Osnabrück Wie Übergewichtige abnehmen – und was sie daran hindert
20 Prozent der deutschen Erwachsenen sind adipös. Viele leiden darunter, einige macht das Übergewicht krank. Warum fällt Abnehmen so schwer? Ernährungsmediziner erklären, woran Diäten scheitern, welche Rolle die Abnehmspritze spielen könnte und warum eine Magen-OP oft die einzige Lösung ist.
Es gibt diesen Moment in einem ersten Gespräch in der Praxis, da fließen bei vielen Patienten mit starkem Übergewicht Tränen, erzählt Markus Graf, Facharzt für Diabetologie und Ernährungsmedizin. Es ist der Moment, in dem sich die Patienten vielleicht zum ersten Mal verstanden und nicht verurteilt fühlen. „Sie können nichts dafür. Es ist eine Krankheit“, sagt der Mediziner.
Graf ist Arzt im Diabeteszentrum Osnabrück, einer Gemeinschaftspraxis, die auch Ernährungsberaterinnen beschäftigt. Deren Aufgabe ist für die Patienten von unschätzbarem Wert, wie Graf erklärt: Wenn es Patienten gelingt, ihr Gewicht zu reduzieren, kann das helfen, Folgeerkrankungen einer Adipositas in den Griff bekommen.
19 Prozent der Deutschen sind nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) adipös, also krankhaft übergewichtig.
Sehr dicke Menschen leben mit erhöhten Gesundheitsrisiken. Typische Folgeerkrankungen von Adipositas sind:
„Wir wissen heute, dass Übergewichtigkeit ein Risikofaktor für alle Tumorerkrankungen ist“, sagt zudem Prof. Dr. Kerstin Schütte, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Marienhospital Osnabrück. Im klinischen Alltag habe sie täglich mit Patienten zu tun, die unter Folgeerkrankungen ihres zu hohen Gewichts leiden.
Die Betroffenen belastet ihr massiger Körper auch psychisch. Viele Übergewichtige leiden unter Depressionen, igeln sich ein. Ihr Gefühl: Ihnen werde unterstellt, willensschwach, undiszipliniert und irgendwie selbst schuld zu sein.
„Das Gespräch über Übergewichtigkeit ist häufig schwierig und erfordert, dass wir uns auf den individuellen Patienten einlassen.“ Die meisten Patienten nehmen in diesen Gesprächen zunächst eine Abwehrhaltung ein, beobachtet die Chefärztin. Sie versuche, keine Vorwürfe zu formulieren, sondern sachlich über das Problem zu sprechen. Doch die harte Wahrheit ist unangenehm: Selbst wenn es weitere Faktoren gibt, die Übergewicht begünstigen, sei eines klar – Ernährung und Bewegung spielen zentrale Rollen.
Der Körper bekommt mehr Energie zugeführt, als er verbraucht. Diese Energie wandelt er in Fett um. Besonders schädlich sei die „western diet“, sagt Schütte. „Hochkalorische und hochverarbeitete Lebensmittel, Fast Food und Fertignahrung mit einem hohen Anteil an Fett und Kohlenhydraten.“
Wenn diese Ernährung auf einen „sitzenden Lebensstil“ trifft, ist Übergewicht die logische Folge, sagt Ernährungsmediziner Florian Bauer. Manche Lebensmittel seien darauf angelegt, ein Mehr an Hunger zu produzieren. Zudem werden die Portionen immer größer, beobachtet sein Praxiskollege Markus Graf.
Sind die vielen Kilos an Hüfte, Bauch und Beinen erstmal da, sei es unglaublich schwer, sie wieder loszuwerden. Wer seine Lebensweise nicht konsequent ändere, habe kaum Chancen, dass sich die Waage jemals auf niedrigerer Gewichtsanzeige einpendelt. Die Änderung des Lifestyles müsse alle drei Bereiche umfassen: Bewegung, Ernährung, Verhalten, betont Diabetologe Graf.
