Hamburg/Köln Zwischen den Welten: Ukrainische Fernbusfahrer pendeln zwischen Krieg und Frieden
Ukrainische Fernbusfahrer sind Navigatoren einer zerrissenen Nation. Sie kennen wie nur wenige die Hoffnung der Flüchtlinge in der Fremde und die Angst der Zurückgebliebenen in der Ukraine. Wer sind die Männer, die zwischen den Welten pendeln?
Blumen und Bomben sind das Empfangskomitee für Fernbusfahrer, deren Ziel ein Kriegsgebiet ist. Mit Blumen im Arm warten Männer an der Kiewer Busstation, am Hauptbahnhof von Charkiw oder am ZOB in Saporischschja. Sie empfangen ihre Frauen, Schwestern, Mütter und Töchter, die vor dem Krieg nach Westeuropa geflohen sind. Oft liegen sich die Menschen minutenlang weinend in den Armen, erzählen die Busfahrer. Und oft gibt es Luftangriffe. Kiew, Charkiw oder das Kernkraftwerk von Saporischschja waren immer wieder Ziele russischer Raketen.
Die Busse von Euroclub fahren auch im Bombenhagel. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 gab es kaum einen Tag Pause, sagt Busunternehmerin Natalia Volk. Evakuierten die Busse zu Beginn des Krieges vor allen Dingen Menschen, hat sich mittlerweile ein täglicher Pendelverkehr von der Ukraine nach Deutschland, Österreich und Polen etabliert.
Etwa vier Millionen Ukrainer sind in die Europäische Union geflohen, allein nach Deutschland kamen etwa 1,2 Millionen Menschen. Die Gründe, in die Heimat zurückzukehren, sind unterschiedlich: Einige besuchen ihre Verwandten, andere schauen in der Wohnung nach dem Rechten – und nicht wenige kommen auch, weil sie einen Angehörigen beerdigen müssen, einen Soldaten von der Front vielleicht oder ein ziviles Opfer.
Die Nachfrage nach den Fahrten ist hoch. Die Flotte ist seit Beginn des Krieges von 17 auf 40 Fahrzeuge angewachsen, etwa 200 Fahrer pendeln zwischen Krieg und Frieden. Weil der Luftraum gesperrt ist, ist Busfahren die günstigste und flexibelste Alternative. Um die 80 Euro kostet eine einfache Fahrt von Deutschland in die Ukraine. Mehr als 30 Stunden sind die Busse unterwegs, drei Fahrer wechseln sich unterwegs ab. Bomben, die am Straßenrand explodieren und stundenlanges Warten an der Grenze sind ihr Alltag.
Da ist Nikolay Volovenko. Der 36-Jährige fährt die Route seit zwei Jahren. Er trägt ein weißes Hemd, schwarze Turnschuhe, schwarze Hose und eine schwarze Steppjacke. Volovenko redet nicht mehr als nötig: „Ich kenne den Krieg seit zehn Jahren. Ich habe zu viel gesehen, um noch Angst zu haben“, sagt er. Volovenko stammt aus Luhansk, dem Gebiet im Osten der Ukraine, das Russland schon 2014 besetzt hat. Er wisse, was Menschen einander antun können. Die Arbeit als Busfahrer sei wichtig, denn Busfahrer gehören zu den wenigen, die noch Menschen zusammenbringen, sagt er. Volovenko lebt mit seiner Frau und seinem zehnjährigen Sohn heute in Kiew.
Und da ist Adrian Melnik. Er fährt mit Volovenko gemeinsam die knapp 2000 Kilometer lange Strecke. Mit seinen mit braunen Lederschuhen, blauem Hemd und dunkelblauem Mantel könnte der 42-Jährige auch als Bankkaufmann durchgehen. Melnik lacht gern und viel. Über den Krieg spricht er in Anekdoten. Er erzählt, wie er „Deckung“ gerufen hat, als einmal eine Rakete ganz in der Nähe des Busses einschlug. Und viel wichtiger als der Krieg sei doch, dass er endlich wieder eine Ehefrau finde. Seine Scheidung sei immerhin ein halbes Jahr her, erzählt er. Seine Kollegen stöhnen, lachen und schütteln den Kopf: „Adrian, darum geht es doch jetzt gar nicht”, sagen sie.
Auch Chefin Volk lacht mit. Es ist ein seltener Moment, in dem die 57-Jährige gelöst wirkt. „Ich habe immer Angst, dass ich meine Fahrer das letzte Mal sehe“, sagt sie. Zwei seien im Krieg bereits gestorben. Volk wischt sich die Tränen aus den Augen und spricht ohne Pause weiter. „Ich bin zwar hier in Deutschland und führe das Unternehmen, aber mein Herz ist in der Ukraine“, sagt sie. Das Busunternehmen ist ihr Lebenswerk: Angefangen hat sei 1999 mit nur einem Bus, heute ist es eines der größten Busunternehmen in der Ukraine.
Volk erwartet von ihren Mitarbeitern Pünktlichkeit, Höflichkeit und Fleiß. Wenn es schlechte Bewertungen im Netz gibt, müssen die Fahrer sich erklären. Volk ist eine taffe Unternehmerin, aber keine harte Frau. Sie kennt das Alter der Kinder ihrer Mitarbeiter, weiß, wer jemanden im Krieg verloren hat, und vermittelt im Notfall auch mal eine Wohnung oder einen Job.
Manchmal ärgert sie sich über ihre Landsleute, die nach Deutschland kommen. Einige seien gar nicht akut bedroht, weil sie etwa an der Grenze zu Ungarn lebten. Sie reisten wegen der Sozialleistungen nach Deutschland, glaubt Volk.
Ukrainische Flüchtlinge sind in Deutschland keine Asylsuchenden, sondern anerkannte Flüchtlinge. Damit haben sie sofort Anspruch auf Bürgergeld und weitere Sozialleistungen. „Die meisten Menschen wollen nach Deutschland, weil es dort mehr Geld als in anderen Ländern gibt“, sagt Volk. Sie selbst kann sich nicht vorstellen, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. „Ich vermisse meine Wohnung in Kiew, das Ballett und die Vögel in meinem Garten“, sagt sie. Der Krieg müsse endlich aufhören.
Auch ihre Mitarbeiter sind müde. Müde von der Gewalt und den menschlichen Tragödien, die ihr Alltag sind. Am Anfang seien viele Ukrainer kampfbereit und siegessicher. Langsam werde deutlich, welch hohen Preis die Ukrainer zahlen. „Es sterben Kinder, Familien und viel zu junge Männer“, sagt Volk.
Die Fahrer Volovenko und Melnik brechen am nächsten Morgen um sieben Uhr in Richtung Kiew auf. Volovenko freut sich auf die Rouladen, die seine Frau jedes Mal macht, wenn er nach einer Fahrt durch das Kriegsgebiet nach Hause kommt. Ob die beiden auch fahren würden, wenn es noch gefährlicher in ihrem Heimatland wird? Volovenko und Melnik zögern keine Sekunde und nicken: „Wir fahren immer.”