Madrid Gender-Krieg in Spanien: Parlament will sexistische Wortwahl bekämpfen
Die Diskussion um eine geschlechtergerechte Sprache gehört in vielen europäischen Ländern schon zum politischen Alltag. So nun auch in Spanien: Derzeit versuchen insbesondere die rechtsnationalen Kräfte des Landes, eine geschlechtsneutrale Sprache zu verbieten.
Spanien wurde unter dem schon seit fast sechs Jahren amtierenden sozialdemokratischen Premier Pedro Sánchez zum europäischen Vorreiter in Sachen Gleichstellungspolitik. Da scheint es nur konsequent, dass im öffentlichen Leben zunehmend auf eine inklusive, nicht diskriminierende Sprache geachtet wird. Doch der geschlechtergerechte Wortgebrauch, das Gendern, gefällt auch im progressiven Spanien nicht allen.
Vor allem die Rechtsaußenpartei Vox, die in etlichen spanischen Regionen und Rathäusern zusammen mit der konservativen Volkspartei regiert, hat dem Gendern den Krieg erklärt. Im nationalen Parlament ist die Partei, in der auch Neonazis und Nostalgiker der Franco-Rechtsdiktatur zu Hause sind, drittstärkste Fraktion.
Die Ultrarechten wollen die geschlechtergerechte Sprache nun verbieten lassen. Warum? Weil das Gendern aus ideologischen Gründen eingeführt worden sei und nicht der Sprachtradition der Spanier entspreche.
Die Haltung der in Spanien als „extrem rechts“ eingeordneten Vox-Partei überrascht nicht. Schließlich macht Vox-Chef Santiago Abascal kein Geheimnis daraus, dass er von Gleichberechtigung wenig hält. Er findet, dass Frauen sich vor allem der Küche und dem Kinderkriegen widmen sollten. Und dass Gesetze, welche die Rechte der LGBTQ-Community garantieren, abgeschafft gehören. Wo Vox mitregiert, wird die Gleichstellungspolitik zurückgefahren – wie etwa auf Mallorca geschehen.
Dass hingegen auch Spaniens angesehene „Königliche Sprachakademie“, der oberste Hüter des korrekten Wortgebrauchs, sich gegen eine gendergerechte Modernisierung der Sprache stemmt, überrascht dann doch. Gerade traten die Gelehrten der Akademie wieder einmal entrüstet auf die Bremse und erklärten per Kommuniqué: „Man erreicht keine Fortschritte in der Gleichberechtigung, indem man die Grammatik und den Wortschatz auf künstliche Weise verrenkt.“
Damit reagierte die Akademie auf konkrete „Empfehlungen für den nicht sexistischen Gebrauch der Sprache“, die das Präsidium des spanischen Parlaments erarbeitete und einstimmig verabschiedete. Darin wird den Angestellten des hohen Hauses nahegelegt, bei der Erarbeitung von parlamentarischen Dokumenten doch bitte auf eine möglichst geschlechtsneutrale Wortwahl zu achten.
Laut dieser Richtlinien soll zum Beispiel die Verwendung maskuliner Substantive zur Bezeichnung geschlechtsgemischter Gruppen vermieden werden. Beispiel: Statt von Bürgern sollte man lieber von „Bürgerschaft“ oder von „Bürgerinnen und Bürgern“ reden. Oder wenn es generell um Ärzte gehe, dann sei der Ausdruck „medizinisches Personal“ oder „Ärztinnen und Ärzte“ vorzuziehen. Eigentlich ganz harmlose und praktikable Ratschläge für eine inklusive Sprache, die heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen Spaniens wie Europas zum guten Ton gehört.
Doch Spaniens eisernen Sprachwächtern geht auch dies schon zu weit. „Die Verwendung maskuliner Substantive beinhaltet keinerlei sexistische Diskriminierung“, sagen sie. Die sich ausbreitenden geschlechtsneutralen Hilfskonstruktionen seien lediglich ein sprachliches Hindernis, das die Erstellung und Lektüre von Texten unnötig erschwere. Deswegen sollte in der Weltsprache Spanisch am besten alles so bleiben, wie es ist.
Diesem Urteil bleibt anzufügen, dass die altehrwürdige „Königliche Akademie“ eine Institution der Männer ist. Nur langsam erhalten Frauen zu dem Gremium Zutritt. Eine von ihnen ist die 68 Jahre alte Schriftstellerin Clara Sánchez, die 2023 in die Akademie aufgenommen wurde. Sie fühle sich geehrt, dass sie in diese „Institution der Herren“ eintreten durfte.
Sánchez sandte aber auch ein Zeichen der Hoffnung, dass sich die männliche Akademiemehrheit doch irgendwann einer geschlechtsgerechten Sprache öffnen werde. „Inklusive Sprache ist etwas, das angegangen werden muss, weil es ein soziales Anliegen ist und zu den Dingen gehört, die uns die Zeit bringt“, sagte sie. „Die Sprache darf nicht verknöchern.“