Kolumne „Artikel 1, GG“ Der Ramadan bleibt Privatsache
Für Muslime hat der Ramadan begonnen. Aber wie sollte die Gesellschaft in Deutschland mit dem Fastenmonat umgehen? Unsere Kolumnistin sieht einige Fallstricke.
Am Montag hat der islamische Monat Ramadan begonnen, somit für Muslime weltweit die Fastenzeit. Fromme halten sich an die Regeln im Ramadan: rund 30 Tage wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet, also nichts gegessen und getrunken, auch nicht geraucht und sich auch sonst keinen anderen Genüssen hingegeben. Von diesen Regeln befreit sind Kinder, Schwangere, Alte und Kranke.
Sinn des Fastens, das zu den fünf Säulen des Islams gehört: Es soll dazu beitragen, Körper und Geist zu reinigen; mit dem Verzicht sollen Muslime sich in Mäßigung üben und sich in Bedürftige hineinversetzen können.
Der islamische Kalender orientiert sich am Mond, sodass sich die Fastenzeit jedes Jahr im gregorianischen Kalender um zehn beziehungsweise um elf Tage nach vorn verschiebt. Soweit die Basics zum Fasten im Islam, über das ich in meinem rund 30-jährigen Berufsleben zig Artikel veröffentlicht habe.
Was ich aber, soweit ich mich erinnern kann, nicht gemacht habe: Belehrende Texte verfasst und Nicht-Muslimen erörtert, wie sie sich gegenüber Fastenden verhalten sollen. Diese Art der Berichterstattung über dem Ramadan ist inzwischen gang und gäbe in deutschsprachigen Medien. Es wird einem erklärt, was man Fastenden sagen und was man auf keinen Fall kommentieren soll.
Vor ein paar Tagen beklagte sich eine WDR-Kollegin, dass in Deutschland im öffentlichen Raum wenig auf den Ramadan hinweise. Sie begründet es so: „Weil wir Deutschen muslimische Feste lieber ignorieren oder verurteilen, statt sie mitzugestalten.“
Zur Person
Canan Topçu (58) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Ein Denkfehler in dieser Argumentation: Deutsch ist eine Nationalität und sagt nichts über Einstellungen zu Religion aus. Ich bin auch eine Deutsche, eine Kulturmuslimin und gehöre zu denen, die Religion als Privatsache erachten und keine Freudensprünge machen, weil erstmals in einer der Haupteinkaufsstraßen Frankfurts Halbmonde, Sterne und der Schriftzug „Happy Ramadan“ leuchten.
Kontakt: kolumne@zgo.de
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