Osnabrück Klischees des Weiblichen: Warum die gefeierte Hilma af Klint weit überschätzt wird
Sie hörte Stimmen und malte in Bonbonfarben: Hilma af Klint. Ist sie eine neue Prophetin der Moderne? Düsseldorf inszeniert sie als Heilsbringerin. Der Blick auf Frauen in der Kunst ist aber schon viel weiter.
Ich bin neugierig auf Neues, gerade als Kulturjournalist. Aber mich langweilen Neuigkeiten, die keine sind. Ich habe den Eindruck, dass eine dieser Neuigkeiten gerade in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen serviert wird: die Malerin Hilma af Klint (1862-1944).
Sie soll als Erste abstrakte Bilder gemalt haben, noch vor Wassily Kandinsky, der als Schöpfer der Abstraktion in die Geschichtsbücher einging. Die These wird seit Jahren wiederholt. Ihre Bilder macht das nicht besser.
Endlich kommt auch die mindestens ebenbürtige Frau zu ihrem Recht: In diesem Sinn stellen die Düsseldorfer Kuratoren Hilma af Klint und Wassily Kandinsky nebeneinander. Der Mann avancierte zum Star, die Frau wurde vergessen. Diese Ungerechtigkeit gilt es zu korrigieren. Erst einmal: gut so.
Schade nur, das af Klint ihrem Vergessen Vorschub leistete. Sie schloss ihre Bilder weg, bis zwanzig Jahre nach ihrem Tod. Kunst entsteht aber nicht nur im Atelier, sondern vor allem in den Netzwerken des Kunstbetriebs. Ungeschickt, wer sich da selbst aus dem Spiel nimmt. Solch fatale Weichenstellung ist kaum zu korrigieren.
Dabei ist Hilma af Klint ja keine Unbekannte. Das New Yorker Guggenheim Museum, der Hamburger Bahnhof in Berlin, die Stuttgarter Staatsgalerie, sie alle und noch mehr Museen haben die Schwedin präsentiert. Die Düsseldorfer Ausstellungsmacher kommen mir nun wie Herolde einer Neuigkeit vor, die alle Welt schon weiß.
Ja, bitte, zeigt Hilma af Klint. Aber macht keine Prophetin aus ihr, bewahrt euch den klaren Blick auf die Qualität ihrer Bilder, möchte man den Museumsleuten zurufen. Was mich stört: Hilma af Klint besuchte spiritistische Sitzungen, sie hörte Stimmen und malte Kreise und Kringel in Bonbonfarben. Für mich bedient das auch fatale Klischees der Weiblichkeit.
Was die Qualität ihrer Bilder angeht, habe ich deshalb starke Zweifel. Übrigens sind mir auch die wabernden Farborgien Kandinskys eher fremd geworden.
Ich habe vor allem keine Lust mehr darauf, die Wettrennen der alten Avantgarde noch einmal mitzulaufen. Wer hat zuerst in welchem Stil gemalt? Alpha-Männer der Moderne wie Piet Mondrian, Ernst Ludwig Kirchner oder Kasimir Malewitsch haben sich darüber zerstritten. Jetzt wird das ausgelaugte Muster in Düsseldorf noch einmal bedient.
Der Blick auf vergessene oder übersehene Künstlerinnen hat ja gerade gezeigt, wie verschlungen die Pfade der Moderne waren, wie sehr Überholungsphantasien den Blick eingetrübt haben. Für mich ist das Leben mit Werken von Louise Bourgeois oder Frida Kahlo, von Käthe Kollwitz oder Paula Modersohn-Becker erst wirklich schön. Ich liebe die Frauen der künstlerischen Grandezza, Helen Frankenthaler und Carmen Herrera.
Ob Frau oder Mann: Ich mag Qualität. In den starren Bildformeln Hilma af Klints finde ich sie nicht.