Prozessauftakt in Aurich 79-Jähriger soll Grundschülerin missbraucht haben
Ein Mann aus dem Kreis Leer muss sich wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vor dem Landgericht Aurich verantworten. Am ersten Prozesstag kam unter anderem die Mutter des mutmaßlichen Opfers zu Wort.
Borkum/Aurich - Langsam bahnt sich der Beschuldigte, flankiert von zwei Rechtsanwälten, den Weg zu seinem Platz auf der Anlagebank. Denn seit diesem Mittwoch, dem 28. Februar 2024, muss sich der 79 Jahre alte Mann vor dem Landgericht in Aurich wegen mehrfachem sexuellem Missbrauch von Kindern verantworten. So wird dem Rentner unter anderem von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, „an nicht näher definierten Tagen“ im Zeitraum zwischen Juli und Dezember 2022 sexuelle Handlungen „an unter 14-Jährigen, also Kindern“, durchgeführt zu haben. Gelegenheit soll der Angeklagte dazu gehabt haben, als die Tochter seiner Nachbarin ihn alleine in seiner Wohnung auf Borkum besucht habe, heißt es in der Anklageschrift.
Als erste Zeugin sagte die Mutter des Mädchens vor Gericht aus. Nach der Trennung vom Kindsvater sei sie im April 2019 vom Festland nach Borkum gezogen, erzählte sie – sichtlich emotional aufgewühlt – dem Vorsitzenden Richter Bastian Witte. Im Juli desselben Jahres habe sie ihre Tochter zu sich geholt, „weil ich vorher keinen Kita-Platz für sie bekommen habe“, so die 36-Jährige. Als das Kind im Sommer 2020 schließlich eingeschult wurde, entwickelte sich der Kontakt zum Angeklagten – damals Nachbar der Familie. „Wir haben eine Katze bekommen und waren mit ihr draußen, um sie an die Umgebung zu gewöhnen. Da kam das erste richtige Gespräch mit ihm zustande“, erinnerte sich die Zeugin zurück.
Beschuldigter soll wie ein Ersatz-Opa gewesen sein
Nach und nach sei eine vertraute Beziehung entstanden. „Wir haben viel unternommen, für meine Tochter war er eine Art Ersatz-Opa und auch für mich jemand, mit dem ich gut reden konnte“, sagt sie. Das habe dazu geführt, dass die Grundschülerin den Angeklagten immer öfter alleine besucht und im Dezember 2022 bei ihm übernachtet habe. „Das war, weil ich Weihnachtsfeier hatte und sie doch nicht bei einer Freundin übernachten konnte“, so die Zeugin. Die Nachfrage des Richters, ob dies wirklich der erste Übernachtungsbesuch bei dem Rentner war, konnte sie jedoch nicht zweifelsfrei beantworten.
Nach diesem Besuch im Dezember sei die Stimmung gekippt. „Wir waren danach bis Anfang Januar bei meinen Eltern auf dem Festland. Als wir zurückkamen und er uns an der Fähre abgeholt hat, war die Situation komisch“, sagte die 36-Jährige. Ihre Tochter habe den Augenkontakt zum Rentner vermieden und nicht alleine zu ihm in die Wohnung gewollt, um den Tisch für ein gemeinsames Abendessen dort zu decken. Als die Zeugin und ihre Tochter dann alleine im Auto saßen, habe das Mädchen sich ihr anvertraut. Es seien „komische Sachen“ passiert. „Ich habe dann gesagt, dass wir das klären müssen“, so die 36-Jährige. Bei Tisch habe ihre Tochter den Angeklagten schließlich mit der sexuellen Handlung konfrontiert, dies habe er bestritten.
Rentner soll versucht haben, sich das Leben zu nehmen
Daraufhin habe die Zeugin ihr Kind zurück nach Hause gebracht. Der Angeklagte soll ihr in der Zwischenzeit Sprachnachrichten geschickt haben, in denen er seinen Suizid angekündigt haben soll. „Ich bin dann sofort zu unserer Nachbarin, die Polizistin ist, gegangen und habe sie um Hilfe gebeten“, erklärt die 36-Jährige. Gemeinsam seien die beiden Frauen in die Wohnung des Angeklagten gegangen.
Das bestätigte auch die 47-jährige Polizeibeamtin im Zeugenstand. Als ihnen eine Nachbarin mit dem Zweitschlüssel die Tür geöffnet hatte, habe der heute 79-Jährige schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Außerdem soll er gegenüber der Polizeibeamtin zugegeben haben, die Grundschülerin sexuell berührt zu haben. Da diese nicht im Dienst war, habe sie bei der Borkumer Polizeidienststelle angerufen. „Dann kamen zwei meiner Kollegen“, so die 47-Jährige. Bei einem Telefonat mit seinem Sohn habe der Angeklagte sich dann langsam beruhigt. „Er hat aber so etwas gesagt wie: ,Ich habe Mist gebaut‘. Ob das auf die Tat oder den Suizid-Versuch bezogen war, kann ich nicht sagen“, so die Beamtin.
Angeklagter selbst schweigt zu den Vorwürfen
Der Rentner selbst schwieg vor Gericht zu den Vorwürfen. „Unser Mandant wird sich zur Sache nicht erklären“, sagte die Rechtsanwältin Sonka Mehner, die den Angeklagten gemeinsam mit Rechtsanwalt Arno Saathoff verteidigt. Über seine Rechtsanwälte ließ der Beschuldigte die Vorwürfe in Form einer Verteidigererklärung allerdings bestreiten. Das Mädchen im Grundschulalter sei zwar bei ihm zu Besuch gewesen, die von der Staatsanwaltschaft beschriebene sexualisierte Gewalt habe es aber nie gegeben.
Zudem forderte die Verteidigung eine psychologische Begutachtung des Mädchens. „Das ist allein schon aufgrund ihres Alters notwendig. Es liegt uns fern, die Glaubwürdigkeit des Kindes zu beurteilen. Aber die Zeugin wurde ohne psychologische Begutachtung vernommen, obwohl sie einmal in Behandlung war“, führte Mehner dazu aus.
„Ich weiß bis heute nicht, was wirklich passiert ist“, ärgerte sich die Mutter des Mädchens, die gleichzeitig Nebenklägerin ist. Licht ins Dunkel sollen zwei weitere Prozesstage bringen. Es sind Zeugen und ein Sachverständiger geladen. Unter anderem der Psychotherapeut, bei dem die Grundschülerin in Behandlung ist, soll dann befragt werden. Weitere Termine sind voraussichtlich der 15. März und der 22. März 2024, jeweils um 9 Uhr.