Berlin  Kam 2016 als Flüchtling: Wie sich Rohullah Rasa durch die Ausbildung kämpft

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 05.03.2024 07:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schulleiter Ulf Zumbrägel: Wer mit geringen Sprachkenntnissen eine Ausbildung anfängt, kommt oft nicht mit. Foto: BSZW
Schulleiter Ulf Zumbrägel: Wer mit geringen Sprachkenntnissen eine Ausbildung anfängt, kommt oft nicht mit. Foto: BSZW
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Jeder zweite Betrieb kann seine offenen Stellen nicht besetzen. Wie praktisch, dass immer mehr Flüchtlinge wie Rohullah Rasa in Osnabrück eine Ausbildung machen. Doch oft verhindern Sprachbarrieren und andere Probleme den erfolgreichen Einstieg in die Lehre.

Bis Rohullah Rasa endlich eine Ausbildung anfangen konnte, war es ein langer Weg. Nicht nur geografisch betrachtet. Im Sommer 2016 kam der damals 17-Jährige als unbegleiteter Flüchtling in Deutschland an. Zuvor war er aus seiner Heimat Afghanistan geflohen. In Kundus, wo er mit seiner Familie lebte, verbrachte er seine Freizeit hauptsächlich mit Malen und Zeichnen. 3D-Kunst am Computer interessierte ihn, Architektur sowieso.

„Als ich schließlich in Deutschland ankam, wusste ich: Ich will mein Hobby zum Beruf machen“, sagt Rasa heute. Und so verwundert es nicht, dass Rasa schließlich eine Ausbildung zum Bauzeichner anfing. Im August 2022 war das, sechs Jahre nach seiner Ankunft. Zunächst büffelte er Deutsch, machte seinen Hauptschulabschluss, packte die Realschule.

Rasas Ausbildung läuft dual. An vier Tagen pro Woche lernt er in einem Ingenieurbüro im Osnabrücker Süden. Einmal wöchentlich geht es in die Berufsschule. Der Afghane ist einer von rund 200 geflüchteten Azubis, die das Berufsschulzentrum am Westerberg in Osnabrück besuchen.

In Deutschland ist die Zahl der ausländischen Azubis in den vergangenen zehn Jahren von 33.500 auf knapp 55.000 gestiegen. Jeder Dritte stammt dabei aus einem der acht größten Asylherkunftsländer: Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Das ergab eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft.

Der Ausbildungsmarkt steckt in einem doppelten Dilemma. Eine sinkende Zahl junger Menschen interessiert sich für eine Ausbildung, 2023 blieben 73.000 Plätze unbesetzt. Gleichzeitig suchen Unternehmen händeringend Nachwuchs. Nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat jeder zweite Betrieb Probleme, offene Stellen zu besetzen.

Fangen immer mehr Geflüchtete eine Lehre an, kann das die Lücke verkleinern. Doch wer mit Berufsschulleitern und Branchenverbänden spricht, bekommt schnell eine Ahnung, dass die Integration in eine Ausbildung alles andere als einfach ist.

Allzu häufig stehen Sprachbarrieren im Weg. „Wer mit geringen Sprachkenntnissen eine Ausbildung anfängt, kommt in der Berufsschule inhaltlich kaum mit“, sagt Ulf Zumbrägel, Leiter des Berufsschulzentrums am Westerberg in Osnabrück. „Die Gefahr eines Abbruchs ist sehr hoch.“ Und nicht selten scheiterten jene, die es bis zum Ende der Berufsbildung schafften, „gnadenlos“ an den Prüfungen.

Die Jugendlichen während der Ausbildung mit Sprachkursen zu unterstützen – das müsse laut Zumbrägel das Ziel sein. Er verweist auf unterschiedliche Programme, die dabei helfen könnten, darunter die sogenannte Einstiegsqualifizierung: ein vergütetes, zwölfmonatiges Praktikum, das die Jugendlichen auf eine Ausbildung vorbereiten soll. Kombiniert wird das Angebot mit Sprachkursen und Besuchen an der Berufsschule.

