Hamburg  Baut Hamburg eine zweite Köhlbrandbrücke?

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 05.02.2024 20:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Köhlbrandbrücke überspannt einen Arm der Süderelbe und ist die wichtigste Straßenverbindung im Hafen. Foto: Christian Charisius/dpa
Die Köhlbrandbrücke überspannt einen Arm der Süderelbe und ist die wichtigste Straßenverbindung im Hafen. Foto: Christian Charisius/dpa
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Sie ist den Hamburgern ans Herz gewachsen. Die Brücke über den Köhlbrand ist eine Hafen-Ikone, wer einmal drübergefahren ist, wird den Blick kaum vergessen. Eigentlich ist der Abriss beschlosssene Sache. Hat die alternde Schönheit dennoch eine Zukunft?

Das Schicksal der Hamburger Köhlbrandbrücke ist lange besiegelt. Eigentlich. Seit rund 15 Jahren kündigt die Stadt den Abriss der in die Jahre gekommenen Querung über die Süderelbe an. Die Brücke sei abgängig und müsse bis spätestens 2036 ersetzt werden, so die Planung. Ob an ihre Stelle eine neue, deutlich höhere Brücke tritt oder ein Tunnel, lässt der Senat gerade prüfen. 

Doch je länger sich der Abrisstermin verschiebt, desto vernehmlicher melden sich jene zu Wort, die das Wahrzeichen von Stadt und Hafen unbedingt erhalten wollen. Und wer weiß: Vielleicht entscheiden am Ende Hamburgs Bürger mit, ob die markante und denkmalgeschützte Schrägseilbrücke von 1974 doch stehen bleibt.

Per aktueller Online-Petition will der Hamburger Denkmalverein jedenfalls Volkes Stimme Gehör verschaffen, um das ikonische Bauwerk zu retten. „Alle Hamburgerinnen und Hamburger können jetzt mit ihrer digitalen Unterschrift zeigen, dass ihnen dieses wichtige Wahrzeichen am Herzen liegt, und den Senat damit zum Handeln bewegen“, teilte der Denkmalverein am Montag mit. Unterstützung kommt von namhaften Einrichtungen in der Hansestadt, darunter Patriotische Gesellschaft, Bund Deutscher Architekten, Denkmalrat, Hamburgische Architektenkammer und Hamburger Stiftung Baukultur. 

Die filigrane Brücke sei ein „wichtiges und einzigartiges Ingenieurbauwerk der 1970er Jahre mit hoher architektonischer Qualität“, argumentiert der Verein und greift zu einem großen Vergleich. In ihrer Bedeutung als Wahrzeichen könne die Köhlbrandbrücke durchaus mit Hamburgs Hauptkirchen auf eine Stufe gestellt werden, aber: „Es käme niemand auf die Idee, den Michel abzureißen“.

Der Abriss sei technisch unnötig. Gutachten belegten, dass sich die Konstruktion sehr wohl sanieren und weiter nutzen lasse. Jedenfalls dann, wenn künftig kein Schwerlastverkehr mehr darüber rolle. Täglich donnern im Durchschnitt allerdings 33.000 Fahrzeuge über die zentrale Achse des Hafens zwischen A7 und A1. Jedes dritte davon ist ein Lkw, was der Stahl-Beton-Konstruktion heftig zugesetzt hat. Bis heute halten die Verantwortlichen in der Hafenverwaltung HPA das Bauwerk deshalb für so marode, dass eine ständige Instandhaltung auf Dauer deutlich teurer würde als ein Neubau.

Allerdings explodierten die geschätzten Kosten für die favorisierte Tunnellösung als Ersatz schon im Vorfeld – auf zuletzt mehr als fünf Milliarden Euro. Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) ließ die Planungen stoppen und öffnete das Prüfverfahren erneut auch für eine Brückenvariante. Allerdings, so versichert Leonhard bisher unverändert, führe am Abriss des Bestandsbaus weiterhin kein Weg vorbei.

Ihre Hauptbegründung, neben dem fortgeschrittenen Verschleiß: Die vor 50 Jahren eingeweihte Köhlbrandbrücke sei mit einer lichten Durchfahrthöhe von rund 53 Metern für die Mega-Frachter der neuesten Generation zu niedrig. Tatsächlich ist der modernste Containerterminal der Hansestadt in Altenwerder – der vom Hauptstrom aus gesehen hinter der Brücke liegt – für die größten Schiffe der Welt derzeit nicht erreichbar. 

Gegen dieses maritime Argument kamen die Abrissgegner bisher kaum an. Um so überraschender kommt ein Vorschlag, den nun ausgerechnet der langjährige Präsident des einflussreichen Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH), Gunther Bonz, gemacht hat: „Die Beibehaltung und Sanierung der jetzigen Köhlbrandbrücke, um darüber künftig den Pkw-Verkehr abzuwickeln und daneben der Bau einer Brücke für den Schwerlastverkehr.“

Bonz, inzwischen Chef des europäischen Hafenverbandes, ist überzeugt: Für den Terminal Altenwerder brauche es keine höhere Querung mehr, nachdem die Reedereien Hapag-Lloyd und Maersk in ihrem neuen Bündnis Gemini künftig vermehrt kleinere Containerschiffe die Elbe hinauf schicken wollen. 

Eine zweite Köhlbrandbrücke also, direkt südlich neben der alten? Was verblüffend klingen mag, findet Anhänger. Da allein eine Beseitigung des alten Bauwerks 450 Millionen Euro kosten würde, hält auch Hamburgs Steuerzahlerbund die Idee einer Doppel-Brücke für bedenkenswert. Stelle sich heraus, findet die Landesvorsitzende Petra Ackmann, dass eine neue, 70 Meter hohe Brücke nur für wenige Schiffe erforderlich sei, müsse die Stadt eine Alternative suchen. Das könne eine neue Lkw-Brücke neben der alten sein.

Auch Kristina Sassenscheidt stimmt Bonz zu. Die Geschäftsführerin des Denkmalvereins sagt: „Das wäre ökonomisch, ökologisch und baukulturell die sinnvollste Lösung.“ In der kommenden Woche wird sich nun auch die Bürgerschaft mit dem Vorschlag auseinandersetzen müssen. Die Linksfraktion – seit jeher auf der Seite der Brückenretter – will den Senat per Antrag auffordern, den Bau einer zweiten Brücke als zusätzliche Möglichkeit in die Prüfung für die Köhlbrandquerung einzubeziehen: „Eine solche Variante wäre nicht nur um Milliarden Euro günstiger, sondern würde auch die Silhouette der Stadt erhalten.“

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