Abitur, was jetzt? Schüler erzählen, wie es nach dem Abitur für sie weiterging
Ein Jahr nach dem Abi: Marie Meiners, Marietta Bortfeld, Michelle Lotysch, Henk Boveland und Seline Schilling berichten über ihren Werdegang. Die Oberledinger haben Tipps an die jetzigen Abiturienten.
Rhauderfehn - Die Abiturprüfungen in diesem Jahr stehen vor der Tür. Doch viele Schülerinnen und Schüler wissen noch nicht, wie es für sie danach weitergeht. Fünf Abiturientinnen und Abiturienten vom vergangenen Jahr erzählen von ihrem Werdegang nach dem Abitur und wie es ihnen heute geht.
Jurastudium in Berlin
Marie Meiners aus Rhauderfehn hat sich für einen eher klassischen Weg entschieden und direkt nach dem Abitur ein Jurastudium begonnen. „Ich habe mich für ein Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität in Berlin entschieden“, erzählt sie. „Ich fand die Materie schon immer interessant und hoffe, mit dem Studium etwas Gutes tun zu können“, führt sie aus. Die Vorurteile, die es gegenüber dem Jurastudium gäbe, seien nach Ansicht von Marie unbegründet. „Mir gefällt die Theorie hinter dem Studium, und es ist sehr abwechslungsreich. Am besten gefällt mir Strafrecht. Die Fälle, die man dort bearbeitet, sind teilweise schon sehr abstrus. Das lässt einen dann doch schmunzeln“, berichtet die 20-Jährige.
„Letztens hatten wir zum Beispiel einen Fall, in dem ein Mann dachte, er hätte seine Mülltonne umgefahren. Tatsächlich war es aber sein nerviger Nachbar. Solche Fälle zu lösen, ist schon sehr spannend. Generell lässt sich viel aus dem Studium in den Alltag übertragen - und man bearbeitet auch reale Fälle“, erzählt Marie. Obwohl ihr das Studium an sich sehr gefällt, müsse man dennoch den Aufwand bedenken. „Mit zehn Semestern bis zum ersten Staatsexamen und anschließend noch zwei Jahren Referendariat ist man doch locker mal sieben bis acht Jahre dabei“, stellt sie fest. „Die meiste Zeit verbringt man im Jurastudium definitiv mit Falllösungen in der Bibliothek oder in Übungskursen. Es ist also nur für Leute geeignet, die genügend Interesse am Stoff haben. Auch Ehrgeiz sollte man mitbringen; häufig gibt es kniffelige Fälle. Die zu lösen ist schon sehr anspruchsvoll“, sagt Meiners. Nach ihrem Studium möchte die Rhauderfehnerin am liebsten im Bereich des Umweltrechts arbeiten. „Mit Jura hat man aber unfassbar viele Möglichkeiten. Man kann natürlich in Anwaltskanzleien arbeiten, aber auch in der Politik oder in der freien Wirtschaft. Medienrecht finde ich auch total interessant. Das wird in Zeiten der Künstlichen Intelligenz immer relevanter“, sagt Marie.
Freiwilligendienst im Landesmuseum Koblenz
„Ich wusste noch nicht ganz, was ich nach der Schule machen will“, erzählt Marietta Bortfeld aus Ostrhauderfehn. „Ich mache jetzt ein freiwilliges soziales Jahr in der Museumspädagogik am Landesmuseum Koblenz“, sagt Bortfeld. „Ich finde Museen sehr interessant und wollte wissen, ob die Arbeit dort auch später etwas für mich wäre. Auf die Möglichkeit bin ich im Internet gestoßen. Man kann sich über die Seite freiwilligen-dienste-kultur-bildung.de auf mehrere solcher Stellen in Deutschland bewerben. Schließlich ist es das Landesmuseum in Koblenz für mich geworden“, erzählt Marietta. In ihrem Freiwilligendienst hat Marietta viele verschiedene Aufgaben. „Meine Arbeit befasst sich hauptsächlich mit dem Planen und Durchführen von Workshops und Veranstaltungen. Wir haben zum Beispiel ein Angebot namens ,Museum auf Rädern‘. Dabei besuchen wir Schulen mit Replikaten und Originalen zu bestimmten historischen Themen. Die Kinder können diese dann anfassen, aufsetzen und ausprobieren. Das macht besonders viel Spaß“, berichtet die 19-Jährige. Ein freiwilliges soziales Jahr wäre sehr gut, um schon mal einen Einblick in bestimmte Berufe zu erlangen: „Die Einrichtungen, in denen man arbeiten kann, sind so verschieden, da ist garantiert für jeden etwas dabei – Museen, Theater, Bibliotheken, Kunstschulen, Festivals – es gibt alles Mögliche“. Auch die Kosten ließen sich stemmen. Wenn man ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, kriegt man ein Taschengeld zur Verfügung gestellt. „Ich bekomme hier in Rheinlandpfalz 430 Euro im Monat. Außerdem besteht die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Wenn man zu Hause wohnen bleibt, hat man natürlich eh keine Kosten.“ Der Anmeldezeitraum läge für die meisten Stellen bis Mitte März, bei manchen Stellen aber auch später. Marietta würde ein Freiwilliges soziales Jahr auf jeden Fall weiterempfehlen: „Ich lerne schon einen normalen Berufsalltag kennen, der Bereich interessiert mich total und ich kann hier meine eigenen Ideen einbringen und umsetzen.“
