerzen für die Toten und Entführten des Hamas-Massakers. Vor dem Hotel haben sich Polizisten aufgebaut. Die Frau am Einlass fragt nach Waffen. Und die Presse musste den Veranstaltungsort geheim halten.

Verstärkt die äußere Bedrohung den inneren Zusammenhalt? Rebecca Vaneeva winkt ab: „Leider sind wir diesen Anblick gewohnt, aus den Gemeinden, von der jüdischen Schule – wir kennen öffentliches Leben nur mit Polizeischutz.“ Die 23-Jährige ist aus Hamburg angereist, wo sie sich als Präsidentin des Verbandes Jüdischer Studierender Nord (VJSNord) engagiert. In Berlin will sie: netzwerken, Freunde treffen, Workshops besuchen.

Die Gäste sind hochkarätig: SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hält den Impulsvortrag. Grünen-Chefin Ricarda Lang kommt zur Podiumsdiskussion. Auch Israels Botschafter Ron Prosor ist da. Der emotionalste und schwierigste Moment, das sagt Vaneeva eine Woche nach dem Kongress, war aber der Workshop von Orel Dorf und Meshi Lindner. Beide waren am 7. Oktober in Israel auf dem Supernova-Festival, das die Hamas-Terroristen zum Schwerpunkt ihres Massakers machten.

Der Terrorangriff ist ein Einschnitt im Leben der Studentin. Zuallererst wegen der Sorge um ihre Freunde. Vaneeva war zum Freiwilligendienst in Israel und hat viele Bekannte im Land. Der Tag hat aber auch ihr Hamburger Leben auf den Kopf gestellt. „Man betreibt als jüdischer Mensch ständig Selbstzensur“, sagt sie. Wenn Vaneeva zum Beispiel im Bus im Internet surft, hält sie das Telefon enger am Körper. Aus Angst, dass anderen die hebräische Schrift auffällt und man ihr das Handy aus der Hand schlägt. Kommilitonen aus anderen Städten wurden schon körperlich angegriffen.

Das Amt als VJSNord-Präsidentin hatte sie erst einen Monat inne, als die Hamas 1200 Menschen ermordete. Über Nacht wurde Vaneeva zur öffentlichen Person, die der Presse den Alltag der jüdischen Jugend erklärte. Journalisten, die Vaneeva unterwegs erreichen, werden vertröstet. In der Öffentlichkeit vermeidet sie Telefonate – weil sie Wörter wie „jüdisch“ nicht an belebten Orten aussprechen will. „Das hatte ich vor dem 7. Oktober eigentlich nicht.“

Auch vor dem Massaker war für deutsche Juden nicht alles gut, sagt sie. „Aber seitdem ist die Grundstimmung noch sehr viel unangenehmer.“ Zumal antisemitische Anwürfe aus allen Richtungen drohen: „Das kommt von muslimisch gelesenen Menschen, das kommt von weiß gelesenen und von den Linksextremen“, sagt Vaneeva. „Im Netz kursieren so viele antisemitische Positionen. Jeder, der das konsumiert, kann gefährlich werden.“

Probleme sieht sie gerade auch im akademischen Milieu und in der Kulturszene. Vaneeva erinnert an den Überfall auf Lahav Shapira, einen jüdischen Studenten von der FU Berlin, dem bei einem Übergriff die Knochen gebrochen wurden. Auch die anti-israelischen Parolen, die auf der Berlinale in Anwesenheit von Kulturstaatsministerin Claudia Roth proklamiert wurden, wirken nach. Auf dem Kongress wird Grünen-Chefin Ricarda Lang zum kritischen Gespräch mit ihrer Parteifreundin ermuntert – der ganze Saal applaudiert.

Ein Begriff, der auf dem Jugendtreffen großen Widerhall findet, ist die Klage über das „selektive Nie-Wieder“. Die Zivilgesellschaft, so sehen es hier viele, stehe zwar gegen den Rechtsextremismus auf – aber nicht für die Juden. „Die Solidarität ist gleich null“, sagt Vaneeva. „Körperliche Angriffe verurteilt man vielleicht noch, aber selbst die werden relativiert. Dabei steigt die Zahl antisemitischer Straftaten extrem. Mein Sicherheitsgefühl verschlechtert sich gerade sehr stark.“

Auch von der politischen Mobilisierung sieht Vaneeva sich ausgeschlossen: „Was für ziemlich viel Frustration sorgt, sind die Proteste gegen die AfD. Natürlich sind die auf den ersten Blick toll und auch für uns wichtig“, sagt sie. Aber sie sieht sie auch von Israel-bezogenem Antisemitismus eingefärbt: „Wir alle haben die Schilder mit dem Slogan ‚Zionismus ist rechts‘ gesehen. Auf so eine Demo können wir nicht gehen.“

Für Vaneeva ist der Hamas-Terror ein doppelter Wendepunkt: Die Bedrohung ist gewachsen, weil die Täter den Angriff ausdrücklich als Ansporn für Nachahmer inszeniert haben. Und ihre Hoffnung auf Unterstützung sinkt. „Für Jüdinnen und Juden in der Diaspora hat der 7. Oktober strukturelle Probleme entlarvt“, sagt Vaneeva ein halbes Jahr nach den Morden. „Vor allem hat er gezeigt, wie gering die Solidarität mit jüdischen Opfern ist. Und das schockiert mich bis heute.“

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