Osnabrück Was sagt man bei Beerdigungen über schlechte Menschen? Fragen an Osnabrücker Diakon
Wie spricht man über Verstorbene, die anderen Gewalt angetan haben? Wovor fürchten sich Hinterbliebene? Diakon Carsten Lehmann ist Experte in Sachen Beerdigungen. Im Gespräch erzählt er von Trauergesprächen und davon, wo auch für ihn eine Grenze erreicht ist.
Bei einer Beerdigung, so könnte man argumentieren, gibt es einen Menschen, der den Verstorbenen häufig am wenigsten kannte, aber das Wichtigste über ihn sagen wird: den Trauerredner. Das können freie Redner sein oder kirchliche Begleiter wie Diakon Carsten Lehmann aus dem Bistum Osnabrück. Er führt regelmäßig durch Beerdigungen – mittlerweile seit rund 15 Jahren. Nach mehreren Hundert Trauerfeiern weiß er, wie er mit Angehörigen umgehen muss, wie er Verstorbene würdigt, die anderen Gewalt angetan haben, und wo selbst er an seine Grenzen kommt.
Worauf kommt es im Umgang mit Angehörigen an? Carsten Lehmann betont: „Es ist wichtig, Menschen in Trauersituationen ernst zu nehmen, denn da sind sie häufig hochsensibel.“ Für ihn gehört das zu seiner Arbeit: „Ich bin als Diakon angetreten, um Menschen zu begleiten, die in Not sind, die arm oder einsam sind oder trauern“, erklärt Lehmann. Ihn fasziniert: „Bei dem ganzen Mist, den Kirche angerichtet hat, lassen uns Menschen immer noch in ihre Häuser und Teil ihres Lebens sein, wenn sie ganz verletzlich sind.“
Viele Menschen nehme er im Trauergespräch sehr hilflos wahr, beschreibt der 52-Jährige. Eine Frage mit Blick auf die Beerdigung: „Darf ich weinen?“ Manche, so Lehmann, hätten Angst, ihre Gefühle nicht mehr in den Griff zu bekommen. Andere könnten sich nicht vorstellen, wie sie mit dem Verlust eines geliebten Angehörigen umgehen sollen, oder auch mit der Beerdigung selbst. Nach einer Trauerfeier, erzählt der Diakon, höre er jedoch oft den Satz „Das war schön“. Mit der Beerdigung werde einer persönlichen Katastrophe häufig noch etwas Gutes mitgegeben, glaubt Lehmann. Ihm ist es wichtig, jedes Mal eine Hoffnungsperspektive zu beschreiben. Eines seiner Lieblingsbilder dazu findet sich in der Bibel bei Jesaja, der das Jenseits als ein Festmahl beschreibt, eine „Gemeinschaft, in der es schön sein wird“.
Und wie spricht man über einen Verstorbenen, den man möglicherweise nicht einmal vorher gekannt hat? Im Trauergespräch versucht Lehmann herauszubekommen, was den Verstorbenen ausgemacht hat. „Man muss den Menschen wiedererkennen“, sagt der Diakon. Manchmal komme da sehr viel, es gebe aber auch Kinder, die fast nichts über ihre Eltern wüssten. Und manchmal spielten Streit und Gewalt eine Rolle. „Es ist wichtig, einen Menschen zu würdigen – in seinen Stärken und seinen Schwächen“, formuliert Lehmann diplomatisch, „Eine reine Lobhudelei wäre schrecklich.“ Gravierende Erlebnisse nicht zu würdigen, sei keine Option. Es wisse ja jeder, der bei der Beerdigung dabei ist, worum es gehe. „Es ist wichtig, ehrlich zu sein“, sagt Lehmann.
Auch solche Erlebnisse schafft er, in Worte zu kleiden, die bei der Beerdigung nicht zu sehr polarisieren. Etwa: „Es war auch nicht immer nur leicht mit Mama” oder „Sie haben mir von vielen schweren Stunden erzählt, in denen es mit ihrem Vater schwer auszuhalten war.” Oder: „Sie haben ihre Mutter aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Manchmal ist es nicht so leicht, da eins zu werden.”
Und manchmal kommt selbst der erfahrene Beerdigungs-Experte an Grenzen. Einmal, so erzählt Lehmann, habe er jemanden aus einer Familie beerdigt, in der massive Gewalt eine Rolle gespielt habe. „Es gab keine Chance, das nicht zu formulieren”, sagt Lehmann. Aber wie drückt man so etwas aus? Der Diakon erinnert sich, er habe beschrieben, dass sich die Angehörigen jemanden gewünscht hätten, der liebevoller gewesen wäre, habe die Frage nach dem Warum gestellt und stehen lassen. „Ich kann das nicht einfach in eine fromme Soße gießen”, sagt Lehmann. „Wir spielen ja kein Theater.”
Auch für ihn gibt es Grenzen, die er nicht überschreiten, Menschen, die er nicht selbst beerdigen würde. Seine Eltern gehören dazu. „Bei meinem Onkel ging es, bei meiner Patentante wurde es schon schwerer, auch bei meiner Schwiegermutter”, erzählt Lehmann.
Geändert habe sich beim Thema Beerdigungen übrigens nicht sonderlich viel, beobachtet der Diakon. Pro Jahr sterbe kontinuierlich rund ein Prozent der Kirchenmitglieder im Bistum. Lehmann sagt, er übernehme derzeit rund 30 bis 40 Beerdigungen pro Jahr. Einen Wandel beobachtet Lehmann bei der Bestattungsform – der Sarg sei in vielen Fällen der Urne gewichen. „Das ist viel abstrakter”, sagt Lehmann.
Er selbst möchte im Sarg begraben werden. Mit einer Feier in der Osnabrücker St.-Barbara-Kirche. „Ganz wenig Blumenschmuck”, stellt sich Lehmann vor. „Es muss nicht mal etwas Blühendes sein. Vielleicht ein Zweig mit einer Knospe oder ein wenig Grün.” Die Osterkerze gehört für ihn dazu. Und Musik. „Gesang fände ich stark.“ Die abschließende Liederwahl überlässt er seiner Familie. Lehmann ist verheiratet und hat vier Töchter. Es sei wichtig und entlaste, betont der Diakon, wenn die Familie in etwa wisse, was sich jemand vorgestellt hat.
Und ganz wichtig für seine eigene Beerdigung: Hinterher muss es Schnittchen und Butterkuchen geben.