Ausbildung und Studium vereint am Klinikum Leer
Michelle Lotysch aus Ostrhauderfehn macht zurzeit eine Ausbildung zur Physiotherapeutin am Klinikum Leer. „Im Rahmen der Ausbildung besteht aufgrund einer Kooperation mit der Hochschule Leer/Emden die Möglichkeit, nach den 1,5 Jahren an einem berufsbegleitenden Bachelorstudiengang teilzunehmen. Das werde ich machen“, berichtet Michelle. „Eigentlich war es mein Plan, nach dem Abitur Medizin zu studieren. Einen Studienplatz zu bekommen, ist aber sehr schwer. Deshalb habe ich mich über verschiedene Alternativen im medizinischen Bereich informiert. Ich war von Anfang an von der Ausbildung überzeugt. Die Möglichkeit danach Medizin zu studieren, bleibt mir immer noch“, stellt Michelle fest. Besonders gut an der Ausbildung gefalle ihr die Kombination von theoretischem und praktischem Unterricht. „Die Inhalte, die ich in der Theorie lerne, kann ich direkt in der Praxis anwenden“. Die Ausbildung sei vor allem für Personen geeignet, die Spaß am Umgang mit Menschen und Freude an Bewegung haben. Allerdings sei sie auch sehr arbeitsintensiv. „Im Moment verbringe ich die meiste Zeit mit Lernen. Das heißt, die Anatomie, Physiologie und so weiter verschiedener Körperteile zu verstehen, zu wiederholen und zu verinnerlichen.“
Überrascht habe Michelle die Verteilung der Urlaubstage: „Die meisten Urlaubstage werden bereits vor Ausbildungsbeginn fest verplant. Deshalb kann man sich selbst nur zwei bis drei Tage im Jahr frei wählen.“ Generell sollte man bedenken, dass eine Ausbildung weniger flexibel ist als ein Studium. „Man kann sich sein Lernen und Arbeiten nicht so frei einteilen. Aber die geregelten Zeiten geben einem auch einen organisierten Tagesablauf. Das finde ich gar nicht so schlecht.“ Wie es nach der Ausbildung beziehungsweise dem Studium zur Physiotherapeutin weitergeht, weiß Michelle noch nicht genau. „Wenn ich in der Physiotherapie bleibe, möchte ich gerne ein Auslandsjahr in diesem Bereich machen und irgendwann eine eigene Praxis eröffnen. Der Traum vom Medizinstudium besteht aber auch noch immer. Es gibt viele Möglichkeiten. Man kann sich nach der Ausbildung auch weiterbilden, zum Beispiel als Sportphysiotherapeut oder selbst als dozierende Person arbeiten.“
Europäischer Freiwilligendienst in Tschechien
„Im Moment wohne und arbeite ich in im Naturschutzgebiet Mährische Karst in der Nähe der Stadt Brünn in Tschechien“, erzählt Henk Boveland. Der 20-Jährige aus Westoverledingen hat sich nach dem Abitur für einen Europäischen Freiwilligendienst entschieden. „Meine Organisation heißt ,Kapráluv Mlyn‘. Es handelt sich um eine Umweltbildungsstätte, welche meist Pfadfinder und Schüler beherbergt. Ich und sechs andere Freiwillige betreuen diese Gruppen und machen Führungen durch die Höhlen im Gebiet. Wir assistieren auch beim Klettern, zum Beispiel beim Abseilen von Felsen“, erzählt Henk. „Ein weiterer spannender Teil der Arbeit findet außerhalb der Umweltstätte statt. Bei sogenannten ,Nature Managements‘ rüsten wir uns mit Motorsensen und Haken aus und bearbeiten Stück für Stück ausgewählte Flächen. Wir machen das im Rahmen des europäischen ,life‘“ Projekts, das sich für den Natur- und Klimaschutz einsetzt“, führt Boveland aus. „Die Arbeit macht mir großen Spaß. Am besten gefällt mir, wie viel es zu entdecken gibt. Man kann die Natur und die Stadt vor Ort erkunden, aber wir haben auch andere Städte, wie Wien, Bratislava oder Budapest besucht. Außerdem lernt man viele Kulturen und neue Menschen kennen.“ Trotz der vielen Erfahrungen und Abenteuer sei so ein Aufenthalt im Ausland nicht für jeden geeignet. „Es ist doch eine ungewöhnliche Situation. Man lebt von einem Tag auf den anderen mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zusammen. Manchmal muss man sich auch ein Zimmer teilen, das kann zu einer kleinen Herausforderung werden“, berichtet Henk Boveland.
