Hamburg  Warum die Ausbildung zum „Alleskönner“ Pflege-Azubis weite Wege beschert

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 02.03.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei der generalistischen Ausbildung zur Pflegefachkraft durchlaufen die Azubis Stationen in der Altenpflege, im Krankenhaus und anderen relevanten Bereichen. Foto: Robert Michael/dpa
Bei der generalistischen Ausbildung zur Pflegefachkraft durchlaufen die Azubis Stationen in der Altenpflege, im Krankenhaus und anderen relevanten Bereichen. Foto: Robert Michael/dpa
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„Generalistik“ ist das aktuelle Zauberwort bei der Pflegeausbildung. Auszubildende lernen die Altenpflege ebenso kennen wie das Arbeiten im Krankenhaus. Ein Nachteil: Gerade im ländlichen Raum drohen lange Wege. Da will der Landkreis Osnabrück nun helfen.

Für Lara Sophie Meyer war immer klar, dass sie mal in der professionellen Pflege landen wird. „Alle in meiner Familie arbeiten in der Pflege und es macht mir Spaß, Menschen zu helfen“, sagt die 20-Jährige. Schon als Teenagerin arbeitete sie als Pflegehelferin, vor allem in Nachtschichten.

Mittlerweile steckt sie im zweiten Jahr ihrer Pflegeausbildung. Doch die verbringt sie aktuell gar nicht bei ihrem Ausbildungsbetrieb, einem Altenpflegeheim in der Gemeinde Holdorf im Landkreis Vechta. Auch nicht in der Fachschule, der Akademie für Pflegeberufe und Management (APM) in Osnabrück. Lara Sophie Meyer ist derzeit im Emsland unterwegs. Drei Monate hat sie ihren Praxiseinsatz im Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen. Mehr als 70 Kilometer von ihrem eigentlichen Arbeitgeber entfernt. Eine Folge der „generalistischen Ausbildung“, die angehende Pflegefachkräfte seit 2020 durchlaufen.

Statt sich schon vor der Ausbildung entscheiden zu müssen, in welchem Pflegebereich man später landet, stehen Auszubildenden wie Meyer am Ende alle Türen offen. Es ist eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung in den letzten Jahren versucht, die Pflegeausbildung zu verbessern. Für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versteht man die Generalistik als Antwort auf „immer komplexere Pflegeleistungen“, die „durch ambulante Pflegedienste und in stationären Pflegeeinrichtungen erbracht werden“ müssen.

Beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) ist hingegen weniger Begeisterung auszumachen. Es sei der „größte Fehler“ gewesen, dass es die Altenpflege nicht mehr gibt, sagte Verbandsgeschäftsführer Norbert Grote bei einem Bürgerdialog im mecklenburgischen Neubrandenburg. Er kritisierte, dass Menschen, die in die Altenpflege wollen, genau das nicht mehr können, weil sie am Krankenhaus nicht mehr vorbeikommen. Da gehe Potenzial an neuen Pflegekräften verloren.

Solche Fälle kennt auch die Auszubildende Meyer. „Viele lassen eine Ausbildung oder Fortbildung dann lieber, weil sie in eine Abteilung kommen, in die sie nicht wollen. Dann bleiben sie lieber Pflegehelfer.“ Sie selbst freue sich, bei der Ausbildung auch andere Einblicke, etwa in die Palliativ- und Hospizarbeit zu bekommen.

Ein praktisches Problem der Generalistik sind lange Wege, die Auszubildende für diese Praxiseinsätze auf sich nehmen müssen. Denn im nächstgelegenen Krankenhaus ist dafür längst nicht immer Platz. Das Klinikum in Osnabrück etwa kooperiere mit ihrer Schule gar nicht, viele Krankenhäuser würden nur die eigenen Schüler aufnehmen, erläutert Meyer.

Daher bleibe nur der weitere Weg nach Meppen. Vor allem in ländlichen Gegenden, wo es zwar Pflegedienste und -heime gebe, aber nur wenige Krankenhäuser, werde die Zentralisierung so zum Nachteil für die Pflegeanbieter, meint auch BPA-Mann Grote. Um sich den Sprit zu sparen, hat Meyer in der Nähe durch die Schule eine günstige Wohnung gestellt bekommen. Geld, das sie gerne gespart hätte. „Es wäre schön, wenn das Gehalt nicht direkt wieder für Miete oder fürs Tanken draufgeht.“

Im Landkreis Osnabrück hat man das Problem der weiten Wege erkannt und unterstützt die Pflege-Azubis bei den Fahrt- und Übernachtungskosten mit bis zu 500 Euro im Jahr. Damit wolle man der hohen Abbrecherquote in der Pflege entgegenwirken, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit. Bis zum Sommer stehen für die Förderung 300.000 Euro zur Verfügung. Geld, auf das auch Lara Sophie Meyer hoffte, immerhin besucht sie mit der APM jene Schule, die diese Landkreis-Förderung mit forciert hat.

„Wir brauchen in der Pflege jede engagierte und interessierte Kraft. Mit der Übernahme der Fahrtkosten erfahren die Auszubildenden Wertschätzung und erleben, dass ihr künftiger Beruf wichtig ist“, heißt es von APM-Geschäftsführerin Kristina Keller.

Doch ihre Schülerin Meyer wird diese Wertschätzung vorerst nicht erfahren. Denn das Altenpflegeheim „As to Huus“ in Holdorf liegt im Nachbarlandkreis Vechta. Und wie die Osnabrücker Kreisverwaltung auf Nachfrage klarstellt: „Der Ausbildungsbetrieb muss seinen Sitz im Landkreis Osnabrück haben.“ So kostet die Ausbildung Meyer am Ende mehr als ihre Mitschüler, weil sie ihre Ausbildung im „falschen“ Landkreis absolviert. „Warum gibt es das nicht flächendeckend?“, fragt sie verstimmt.

Attraktiver wird die Ausbildung damit insgesamt nicht. BPA-Geschäftsführer Grote sieht die Pflegeanbieter als ohnehin als Verlierer der Generalistik. Es sei ein System für die Krankenhäuser, die weit zentraler liegen und teils sogar eigene Unterkünfte und Pflegedienste hätten. „Die Krankenhäuser sind der Profiteur und die Langzeitpflege blutet aus“, so sein Eindruck.

Sein Verband untermauert das auf Anfrage mit aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Die Krankenhäuser haben demnach weit mehr Auszubildende als etwa die ambulanten Pflegedienste. Dort brach zudem die Zahl im Jahr 2022 besonders stark, um 12,4 Prozent, ein. Allerdings klagten auch die Krankenhäuser über rund sieben Prozent weniger Auszubildende.

Was für Grotes Eindruck spricht: In den Krankenhäusern blieben die Ausbildungsplätze vor allem unbesetzt, weil die Bewerber als ungeeignet galten, wie eine Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung zeigt. Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen hatten hingegen vor allem das Problem, dass es einfach zu wenige Bewerber gab.

Laura Sophie Meyer kann dem Fachkräftemangel aber auch etwas Gutes abgewinnen. „Man merkt, dass die Anerkennung groß ist, und ich fühle mich wirklich frei. Ich kann theoretisch überall arbeiten.“ Auch dank der generalistischen Ausbildung.

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