Osnabrück  Adipositas: Warum eine „Abnehmspritze“ nicht gegen die Krankheit hilft

Floris Kiezebrink
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Von Floris Kiezebrink
| 09.03.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Krankheit Adipositas wird oft nicht ernst genommen, das sollte laut Experten geändert werden. Foto: IMAGO / Herrmann Agenturfotografie
Die Krankheit Adipositas wird oft nicht ernst genommen, das sollte laut Experten geändert werden. Foto: IMAGO / Herrmann Agenturfotografie
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Über eine Milliarde Menschen weltweit leiden an Adipositas. Betroffene werden oft als faul und unsportlich angesehen, obwohl viel mehr hinter der Krankheit steckt. Das Ignorieren der Krankheit führt zu Verzögerungen in der Behandlung.

Adipositas erhöht das Risiko für eine Vielzahl schwerwiegender Krankheiten, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. In Deutschland sind Schätzungen zufolge rund zwei von drei Männern und fast die Hälfte der Frauen von Übergewicht betroffen.

Anlässlich des Welt-Adipositas-Tages am 4. März, spricht Jürgen Ordemann, Leiter des Adipositaszentrums am Vivantes Klinikum Spandau, über die Prozesse, die der Erkrankung zugrunde liegen, und erklärt, wie die „Abnehmspritze“ zum Anstieg der Adipositas-Operationen führen könnte.

Frage: „Dick gleich faul“ oder „Dick gleich selbst schuld“ – adipöse Menschen werden häufig aufgrund ihres Aussehens enorm stigmatisiert. Warum ist das falsch?

Antwort: Die Grundlage dieser Vorurteile ist ein simpler Satz: Wer mehr Kalorien aufnimmt und weniger Energie verbraucht, hat eine positive und somit dick machende Energiebilanz. Würde diese einfache Rechnung wirklich stimmen, dann wäre eine Ernährungsberatung in Kombination mit sportlicher Tätigkeit die Lösung der gesamten Probleme. Und das ist leider nicht der Fall. Adipositas ist eine hochkomplexe, chronische Erkrankung, die im Rahmen einer komplett veränderten Umwelt zustande kommt.

Frage: Sie meinen jene Umwelt, in der ungesunde und hochkalorische Ernährung auf Knopfdruck erhältlich ist?

Antwort: Genau. Wenn wir uns die Evolutionsgeschichte – vom Einzeller in der Ursuppe über die Amöbe bis zu den ersten Strukturen des Lebens – anschauen, war das Credo immer überleben. Das heißt: Gewicht gewinnen oder zumindest halten. Dafür haben sich biologische Prozesse wie Hunger entwickelt. Eine absichtliche Gewichtsreduktion war evolutionär nicht vorgesehen. Diese war stets ein Zeichen für Mangel und Krankheit und daher keine Option für die Entwicklung des Lebens.

Antwort: Erst seit etwa 100 Jahren, einem Wimpernschlag in den Hunderten Jahrmillionen der Evolutionsgeschichte, hat sich alles umgekehrt. Wir jagen nur noch bis zum Kühlschrank, der mit reinem Zucker gefüllt ist.

Antwort: Da dies evolutionär nicht vorgesehen war, hat unser Körper keine Schutzmechanismen entwickelt, um damit umzugehen. Wenn dann noch weitere Probleme wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Schlaflosigkeit oder Stress hinzukommen, beginnt ein schleichender Prozess, der letztendlich zur Entwicklung von Adipositas und all den damit verbundenen ernsthaften Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Schlaganfall, Darmkrebs, Arthrose oder Unfruchtbarkeit führt.

Frage: Viele Menschen können jedoch durch eine negative Energiebilanz, also indem sie weniger Kalorien aufnehmen, als sie verbrauchen, ihr Gewicht reduzieren. Warum funktioniert das bei adipösen Menschen so nicht?

Antwort: Der Grund ist, dass wir es nicht nur mit einer Ernährungserkrankung, sondern auch mit einer metabolischen, also einer Stoffwechselerkrankung zu tun haben. Der Stoffwechsel ist ein hochkomplexer Mechanismus, der über die Hunger-, Appetit-, Sättigungs- und Stoffwechselzentren im Hippocampus, eine der ältesten Strukturen im menschlichen Gehirn, reguliert wird.

