Osnabrück.  Polizeidirektion Osnabrück: Immer häufiger Verbrechen mit Messer-Einsatz

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 12.03.2024 04:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Tatwaffe Messer: Das ist nach Angaben von Osnabrücks Polizeipräsident Michael Maßmann in West-Niedersachsen immer häufiger der Fall. Foto: dpa
Tatwaffe Messer: Das ist nach Angaben von Osnabrücks Polizeipräsident Michael Maßmann in West-Niedersachsen immer häufiger der Fall. Foto: dpa
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. Statistisch gesehen verzeichnet die Polizei in West-Niedersachsen fast täglich eine Straftat, bei der ein Messer zum Einsatz kommt. Osnabrücks Polizeipräsident Michael Maßmann will Zonen einrichten, in denen das Tragen von Messern verboten wird. Wo diese sein könnten und wer die Tatverdächtigen sind, verrät er im Interview.

Im Westen von Niedersachsen sorgt die Polizeidirektion Osnabrück für Recht und Ordnung. 1,5 Millionen Menschen leben in dem Zuständigkeitsgebiet, das sich von der Nordsee-Küste entlang der niederländischen Grenze bis nach Nordrhein-Westfalen erstreckt. Im Interview äußert sich Polizeipräsident Michael Maßmann dazu, wie sich die Kriminalität in der Region entwickelt hat.

Frage: Herr Maßmann, die Zeiten sind unruhig. Macht sich das bemerkbar bei der Kriminalität im eher ländlich geprägten West-Niedersachsen, das ja manchmal recht weit weg scheint von den großen Problemen dieser Zeit?

Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, in West-Niedersachsen Opfer einer Straftat zu werden, ist landesweit mit am geringsten. Zudem haben wir mit 65 Prozent Aufklärungsquote innerhalb der Polizeidirektion Osnabrück die höchste in Niedersachsen. West-Niedersachsen ist und bleibt sicher. Aber es gibt Trends, die mich sehr beunruhigen. Die Zahl der Rohheitsdelikte hat im Bereich der Polizeidirektion im vergangenen Jahr mit gut 15.000 Straftaten ein 30-Jahres-Hoch erreicht. Über die Gründe, die zu dieser Entwicklung führen, kann ich nur spekulieren: Ist es die angespannte wirtschaftliche Situation? Ist es eine allgemeine Unzufriedenheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist der Trend besorgniserregend.

Frage: Was sind Rohheitsdelikte?

Antwort: Das sind eben nicht klassisch Mord und Totschlag. Vor allem fallen darunter Körperverletzungen, Raub, Nötigung, häusliche Gewalt oder Bedrohungen, im echten wie im digitalen Leben. Fakt ist: Die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft nimmt zu. Konflikte werden häufiger mit Gewalt ausgetragen, als sie friedlich zu lösen. Dabei spielt auch der Alkohol eine Rolle. Und immer häufiger auch das Messer, wir hatten 352 Messerangriffe in der Direktion. 

Frage: Es wurde an 365 Tagen 352 Mal auf Menschen eingestochen?

Antwort: So ist das nicht zu verstehen. Bei der Hälfte der Fälle wurde mit dem Messer gedroht, etwa bei einem Überfall. 66 Mal kam es etwa in Tankstellen, Kiosken, Bordellen oder auch im häuslichen Umfeld zu einer gefährlichen Körperverletzung, es wurde also zugestochen. 31 Mal in der Öffentlichkeit. So oder so ist die Zahl aber viel zu hoch. Messerangriffe beunruhigen die Bevölkerung zurecht. 

Frage: Was kann die Polizei dagegen tun?

Antwort: Wir prüfen derzeit konkret, Waffen- und Messerverbotszonen einzurichten. Die könnten an Orten eingerichtet werden, wo immer viele Menschen zusammenkommen. Und dort, wo es häufig zu Messerdelikten kommt. Wir sind da dran. Das muss jetzt zügig vorangehen.

Frage: Geht es schon etwas konkreter?

Antwort: Wir prüfen das derzeit sehr konkret für Osnabrück und für Leer. Jeweils in den innerstädtischen Bereichen könnten größere Gebiete entsprechend ausgewiesen werden. Das wollen wir aber statistisch sehr genau untermauern, deswegen läuft die Prüfung gerade noch.

Frage: Ist so eine Verbotszone nicht auch Ausdruck gesellschaftlichen Versagens? Wenn nichts anderes mehr hilft als ein Verbot, eine mutmaßlich tödliche Waffe mitzuführen?!

Antwort: Früher war ich bei solchen Zonen, die es gerade in Großstädten ja teils schon länger gibt, sehr skeptisch. Das signalisiert: Wir, also die Gesellschaft, haben da ein großes Problem. Und vielleicht verunsichert das die Bevölkerung erstmal auch. Aber für ein besseres Sicherheitsgefühl und angesichts der Zahlen ist für mich die Zeit gekommen, Konsequenzen zu ziehen. Polizei und Ordnungsämter bekommen in solchen Zonen mehr Möglichkeiten bei Kontrollen. Ich bin sicher, dass so etwas schnell Wirkung zeigen wird. 

