Frankfurt Steffen Baumgart und der HSV: Nicht nur die Liebe zählt!
HSV-Tief unter Steffen Baumgart: Was kann sich eine Fußballmannschaft mehr wünschen, als einen Trainer, der für den Verein brennt? Eine Spielphilosophie, die zum Team passt, findet unser Kolumnist Udo Muras, denn Fußball ist keine Romantik.
Als der große Hamburger SV vor drei Wochen endlich seinen Trainer Tim Walter vor die Tür setzte, hörte ich nur eine Meinung in meinem fußballbegeisterten Umfeld: Gott sei Dank, wurde auch Zeit!
Die zweite Meinung war: jetzt müssen sie Steffen Baumgart holen! Und als sie Steffen Baumgart holten, waren sich wieder alle einig: jetzt steigen sie sicher auf und zwar direkt! Nun schweigen sie alle beredt. Am Montag war Baumgart auf der Titelseite des Kicker abgebildet und die Zeile zur doppelseitigen Reportage hieß: „Der erste Liebeskummer.“
So schnell kann es gehen mit den Urteilen oder besser den Vorurteilen. Gäbe es eine Partnerbörse für Fußballtrainer und Vereine, wäre Baumgart ja das perfekte Match gewesen. Nun aber hat er zwei von drei Spielen und viel von seinem Zauber verloren. Ärger mit Teilen der Mannschaft und lange wird es nicht dauern, bis er den auch mit den bekannt aggressiven Medien der Elbmetropole haben wird.
Merke: Wer in Paderborn König und in Köln Fußballgott war, muss das in Hamburg noch lange nicht sein. Was auch für jede x-beliebige andere Fußballstadt gilt. Fußball ist eben keine Mathematik und auch Romantik sollte nicht der ausschlaggebende Punkt zur Besetzung von vakanten Leitungspositionen sein.
Das lehrt uns der HSV, in den Baumgart seit Kindertagen verliebt sei. Das hat er mit Tausenden seines Jahrgangs 1972 gemein, erlebte er doch mit wachen Sinnen den Europapokalsieg von Athen 1983 und die Meisterschaften 1979, 1982, 1983. Für ein paar aufregende Jahre war Hamburg das Mekka des deutschen Fußballs, wurden die Kaltz, Magath, Hrubesch und Co millionenfach angebetet. Auch von Jungs und Mädels aus dem anderen Deutschland, in dem Baumgart aufwuchs. Der Glanz verblich, die Liebe blieb.
Den Lieblingsverein wechsele man eben seltener als die Frau, hat Baumgart bei der Vorstellung gesagt und damit gleich mal den Verkauf seiner Schiebermütze, die in Köln Kult war, angekurbelt. Sie ist in den Fan-Shops nicht mehr erhältlich. Doch noch etwas ist verschwunden: der bedingungslose Offensivdrang, der den Tim-Walter-Fußball bei allen Schwächen immer ausgezeichnet hat.
Ich habe ja keinen Trainerschein, aber soweit ich die Kritiker verstanden habe, müssen die Spieler jetzt mehr laufen als der Ball und das war vorher anders. Pressing und Kontern statt Ballbesitzfußball – und der Torwart muss nun in seinem Kasten bleiben, während er unter Walter Spielmacher war.
Nach 30 Spielen blieb der HSV nun in Düsseldorf wieder mal ohne Tor, schlimmer: ohne Torschuss. Ich habe ja keinen Trainerschein, aber ist es nicht sehr riskant, auf der Zielgeraden der Saison die Philosophie völlig über den Haufen zu werfen, die der Vorgänger seinen Schützlingen in zweieinhalb Jahren eingetrichtert hat und für die sie gebrannt haben?
Ja, es lief zuletzt weniger gut und von einem Trainerwechsel verspricht man sich Änderungen: in der Ansprache, in der Aufstellung, in der Hausordnung (sie haben jetzt Handyverbot in der Kabine). Aber den schon fast sektenartigen Zusammenhalt von Team, Trainer und auch Zuschauern dermaßen aufzubrechen – das kann nach hinten losgehen.
So wie es jüngst mit Thomas Tuchel und den Bayern oder Hansi Flick und der Nationalelf schiefging. Das waren auch „perfect matches“, quasi alternativlos. So wurden diese bedeutsamsten Posten im deutschen Fußball ohne Diskussion besetzt. Beide waren auf dem Markt, der eine hat ein Haus in München, der andere war schon als Co-Trainer Weltmeister – wird schon passen.
Doch Menschen müssen miteinander können und überall sind sie ein bisschen anders. Hinterher ist man dann immer schlauer, besonders der Kolumnist am Schreibtisch, der ja keine Verantwortung übernehmen muss. Aber darauf hinzuweisen, dass die Liebe ein seltsames Ding ist, das wird man ja wohl noch unwidersprochen schreiben dürfen.
Außerdem ist es ja noch nicht zu spät für den HSV und seinen Steffen. Sie sollten sich ein Zimmer nehmen und darüber reden, wie trotz der verkorksten Flitterwochen noch eine zumindest passable Affäre wird und es im Mai was zu feiern gibt. Scheiden können sie sich noch früh genug.