Kolumne „Artikel 1, GG“  Die Lampe und das moralische Dilemma

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 21.02.2024 06:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Beim Einkaufen im Internet ist unsere Kolumnistin einem Betrug aufgesessen. Vom Händler erhielt sie nach einigen Beschwerden eine ungewöhnliche Aufforderung.

Ich habe meiner Schwester zum Geburtstag eine kleine Tischlampe geschenkt – im Internet bestellt und zu ihr liefern lassen. Pina, so heißt das Modell, gefiel ihr so gut, dass sie mir zusteckte, meinem Schwager auch eine Pina zu schenken. Auf dem langen Esstisch würden sich zwei Lampen besser machen. Ich bestellte eine zweite Pina – wieder im Internet, wieder mit direkter Lieferung.

Was mich wunderte: Anders als bei dem ersten Geschenk bekam ich kein Foto. Den Grund erfuhr ich nach mehrmaligem Nachfragen von meinem Schwager: Meine Schwester hatte ihn darum gebeten, mir nicht zu sagen, dass es sich bei der Lampe um ein billiges Imitat handle. Sie hielt sich an die türkischen Konventionen und war – anders als mein deutscher Schwager – der Ansicht: Geschenke dürfen nicht beanstandet werden.

Ich hatte die zweite Lampe nicht über die gleiche Internetseite bestellt und war einem Betrug aufgesessen. Die als italienische Designlampe vermarktete Lampe war ein schlechtes Imitat aus China.

Zum Glück hatte ich über Paypal bezahlt und erhielt das Geld erstattet – nach ausführlicher Fallbeschreibung und der Info, ich würde die Lampe gegen Postgebühren zurückschicken. Ein paar Tage später bekam ich eine E-Mail von einer Anna. In gebrochenem Englisch bot sie mir einen Deal an – sie gebe mir einen Rabatt von 20 Prozent, ich könne die Lampe behalten, wenn ich ihr 60 Euro überweise. Ich wolle keine sehr schlecht nachgemachte Lampe, würde sie ihr zurückschicken, wenn sie mir die Portogebühren überweise, antwortete ich ihr. Es folgten weitere E-Mails – zuletzt schrieb sie, ich könne ihr doch wenigsten 15 Euro überweisen, so viel sei die Lampe wohl wert. Wenn ich den Betrag nicht zahle, dann soll ich die Lampe zerstören und ihr ein Foto des kaputtgemachten Objekts schicken. Auf die E-Mail habe ich nicht geantwortet. Ich weiß noch nicht, wie ich das moralische Dilemma lösen soll, in das mich Annas Aufforderung bringt.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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