Gewalttat in Norden Wenn Kinder ihre Eltern töten
Mehrere Gewaltverbrechen von Söhnen gegen ihre Mütter erschüttern in letzter Zeit die Region. Woran erkennt man, dass die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ungesund ist?
Norden - Die mutmaßliche Ermordung einer Mutter in Norden durch ihren Sohn bewegt die Menschen. Und es ist nicht das erste Mal, dass ein Tötungsdelikt dieser Art die Region erschüttert.
Die Tat erinnert an das versuchte Tötungsdelikt in Friesoythe am 12. Februar 2024, als ein 25-Jähriger seine Mutter mit einem Messer schwer verletzte. Oder an den Tod einer 87-jährigen Frau in Weener im November 2023, gegen deren Sohn inzwischen Mordanklage erhoben wurde. Und nun die Tat in Norden. Über das Tatmotiv ist bislang nichts bekannt. Dennoch stellt sich aufgrund der Häufigkeit der Fälle die Frage: Was macht eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung grundsätzlich aus? Die Redaktion sprach mit Diplom-Sozialarbeiterin Sonja Saathoff aus der Krummhörn.
Zu hohe Erwartungshaltungen
Eine Gefahr für die Beziehung sind Erwartungshaltungen, sagt Saathoff. So können zu hohe Erwartungshaltungen der Eltern gegenüber ihren Kindern über einen längeren Zeitraum das Verhältnis stören. „Jedes Kind hat eine eigene Persönlichkeit,“ erklärt Saathoff. „Man kann die eigenen Erwartungen nicht einfach so auf das Kind übertragen und es so zurecht schleifen, wie man möchte.“
Geringschätzige Kommunikation
Auch bei spezifischen Beziehungen, wie die von Mutter und Sohn in den vorangegangenen Tötungsdelikten, können solche überzogenen Erwartungshaltungen eine Rolle spielen. Zum Beispiel, wenn eine Mutter ihre eigene Erfahrung in den Mittelpunkt stellt, und mit der Erziehung des Sohnes die schlechten Erlebnisse mit Vater oder Mann kompensiert. Und wenn der Sohn diese Erwartungen nicht erfüllen kann, also kein besserer Mann als der Partner oder Vater der Mutter wird, kann die Beziehung zwischen Mutter und Sohn bröckeln.
Denn dann beginne eine Negativspirale. „Es wird gefährlich, wenn die Kommunikation miteinander zu geringschätzig wird. Wenn dann Sätze fallen, wie ‚Wenn du so weiter machst, wird aus dir nie was‘“, sagt Saathoff. Diese ablehnende Haltung kann zu aufgestauten Aggressionen beim Kind führen.
Sich gesehen und geliebt fühlen
„Es geht immer um Aggressionen. Und Kinder denken sich, wenn sie diese nach außen tragen, dann gehe es ihnen besser,“ bestätigt Saathoff. Natürlich äußern sich nicht alle Aggressionen durch brutale Gewalttaten. Allgemein gilt: Um eine gesunde Eltern-Kind-Erziehung zu wahren, ist es von Belang, sich gegenseitig wahrzunehmen.
Die Diplom-Sozialarbeiterin sieht in diesem „Gesehen werden“ ein wichtiges Merkmal einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung. Das zeigt sich auch bei ihrer Tätigkeit als Familienberaterin und -therapeutin. „Ich frage die Person: ‚Fühlst du dich in dieser Beziehung gesehen und geliebt?‘ Und wenn die Antwort ja lautet, dann ist das ein gutes Fundament für eine gesunde Beziehung.“
Die Beziehung zwischen Eltern und Kind sei ungesund, wenn sich ein Mensch übersehen fühlen, sagt Saathoff. Nur wenn sich ein Kind gesehen und bestenfalls geliebt fühle, könne auf dieser Erkenntnis ein gutes Verhältnis mit den Eltern aufgebaut werden.