Frage: Wer sind die Gewalt- und wer die Messertäter? In den Kriminalstatistiken des BKA ist nachzulesen, dass der Anteil der Tatverdächtigen mit Nicht-Deutscher Staatsbürgerschaft im Vergleich zum Bevölkerungsanteil überrepräsentiert ist. Gilt das auch für Ihr Zuständigkeitsgebiet?

Antwort: Bei den Messer-Delikten sind 60 Prozent der Verdächtigen deutsche Staatsbürger. Das bedeutet dann aber auch, dass 40 Prozent der Tatverdächtigen Ausländer sind. Der Anteil an den Tatverdächtigen ist also speziell in diesem Deliktsfeld höher als der Anteil an der Gesamtbevölkerung. Das müssen wir uns genau anschauen. Die Tatverdächtigen sind zum großen Teil männlich und im Erwachsenen-Alter.

Frage: Warum ist das so?

Antwort: Es ist in Teilen dadurch zu erklären, dass viele Menschen zu uns gekommen sind: als Asylbewerber oder Kriegsflüchtlinge, auch aus der Ukraine. Das spiegelt sich in der Statistik wider. Aber das ist sicher nicht der einzige Grund. Fehlende Integration, fehlende Teilhabe, fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, vielleicht auch fehlende Entwicklungsmöglichkeiten in dieser Bevölkerungsgruppe könnten auch Erklärung für eine tendenziell höhere Gewaltbereitschaft sein. Was nach unserer Wahrnehmung aber auch ein großes Thema ist, sind traumatisierte Asylbewerber, deren gesundheitliche Probleme sich in gewaltbereitem Verhalten zeigen.

Frage: Sie hatten angesprochen, dass der Alkohol bei Rohheitsdelikten auch eine Rolle spielt. 

Antwort: Ja, ein nicht unerheblicher Teil der Tatverdächtigen ist alkoholisiert. Je später die Stunde, je höher der Alkoholpegel, desto geringer sind die Hemmschwellen, zuzuschlagen. Das merken wir vor allem auch bei den Angriffen auf unsere Polizisten. Da ist sogar bei jedem zweiten Fall Alkohol im Spiel. Das ist dramatisch! Ich könnte mir auch weitergehende Maßnahmen vorstellen, etwa eine Sperrzeit. Sprich: In einem gewissen Gebiet darf ab einer bestimmten Uhrzeit, sagen wir 2 Uhr, kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden. Das würde helfen. Ich will die weitere Entwicklung da erst noch ein wenig beobachten.

Frage: Wie steht es um Geldautomatensprengungen? Jahrelang kam die Polizei entlang der Grenze zu den Niederlanden häufig zu spät. Mittlerweile können immer mehr Täter, die meisten aus den Niederlanden stammend, festgenommen und später auch verurteilt werden. Haben Sie das Thema in den Griff bekommen als Polizeidirektion Osnabrück?

Antwort: Wir haben bemerkenswerte Ermittlungserfolge verzeichnet. Aber auch die Festnahmen direkt nach der Tat bei den Fahndungen sind bei uns deutlich mehr geworden. Und ich bin guter Dinge, dass das auch so erfolgreich weitergehen wird. Ein wenig Stolz macht mich auch unsere Beteiligung an einem EU-Projekt als einzige Polizeibehörde in Deutschland. Da geht es um die Intensivierung der nationalen und internationalen Zusammenarbeit. Das bringt nochmal neuen Schwung rein. Aber das Phänomen wird uns trotzdem noch einige Zeit weiter begleiten. Und die Polizei wird das nicht alleine lösen können. Hier sind auch die Banken gefragt, ihre Automaten besser zu schützen. Da sind die Geldinstitute dran. 

Frage: Ein anderes polizeiliches Dauerthema könnte sich bald auch erledigen: Cannabis soll weitgehend legalisiert werden. Wie bewerten Sie das?

Antwort: Der Gesetzentwurf ist vollkommen unausgegoren, überhaupt nicht praxistauglich. Da hoffe ich, dass der Bundesrat noch einmal dazwischen geht, bevor so ein Gesetz in Kraft tritt. Allein das Signal, das an die Bevölkerung gesendet wird, ist doch verheerend: Als sei Cannabis-Konsum vollkommen unschädlich. Das ist er bei Weitem nicht. Die zunehmende Verharmlosung spüren wir auch in unserer täglichen Arbeit: Als wir kürzlich eine große illegale Cannabis-Plantage hochgenommen haben, hieß es in den sozialen Netzwerken, ob wir denn nichts Besseres zu tun hätten. Wir reden hier über mutmaßliche Kriminelle, die wir aus dem Verkehr gezogen haben, nicht über Hobby-Kiffer! 

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