Pilotstudie bei Praxenverbund Rhauderfehnerin Gesa Meyer-Brüna testet die Vier-Tage-Woche
Bundesweit nehmen 50 Unternehmen an einem Projekt teil, bei dem die Auswirkungen der Vier-Tage-Woche erforscht werden. Darum macht die Rhauderfehner Unternehmerin Gesa Meyer-Brüna dort auch mit.
Rhauderfehn - Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Praxen für Ergotherapie und Logopädie von Gesa Meyer-Brüna aus Rhauderfehn wurden vor wenigen Tagen drei Zentimeter lange Haarbüschel abgeschnitten. Zusätzlich erhielten sie Fitnesstracker. Hintergrund ist die Teilnahme des Praxenverbundes an einer bundesweiten Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche in Deutschland. Von Februar bis August 2024 wird die Erprobung des Vier-Tage-Arbeitsmodells stattfinden. Die Universität Münster begleitet die teilnehmenden Unternehmen. Rund 50 Firmen aus zahlreichen Branchen machen mit. Gesa Meyer-Brüna ist eine der wenigen Vertreterinnen aus der Gesundheitsbranche. Von der Studie erhofft sie sich für ihr Unternehmen durchweg Positives.
„Seit einigen Jahren haben wir die Hauptproblematik Fachkräftemangel. Wir haben volle Wartelisten, sodass wir Patienten wegschicken müssen. Das bricht uns das Herz“, schildert Gesa Meyer-Brüna die aktuelle Situation. Zusätzlich beschäftige der Praxenverbund, der mit acht Praxen im Landkreis Leer vertreten ist, viele junge Frauen. Problematisch seien hierbei die Schwangerschaften und Ausfallzeiten durch Mutterschutz. Das mache zehn Prozent der Belegschaft im Jahr aus. Das sei schwierig. Gleichzeitig habe man als Arbeitgeberin den Anspruch, für eine gute Work-Life-Balance zu sorgen und dabei Patientinnen und Patienten im Blick zu behalten.
„Wie halten wir unsere Leute“?
„Uns beschäftigen die Fragen: Wie bekommen wir Personal? Was muss politisch getan werden? Wie halten wir unsere Leute?“, so Meyer-Brüna. Für die Angestellten achte man auf Gesundheitsförderung und führe regelmäßig Teambuilding-Maßnahmen durch. Darüber hinaus zeige sich das Unternehmen flexibel bei der Gestaltung von Arbeitszeiten, sodass auch Müttern ermöglicht werde, zu arbeiten. „Wir waren immer innovativ und haben viele Ideen“, beschreibt sie den vorherrschenden Unternehmensgeist.
Als sie den Ankündigungsbericht der Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche kürzlich in einer Ausgabe dieser Zeitung las, sei sie begeistert gewesen. „,Wir machen das‘, haben wir gesagt. Eine ähnliche Studie gab es in Großbritannien und hatte super Erfolg. Die Uni Münster betreut das Projekt professionell. Wir wollten nicht nur über das Projekt mutmaßen, sondern auch ausprobieren, statistisch auswerten und am Ende sehen, ob es gut war oder schlecht. Für mich wäre es der Super-Gau, wenn alle sagen, alle machen es, nur wir nicht“, erläutert sie die Gründe der Teilnahme.
Abbruch der Studienteilnahme möglich
Die Idee wurde mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besprochen. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass die Angestellten für gewöhnlich mindestens eine 35-Stunden-Woche an fünf Tagen haben. Vor allem erfahrene und leistungsstarke Mitarbeiterinnen seien sehr interessiert. Insgesamt zehn Angestellte vom Praxenverbund werden an der Pilotstudie teilnehmen. Dabei gelte es, an den verbliebenen vier Arbeitstagen die Aufgaben zu verdichten, zum Beispiel sich Organisationsarbeiten ansehen und effektiver gestalten. Einfach länger zu arbeiten, sei nicht gewünscht. Bei zu viel Stress oder massiven Umsatzeinbußen werde die Studienteilnahme abgebrochen. „Wir hoffen, dass es so super läuft, dass wir gerade unseren Müttern das anbieten können. Da ist auch die Nachfrage groß“, so Meyer-Brüna. Für langjährige Angestellte biete eine Vier-Tage-Woche auch eine andere Perspektive. Man habe mehr Zeit für Sport und Familie.
Ein Riesenplus, das der Praxenverbund bei der Erprobung des Vier-Tage-Arbeitsmodells habe, seien die neuen Leistungsmöglichkeiten. Die Behandlung zweier Patienten könne in einer Behandlungsstunde stattfinden. Das spare Zeit ein und bringe Synergieeffekte. „Wir merken positive Auswirkungen. Der eine zieht den anderen mit. Da waren wir am Staunen. Manchmal entstehen auch Freundschaften“, berichtet die Unternehmerin. Während der Pilotstudie werde dennoch 100 Prozent des Gehalts am Ende gezahlt, versichert die Arbeitgeberin.
Fitnesstracker werden eingesetzt
Nach Anmeldung beim Pilotprojekt wurden den Teilnehmern durch promovierende Studenten der Uni Münster Haarproben zum Messen des Stress-Hormons Cortisol für den Vorher-Nachher-Vergleich entnommen. Je höher der Spiegel, desto mehr Stress hat man. Zusätzlich wurden Fitnesstracker zur Messung von Gesundheits- und Fitnessdaten ausgeteilt. Eigene Beweggründe der Teilnahme und die damit verbundenen Hoffnungen und Bedenken wurden abgefragt. Die Teilnehmer erstellten Pläne, wie sie ihre Arbeit auf vier Tage aufteilen werden. Im Vorfeld wurden Tabellen zu Umsatz, Krankheitstage und 2er Behandlungen über die Monate Februar bis Juni letzten Jahres als Vergleichswerte für die Studie erstellt.
Inga Brummer, Qualitätsbeauftragte des Praxenverbunds, absolvierte vorab Schulungen an der Universität Münster. Über eine Online-Plattform können sich alle teilnehmenden Unternehmen austauschen. Professorin Julia Backmann von der Universität Münster betreut das Projekt. „Es werden Zwischenergebnisse und das Endergebnis veröffentlicht, damit eine Tendenz sichtbar wird. Gerade junge Leute wollen die 4-Tage-Woche“, weiß Qualitätsbeauftragte Brummer. Weder sie, noch Gesa Meyer-Brüna nehmen an der Pilotstudie aktiv teil, da sie überwiegend administrativ arbeiten.