„Ein erfolgversprechendes Modell“, findet der Schulleiter. Zwar verlängert sich die Ausbildungsdauer um ein Jahr, aber Zumbrägel ist überzeugt: Die Einstiegsqualifizierung kann die Abbrecherquote signifikant senken.

Sorgen, dass er an der Sprache scheitern könnte, muss sich Rohullah Rasa nicht machen. Sein Deutsch ist gut, das hört man während des Telefonats sofort. Kein Ringen um Wörter, kaum Schwierigkeiten bei der Satzbildung, klare Aussprache. Was aber nicht heißt, dass er ausnahmslos hinterherkommt.

Mit Fachwörtern tue er sich nach wie vor schwer, sagt er: „Es kommt auch vor, dass ich im Betrieb Kollegen fragen muss, ob sie mir einen Begriff erklären können.“ Und bei Prüfungen müsse er sich immer ein Stück weit mehr anstrengen als die anderen.

Prüfungen. Auch so ein Thema. Ulf Zumbrägel sieht hier die Industrie- und Handelskammern in der Pflicht. Die Prüfungsaufgaben, meint er, könnten bei Bedarf doch auch in einfacher Sprache gehalten werden. Das Aufgabenniveau leide nicht automatisch darunter. Er hat aber den Eindruck, dass sich viele Kammern dagegen wehrten.

Was wäre mit einem Nachteilsausgleich? Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, hält davon viel. „Oft beobachten wir, dass Geflüchtete ihre Ausbildung aufgrund sprachlicher Schwierigkeit nicht in der normalen Zeit schaffen.“ Sie schlägt vor, dass sie in bestimmten Fällen mehr Zeit für Prüfungsaufgaben bekämen und ein Wörterbuch benutzen dürften.

Eine derartige Anpassung müsse allerdings rechtlich ermöglicht werden. Laut Berufsbildungsgesetz gilt der Nachteilsausgleich nur für behinderte Lehrlinge – und das Bundesbildungsministerium denkt nach eigenen Aussagen nicht über eine entsprechende Gesetzesänderung nach.

Es ist nicht klar, wie viele Geflüchtete die Abschlussprüfung bestehen. Weder die DIHK, noch das Bundesinstitut für Berufsbildung oder die Arbeitsagentur haben Zahlen. Lediglich der Zentralverband des Handwerks kann etwas zur Erfolgsquote unter Azubis aus Ländern mitteilen, bei denen ein Fluchthintergrund wahrscheinlich ist. Demnach haben 2022 haben rund 72 Prozent von ihnen die Prüfung bestanden. Auf alle Auszubildenden berechnet, lag die Quote im selben Jahr bei etwa 87 Prozent.

Doch oft treten die Probleme auf, bevor die Ausbildung überhaupt begonnen hat. Ein Szenario: Ein Betrieb bietet einem Asylbewerber mit Duldung einen Ausbildungsplatz an. Grundsätzlich ist das möglich, der Geduldete benötigt jedoch die Zustimmung der Ausländerbehörde.

Der Haken: Mitunter brauchen die Behörden Monate für die Antragsprüfung, wie aus Gesprächen mit Experten hervorgeht. Weil sie nicht so lange können, entschieden sich viele Betriebe währenddessen für andere Bewerber. Stichwort Nachwuchsmangel. Die Betroffenen blieben auf der Strecke.

Sigmar Walbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen spricht sich daher für eine Änderung des Aufenthaltsrechts aus, „damit die Ausländerbehörden bei der Zustimmung eine klare Frist von zum Beispiel 14 Tagen haben.“ Die Einwilligung betrifft auch Menschen, deren Asylverfahren noch läuft. Personen mit sicheren Aufenthaltstitel können hingegen ohne Zustimmung eine Ausbildung beginnen.

Trotz aller Herausforderungen erkennt Berufsschulleiter Zumbrägel einen positiven Trend. „Früher haben die Geflüchteten gerne Friseur und klassische Bauberufe erlernt oder sind in die Gastronomie gegangen“, erinnert er sich. Heutzutage wählten sie auch „äußerst anspruchsvolle Ausbildungsberufe“, wie Zahn- oder Elektrotechnik.

Oder sie machen es wie Rohullah Rasa und werden Bauzeichner.

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