Antwort: Wenn dieser stark gestört ist, hat der Wille adipöser Menschen, Gewicht zu verlieren, ebenso wenig Einfluss wie der Wille depressiver Personen, glücklich zu sein. Und das bringt uns wieder zu einem der Vorurteile zurück, das einfach völlig falsch ist. Nämlich, dass adipöse Menschen Kontrolle über ihre Situation hätten.

Frage: Sie bezeichnen Adipositas als eine dynamische Erkrankung, die stets eine individuelle Behandlung fordert. Ist das deutsche Gesundheitssystem darauf eingestellt?

Antwort: Nein. Aufgrund unzureichenden Wissens über Adipositas und einhergehender Vorurteile, die leider auch im Gesundheitssystem weitverbreitet sind, besteht in Deutschland das Risiko, dass den Patienten, wenn überhaupt, eine wirklich unzureichende Therapie angeboten wird.

Antwort: Das führt dazu, dass wir im Zentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie immer mehr Patienten in einem sehr fortgeschrittenen Krankheitsstadium behandeln, also Patienten mit einem sehr hohen Körpergewicht von etwa über 200 Kilogramm und dramatischen Folgeerkrankungen. Diese Patienten kommen einfach zu spät!

Frage: Was erwartet Patienten bei Ihnen im Adipositaszentrum?

Antwort: Eine angemessene Therapie lässt sich in drei Teile gliedern: Sie ist zunächst multikausal, indem sie einen ganzheitlichen Ansatz, der auf die Vielzahl verschiedener Ursachen und Einflussfaktoren eingeht, erfordert. Für die Behandlung von Adipositas ist daher eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen wie Ernährungstherapeuten, Psychologen, Physiotherapeuten und Chirurgen von entscheidender Bedeutung.

Antwort: Schließlich wird die Behandlung individuell auf den Schweregrad der Krankheit des jeweiligen Patienten zugeschnitten. 20 000 Adipositas-Eingriffe etwa werden in Deutschland jährlich durchgeführt.

Frage: Um eine nachhaltige Gewichtsreduktion zu erreichen, ist eine Veränderung des Lebensstils und Verhaltens unerlässlich. Patienten erhalten daher häufig eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie, auch bekannt als Multimodales Konzept (MMK). Wo stößt diese konservative Therapie an ihre Grenzen und fängt die operative an?

Antwort: Grundsätzlich kann man sagen: Je weniger stark das Krankheitsbild ausgeprägt ist, umso weniger invasiv muss man vorgehen. Das Übergewicht einer Adipositas ersten Grades lässt sich mit der multimodalen Therapie stabilisieren oder reduzieren. Wir sprechen hier im Grunde genommen nur von einer ärztlich betreuten Lebensstiländerung.

Antwort: Für schwer adipöse Patienten reicht das in der Regel nicht aus. Diese Therapien erzielen nur vorübergehende Erfolge, da der Stoffwechselmechanismus nach wie vor gestört ist. Es kommt zu einem sogenannten JoJo-Effekt. Patienten verzweifeln an ihrer eigenen Fähigkeit, diese Veränderungen durchzuführen, und sind wahnsinnig frustriert. Dann bleibt lediglich eine Operation als Option übrig.

Frage: Welche chirurgischen Verfahren sind heute Standard?

Antwort: In der Adipositas-Chirurgie gibt es zwei führende, minimalinvasive Verfahren: Den Schlauchmagen, bei dem ein Großteil des Magens entfernt wird, um einen schlauchartigen Restmagen zu formen. Und den Magenbypass, bei dem der Magen ebenfalls verkleinert und anschließend mit dem Dünndarm verbunden wird.

Frage: Wird bei den Operationen nur das Magenvolumen reduziert?

Antwort: Nein. Durch die Eingriffe, bei denen die Aufnahmefläche des Magens bis zu 80 Prozent reduziert wird, erleben die Stoffwechselkontrollzentren im Hippocampus gewissermaßen einen Neustart. Aufgrund neurophysiologischer Veränderungen wie beispielsweise der Freisetzung des sogenannten GLP-1-Hormons – eines appetitzügelnden Botenstoffs, der im Darm produziert wird – und der geringeren Produktion des Hungerhormons Ghrelin verspürt man weniger Hunger und Appetit.

