Schleswig-Holstein  Harte Schale, weicher Kern: Warum SUV-Fahrer gerade zu Unrecht verteufelt werden

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 06.02.2024 17:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nach der Entscheidung in Paris ist eine Erhöhung der Parkgebühren für SUVs auch in Deutschland Thema. Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber
Nach der Entscheidung in Paris ist eine Erhöhung der Parkgebühren für SUVs auch in Deutschland Thema. Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber
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„Eine Welt”: Es gibt gute Gründe dafür, ein großes Auto zu fahren. Wenn man selbst ein eher kleiner Mensch ist, zum Beispiel. Oder wenn Unmengen an Kindern neben Sporttaschen und Musikinstrumenten transportiert werden wollen. Wer aber eine bestimmte Art von großformatigem Pkw fährt, darf sich auch im Jahr 2024 mit jeder Menge Vorurteilen konfrontiert sehen – und in mancher europäischen Hauptstadt nun sogar mit extra hohen Parkgebühren.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit - und hadert dabei ständig mit sich selbst.

Die Welt schaut auf Paris. Nein, es geht nicht um die hervorragende Küche, die die französische Hauptstadt zu bieten hat, nicht um den Eiffelturm oder eine in Flammen stehende berühmte Kirche. Europa diskutiert über eine Nachricht, die lokaler eigentlich nicht sein könnte: Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo will samt ihrer Koalition mit den Grünen von der EELV, ab dem 1. September dreimal höhere Parkgebühren einzuführen – auf öffentlichen Stellflächen und für schwere Stadtgeländewagen.

Freunde platter Klischees zeigen sich erfreut. Endlich bekommen die bösen SUV-Fahrer, die die Gehwege vor den Schulen versperren, ihr Fett weg. Andere Zeitungen titeln „Touris parken teurer”. Von unnötigen „vierhochbeinigen Amphibienfahrzeugen” ist teilweise die Rede. Kaum einer hat noch die Übersicht, was nun eigentlich ein großer Stadtgeländewagen und vor allem wie böse sein Fahrer ist. 

Aber es passt so schön in das einfache Weltbild: am Klimawandel sind die Autofahrer schuld, und besonders die, die ein Sport Utility Vehicles, abgekürzt SUV, fahren. Das produziert Reichweite – diesmal nicht in Kilometern, sondern in Auflage gerechnet und befreit einen selbst vom schlechten Gewissen. Ganz nach dem Motto: „Ja, ich fahre zwar auch Auto, aber nur wenn es unbedingt notwendig ist, also bei Nieselregen und außerdem nur einen Kombi.” 

Dass das Pariser Beispiel aus vielerlei Gründen nicht als Vorbild für deutsche Städte taugt, wird dabei schon auf den zweiten Blick deutlich. Eine Stunde Parken kostet in der Stadt der Liebe künftig 18 Euro, sechs Stunden 225 Euro. Diese Tarife werden laut einem Bürgerentscheid in Paris ab September allerdings tatsächlich nur für Besucher der französischen Hauptstadt fällig, die mit besonders schweren Autos kommen.

Anwohner werden ebenso ausgenommen wie Handwerker und Pflegedienste. Greifen soll der Tarif für Verbrenner- und Hybridmodelle mit einem Gewicht ab 1,6 Tonnen und Elektromodelle ab zwei Tonnen Gewicht. Für private Parkhäuser gilt die Regelung nicht. Überschaubar dürfte am Ende also nicht nur die Zahl der Betroffenen sein, sondern vor allem der Effekt für die Umwelt.

Vielleicht haben sich die Pariser das auch schon gedacht und darum nur wenig Lust gehabt, sich überhaupt mit dem Thema zu befassen. Rund 1,3 Millionen Einwohner waren zu der Abstimmung unter dem Motto „Mehr oder weniger SUV in Paris?“ aufgerufen. Rund 54,5 Prozent stimmten für die Erhöhung der Parkgebühren, rund 45,5 Prozent dagegen. Allerdings beteiligten sich nur knapp sechs Prozent der Abstimmungsberechtigten überhaupt an der Wahl.

Von einer richtungsweisenden Politik kann hier also kaum die Rede sein, auch wenn die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nur zu gerne einen „Weckruf für deutsche Städte, nach Pariser Vorbild” hören möchte. DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch hat auch schon gleich eine weiterführende Lösung parat: Wer sich ein übergroßes Auto zulege, müsse dies dann halt künftig auf einem Wohnmobil- oder Lastwagenparkplatz am Stadtrand parken.

Schauen wir doch mal an den besagten Stadtrand deutscher Kommunen. Nachdem der SUV sicher geparkt ist – natürlich mit Handbremse, um nicht auf den Acker zu rutschen (Pendlerparkplätze sind nämlich nicht so zahlreich gesät, wie gerne kolportiert wird) – stellt sich die Frage: Wie geht es nun in die Stadt? Der nächste Bus kommt vielleicht in zwei Stunden und Elektro-Kleinbusse lassen sich zwar in Hamburg-City per Handy-App rufen, auf dem platten Land in Schleswig-Holstein scheitert es aber manchmal schon am Handyempfang.

Die Debatte ist aber auch schon deshalb überflüssig, weil das Feindbild nicht stimmt. Ja, große Autos verbrauchen viele Ressourcen, viel Raum und viel saubere Luft. Zu solch großen Autos gehören aber auch die hippen VW-Bullis, die in uns allen so ein nostalgisches Gefühl oder wahlweise auch die nicht langanhaltende Idee von „ich will als Surflehrer um die Welt fahren” auslösen.

Das mit der Weltreise machen wir Deutschen sowieso nicht, denn da sind ja noch die Familie und das Eigenheim und vor letzterem parkt bei einer Mehrzahl ein sauber gepflegter Kombi, der Inbegriff von konservativen Werten und Pragmatismus, aber eben auch kein sauberes Fortbewegungsmittel. Aber Schlagzeilen über höhere Parkgebühren für Kombifahrer gibt es nicht.

Und abgesehen davon gibt es tatsächlich manchmal ganz praktische Gründe für den Überblick im Straßenverkehr. Bevor man den nächsten SUV-Fahrer eines übergroßen Egos bezichtigt, sollte man eventuell fragen, ob zwei künstliche Hüftgelenke eine Sitzerhöhung notwendig machen.

Vereinfachung hilft bei diesem Thema nicht. Schließlich haben wir schon bei der Debatte rund um die Bauernproteste gesehen, dass nicht alleine der Fortbestand des Agrardiesels darüber entscheidet, ob wir die Klimakrise in den Griff bekommen.

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