Osnabrück Der neue Stolz aufs Dorf: Gehört der Provinz die Zukunft?
Menschen ziehen in die Städte und lassen das Landleben austrocknen? Spätestens seit der Corona-Pandemie scheint sich der Trend umzukehren. Profitieren können davon vor allem das städtische Umland, aber auch kleinere Städte und sogar ländliche Gebiete, meint Louisa Riepe.
Waren Sie in diesem Frühjahr beim Après-Ski oder beim Karneval? Vielleicht haben Sie dort dieselbe Beobachtung gemacht, wie ich. Glückliche, leicht alkoholisierte Menschen, die ihre Liebe zu ihrem Heimatdorf feiern und Songtexte wie diesen mitgrölen:
Tatsächlich laufen in dieser Saison gleich mehrere Schlager nach demselben Muster in den Hütten und Zelten. „Dorfkinder“ vom deutschen Webvideoproduzenten Finnel ist der jüngste unter ihnen, er ist erst im Jahr 2023 erschienen. Zuvor gab es bereits „Engelbert Strauss“ von den Dorfrockern aus Franken und „Dorflove“ von den Partyschlagersängern Honk!, Kreisligalegende und Thekensportlerz.
Auch wenn sich die Texte unterscheiden: Inhaltlich gibt es viele Gemeinsamkeiten. Verherrlicht werden die Freiheiten des Landlebens, die Möglichkeiten, sich gestalterisch auszuleben. Der Zusammenhalt in der Landbevölkerung wird ebenso positiv herausgehoben wie die körperliche Arbeit auf dem Acker und im Stall. Das Leben in der Stadt wird gleichgesetzt mit scheinbarem Luxus, während die wahren Werte auf dem Land zu finden seien:
Dieser Stolz aufs Dorf war zumindest mir neu und ist womöglich eine musikalische Gegenbewegung zu der Landflucht, die in den Nullerjahren einsetzte. In den Jahren 2008 bis 2014 verlagerten gerade jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren ihren Wohnort ganz überwiegend in die Städte, wie eine Analyse des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Ruhr Universität Bochum zeigte:
„Von den (…) Binnenmigranten (…) stammen 25 Prozent aus ländlichen Gebieten und 75 Prozent aus Städten. Nur 19 Prozent von ihnen ziehen in einen Landkreis um, während sich 81 Prozent für eine Stadt entscheiden. Dies führt zu einer Wanderungslücke für die ländlichen Gebiete von fast 460.000 Personen in dieser Altersgruppe“, heißt es damals.
Spätestens seit der Corona-Pandemie scheint sich der Trend nicht nur musikalisch, sondern auch ganz real umzudrehen. „Deutsche Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern haben im Jahr 2021 durch Umzüge so deutlich an Bevölkerung verloren wie zuletzt 1994“, stellte etwa das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) fest. Auch das Umzugsverhalten von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren bleibe auf niedrigem Niveau, so die Analyse. Als mögliche Gründe werden veränderte Wohnpräferenzen, Wohnungsknappheit und anhaltend hohe Wohnungspreise in Großstädten genannt.
Profitieren können von dieser Entwicklung offenbar vor allem das städtische Umland, aber auch kleinere Städte und sogar ländliche Gebiete. „In 63 Prozent der Landgemeinden und in 72 Prozent der Kleinstädte zogen mehr Menschen zu als fort“, stellte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bereits für den Zeitraum 2018 bis 2020 fest. Nicht nur das Umland vieler Städte, sondern auch abgelegenere Regionen in ganz Deutschland würden Wanderungsgewinne verzeichnen.
An den Rahmenbedingungen hat sich seit dem wenig verändert. Im Gegenteil: Wirtschaftskrise, Inflation und Krieg dürften wohl eher noch mehr Menschen zu einem Rückzug aufs Land bewegen. Vermutlich sind Songs wie „Dorflove“ und Co. auch deshalb so erfolgreich – und werden es auch in der anstehenden Schützenfestsaison wieder sein.