Antwort: Eine Diät wird dadurch nicht mehr als ewiger Kampf empfunden, sondern als Normalzustand. Das ist der eigentliche Segen einer Adipositas-Operation. Die Verkleinerung des Magens allein bewirkt nicht, dass die Patienten abnehmen, sondern die Veränderung von Botenstoffen, Hormonen und Kommunikationswegen über den Vagusnerv, der sich vom Gehirn bis zu den meisten Organen im Bauchraum erstreckt.

Antwort: Dadurch wird es für die Betroffenen erst möglich, Änderungen in ihrer Ernährung beizubehalten. Darüber hinaus können Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 durch diese hormonellen Veränderungen unmittelbar nach der Operation verschwinden. Die Adipositas-Chirurgie wird deshalb auch als metabolische Chirurgie bezeichnet.

Frage: Sind Sie der Ansicht, dass in Deutschland häufig zu früh operiert wird?

Antwort: Ganz im Gegenteil. In Deutschland sollte die operative Therapie viel früher angeboten werden. Der Durchschnittswert liegt hierzulande bei einem Body-Mass-Index-Wert (BMI) von etwa 50. Laut der S3-Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) sollte spätestens bei einem BMI über 40 operiert werden.

Antwort: In der Schweiz und in den Niederlanden zum Beispiel liegt der durchschnittliche Wert bei 42. Dort zeigt sich, dass deutlich größere Erfolge erzielt werden, nicht nur im Hinblick auf das operative Ergebnis, sondern auch auf die Therapie und Vermeidung von Folgeerkrankungen.

Frage: Woran liegt es, dass hierzulande später operiert wird?

Antwort: Das liegt daran, dass es in Deutschland eine Finanzierungslücke in der medizinischen Versorgung adipöser Menschen gibt. Die multimodale Therapie – Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie – wird von den Krankenkassen häufig nicht finanziert und die Betroffene können die Kosten selbst nicht stemmen. Diese konservative Therapie über sechs Monate hinweg muss jedoch einer operativen Behandlung vorausgehen.

Frage: Semaglutid und Liraglutid sind beides Medikamente aus der Gruppe der sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten und wurden primär zur Therapie von Patienten mit Typ-2-Diabetes eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass sie als Unterstützung beim Abnehmen eine immer größere Bedeutung gewonnen haben. Können diese Medikamente Adipositas Operationen überflüssig machen?

Antwort: Diese Medikamente sind ein Gamechanger, gar keine Frage. Dennoch können sie jetzt noch keine vergleichbare kurz- oder langfristige Gewichtsreduktion herbeiführen, wie Operationen es können. Aber es wird vermutlich in späterer oder näherer Zukunft andere Medikamente geben, die noch besser wirken, sodass Operationen nicht mehr unbedingt erforderlich sind. Vorerst bin ich aber der Überzeugung, dass diese Arzneimittel tatsächlich eher zu einem Anstieg der Eingriffe führen werden.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Indem die Medikamente einerseits verdeutlichen, dass Adipositas eine Stoffwechsel- und Ernährungserkrankung ist und nicht durch eine einfache Energiebilanzrechnung erklärt werden kann. Sonst würde man die Medikamente nicht brauchen.

Antwort: Andererseits gibt es Patienten, die so schwer sind, dass sie nicht operiert werden können. Die Medikamente gegen Diabetes Typ 2 können somit eingesetzt werden, um diesen Patienten zunächst eine Gewichtsabnahme zu ermöglichen, damit sie anschließend für eine Operation infrage kommen.

Frage: Sie haben bereits erwähnt, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist. Bedeutet das, dass Patienten auch nach einer Operation eine lebenslange Nachsorge benötigen?

Antwort: Ja, unbedingt. Diese beinhaltet an erster Stelle eine begleitende Ernährungstherapie. Im Adipositaszentrum wird dafür Sorge getragen, diese gut zu gestalten und die Patienten ausreichend zu informieren. Denn es ist besonders wichtig, genug Eiweiß, Vitamine und Spurenelemente zu konsumieren, auch wenn die Mengen begrenzt sind.

Antwort: Da der Körper nach einer Magenverkleinerung möglicherweise nicht mehr alle Nährstoffe aus der Nahrung aufnehmen kann, ist es oft ratsam, Vitamintabletten mit Spurenelementen zu supplementieren. Mit regelmäßigen Laborkontrollen können eventuelle Mängel frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt werden. Zudem ist auch eine psychotherapeutische Betreuung häufig erforderlich. Oft kämpfen Patienten bereits vor der Operation mit psychischen Erkrankungen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel.

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