Der Freiwilligendienst wird durch den Europäischen Solidaritätscorps finanziert. „Im Prinzip gibt es keine Kosten. Man erhält einerseits ein Taschengeld sowie Geld für Essen. Zudem gibt es ein Reisebudget für die An- und Abreise“, erklärt der Westoverledinger. Auch ein Abonnement für den öffentlichen Nahverkehr würde bezahlt werden. „Das Portal des Solidaritätscorps bietet verschiedene Kategorien für Dienste an. Zum Beispiel Kreativität und Kultur, Umwelt und Umweltschutz oder auch Sport.“ Eine einheitliche Bewerbungsfrist für diese Projekte gäbe es nicht. Henk hat sich ungefähr drei Monate vor dem Beginn seines Projekts beworben. „Ich würde meinen Freiwilligendienst absolut weiterempfehlen. Man leistet sinnvolle Arbeit, schließt neue Freundschaften und lernt viel über andere Kulturen“, stellt Boveland abschließend fest.
Studium der Landschaftsarchitektur in Kassel
Auch Seline Schilling aus Ostrhauderfehn hat sich entschieden, direkt nach dem Abitur ein Studium zu beginnen. Auf den Studiengang der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung sei sie nur zufällig gestoßen. „Ich bin durch das Fürst-Pückler-Eis auf diesen Beruf gestoßen. Ich habe beim Essen einfach mal im Internet nachgeschaut, warum es so heißt“, berichtet die 20-jährige Studentin aus Ostrhauderfehn. Hermann Fürst von Pückler ist ein bekannter Landschaftsarchitekt. Er hat zum Beispiel den Fürst-Pückler-Park in Branitz in Sachsen entworfen. Viele seiner Bauten gehören heute zum UNESCO-Kulturerbe. Ihm wurde das bekannte rechteckige Eis zwischen zwei Waffeln gewidmet. „Das Landschaftsarchitektur-Studium ist sehr praxisnah. Man hat viele künstlerische Module und baut regelmäßig Modelle. Aber man hat auch wichtige Vorlesungen im Bereich der menschlichen Baugeschichte, Ökonomie, Ökologie und Soziologie“, erzählt Seline. „Ich wollte etwas studieren, das Zukunft hat“, führt sie weiter aus, „Im Bereich der Landschaftsarchitektur kann man für nachhaltiges Bauen und klima- und menschenfreundliche Orte sorgen. Das hat mich sofort begeistert.“ Dennoch wäre das Studium mit viel Arbeit verbunden. „Die meiste Zeit verbringe ich im Studio. Das wird uns von der Uni als Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt. Dort baue ich Modelle oder zeichne Pläne. Der Arbeitsaufwand kann manchmal überwältigend sein. Wenn man im Bereich der Architektur studieren will, muss man sich darauf einstellen, dass Nachtschichten Teil des Studiums sind“, berichtet Seline. Auch die Kosten des Studiums sollte man bedenken. „Man hat viele Ausgaben, für die man Material braucht. Die Kosten dafür muss man selbst tragen und das summiert sich auf Dauer schon sehr“, merkt sie an. Dennoch habe Seline das richtige Studium für sich gewählt. „Mir gefällt die große Spannbreite an Wissen, das man vermittelt bekommt. Das Lernen wird von Professoren und Tutoren intensiv begleitet und man ist nie auf sich allein gestellt“, stellt Seline fest. Nach ihrem Studium hat sie viele berufliche Möglichkeiten. „Ich möchte am liebsten in einer Architekturfirma arbeiten, die sich für nachhaltiges und klimafreundliches Bauen einsetzt. Man hat aber beispielsweise auch die Möglichkeit verbeamtet zu werden und in der Stadtplanung zu arbeiten“, erzählt Seline.