Krippenplatzmangel trifft Familien Baby Arne und die fehlenden Erzieher
Der elf Monate alte Arne aus Nortmoor kann nicht in die Krippe. Platz gibt es genug, nur die Betreuer fehlen. Eine innovative Ausbildungsoffensive im Kreis Leer soll helfen.
Landkreis Leer - Arne kuschelt sich an seine Mama. Der 11 Monate alte Junge genießt für einen Moment die Nähe seiner Mutter. Die streichelt ihn und lächelt. Bald sollte der Junge in die Kinderkrippe, nach einem Jahr Auszeit möchte seine Mama, Julia Peters aus Nortmoor, wieder anfangen zu arbeiten und ihr berufsbegleitendes Studium wieder aufnehmen. Doch Julia Peters hat ein Problem: Für Arne gibt es keinen Platz in der Krippe. „Als ich die Mitteilung der Gemeinde gesehen habe, war das schon eine Enttäuschung“, sagt sie.
Sie steht vor einem großen Problem: Der Arbeitgeber wartet auf ihre Rückkehr, auch das Studium soll weitergehen. „Ich habe dann angefangen, alle Tagesmütter abzutelefonieren“, sagt sie. Nur ein Platz im Umkreis war noch frei: „Den habe ich natürlich sofort genommen“, sagt sie. Rücksicht auf andere Kriterien konnte sie nicht nehmen. Ob es die beste Lösung für ihren Sohn ist oder ob es logistisch für sie gut zu erreichen ist, war zweitrangig. Schwieriger noch, der Morgen wird noch komplizierter, auch für Arnes große Schwester Frieda. Sie ist dreieinhalb Jahre alt und geht in den Kindergarten Nortmoor. „Sie muss künftig eine Stunde früher aufstehen, damit ich Arne und sie morgens wegbringen kann, bevor ich zur Arbeit fahre“, sagt Peters. Für die Kleine eine Umstellung.
Acht Kinder auf der Warteliste
Dabei könnte es eigentlich so einfach sein: In Nortmoor gibt es neben dem Kindergarten und der Grundschule im selben Haus auch eine von der Gemeinde betriebene Kinderkrippe. Die kann bis zum Start des neuen Kita-Jahres im Sommer aber keine Kinder aufnehmen. „Acht Kinder haben wir derzeit auf der Warteliste“, sagt Ralf Möhlmann, Allgemeiner Vertreter des Samtgemeindebürgermeisters und für den Bereich Kindertagesstätten zuständig. Platz gebe es in der Kita Nortmoor genug. „Wir haben einen freien Gruppenraum, in dem wir Kindergartenkinder betreuen könnten“, sagt Möhlmann. Krippenkinder, die schon alt genug sind, könnten in den Kindergarten wechseln und so gebe es wieder freie Plätze in der Krippe.
Genug Raum, genügend Kinder – wo ist also das Problem? „Wir haben keine Fachkräfte und können deswegen keine weitere Gruppe einrichten“, sagt Möhlmann. 16 Mitarbeitende gibt es derzeit in Nortmoor, die Stammbelegschaft ist groß. Trotzdem gibt es immer wieder Ausfälle: „Wenn Kolleginnen zum Beispiel schwanger werden, müssen sie sofort mit der Arbeit aufhören“, erklärt Natalie Broers, Leiterin der Einrichtung in Nortmoor. Früher habe man dann schnell Vertretungskräfte gefunden, doch der Arbeitsmarkt sei leer. „Die können sich die Stellen aussuchen“, sagt sie. Bedarf gebe es in jeder Kommune.
Neues Ausbildungskonzept
Der Fachkräftemangel ist groß und „in Nortmoor wird er besonders sichtbar“, sagt Möhlmann. Daher hätten sich die Kommunen nun zusammengetan, um Lösungen zu finden. „Nun werden erstmals landkreisübergreifend sozialpädagogische Assistenzkräfte ausgebildet“, sagt Möhlmann.
Diese Ausbildung ist besonders. Denn die 28 Auszubildenden werden für ihre Arbeit in den eineinhalb Jahren tariflich bezahlt. Das Modell sieht so aus: Eineinhalb Jahre lang arbeiten die angehenden sozialpädagogischen Assistenten Teilzeit in einem Kindergarten. 15 Wochenstunden sind dafür angelegt. An zwei weiteren Wochentagen sind sie in der Berufsbildenden Schule 1 in Leer und lernen dort den fachtheoretischen Teil. Los geht es am 1. August 2024, das Land unterstützt die Ausbildung finanziell. Einziger Haken: Die Bewerber müssen bereits Berufserfahrung mitbringen. „Es ist ein Programm, das sich an Quereinsteiger richtet“, sagt Frederik Engel, der beim Landkreis Leer für den Bereich Kindertagesstätten zuständig ist. Die schulische und unbezahlte Ausbildung von sozialpädagogischen Assistenten und Erziehern schrecke viele Interessierte ab. Das neue Konzept solle zumindest dieses Problem lösen.
Elf Standorte
28 Plätze an elf Standorten sind derzeit auf der Homepage des Landkreises ausgeschrieben. Darunter Stellen in allen Rheiderland-Kommunen, Jümme, Hesel, Uplengen, Moormerland, Rhauderfehn und Ostrhauderfehn. Auch zwei freie Träger beteiligen sich: der evangelisch-lutherische Kindertagesstättenverband Emden-Leer-Rhauderfehn und der Kindergarten Bingum. Interessierte bewerben sich direkt bei den gewünschten Trägern. Die Bewerbungsfrist endet Ende Februar.
Für Arne und seine Mutter Julia Peters kommt die Lösung zu spät. Dennoch findet die Nortmoorerin die Idee ganz gut. „Mein Problem haben ja viele Eltern mit kleinen Kindern“, sagt sie. Für die sei das eine neue Möglichkeit.