Crash-Diäten und Radikal-Kuren hingegen bewirken nichts als Frustration. Die Kilos purzeln – und sind schneller wieder drauf, als man gucken kann. „Dabei wird oft nur wenig Fett, dafür viel Wasser und Muskelmasse abgebaut. Der Jojo-Effekt führt dazu, dass man nach der Diät mindestens das zunimmt, was man vorher abgenommen hat“, sagt Bauer. Der Körper neige dazu, einmal angesetzte Energiespeicher wieder aufzufüllen.
Sie empfehle ihren Klienten, jede Stunde aufzustehen und den Kreislauf in Schwung zu bringen, sagt Sabrina Gerling, Ernährungsberaterin und Diätassistentin im Diabeteszentrum. Je nachdem, wie beweglich die Patienten sind, sollten sie 20 bis 30 Minuten am Tag spazieren gehen und die Treppe statt des Fahrstuhls nehmen. So lasse sich Bewegung in den Alltag integrieren.
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„Das allein reicht aber nicht“, betont Markus Graf. Die Patienten müssten außerdem deutlich kalorienreduziert essen. 500 bis 700 Kalorien unter dem Bedarf müsse man bleiben, um abzunehmen. Das sei mit Mahlzeitenersatzprogrammen möglich: Statt normal zu speisen, nehmen die Patienten bei einem Teil der Mahlzeiten Drinks zu sich. „Bei dieser Methode stellen sich relativ zuverlässig und zeitnah Erfolge ein“, sagt Graf. Aber: Sie sind oft nicht nachhaltig, weil die Patienten nach Beendigung des Programms in alte Ernährungsgewohnheiten zurückfallen.
In der konventionellen Ernährungsberatung empfehle sie mediterrane Kost, sagt Sabrina Gerling. Viel Gemüse, viel Salat, etwas Obst. Wenn es Kohlenhydrate gibt, dann sollten es Vollkornprodukte sein. Genügend Eiweiß sei wichtig. Das liefern Hülsenfrüchte und Fisch. „Die Grundlagen meinen viele Patienten zu kennen. Aber man ist doch überrascht, wie viele Missverständnisse es gibt“, sagt Ernährungsmediziner Bauer.
Denen kommt Sabrina Gerling oft auf die Schliche, wenn sie Ernährungstagebücher ihrer Klienten durchgeht. „Viele wissen nicht, wie viel Zucker sich in Fruchtsäften und Limonaden verbirgt“, sagt sie. Auch über Snacks und Zwischenmahlzeiten deckten viele Klienten einen viel zu großen Teil ihres Kalorienbedarfs ab.
Der Wert dieser Ernährungstagebücher sei nicht zu unterschätzen: Manche Patienten lassen ein Stück Kuchen schon deshalb auf einmal weg, weil sie wissen, dass sie es nachher notieren müssten. Einer habe gestanden, zum ersten Mal im Supermarkt nicht an der Gemüseabteilung vorbeigelaufen zu sein.
Krankenkassen übernehmen inzwischen einen Großteil der Kosten für Ernährungsberatungen. Patienten müssen dafür allerdings einen Antrag stellen. Verschrieben werden wie eine Physiotherapie kann sie noch nicht.
Wenn adipöse Menschen es schaffen, fünf Prozent ihres Gewichts zu verlieren, macht sich das laut den Ernährungsmedizinern bereits positiv bei Bluthochdruck und beim Blutzuckerstoffwechsel bemerkbar. Bei einer Reduktion um zehn Prozent bestehe eine realistische Chance, beim Diabetes in Remission zu kommen. Das bedeutet, unter Grenzwerte zu fallen, sodass die Zuckerkrankheit nicht mehr medikamentös behandelt werden muss.
Allerdings gelingt dies nur einem Bruchteil der Patienten, so Graf. Studien zeigten, dass es nur rund fünf Prozent der Patienten schaffen, ihr Körpergewicht um zehn Prozent zu reduzieren und das mindestens für ein Jahr zu halten.
Hier setzen die neuen Abnehmspritzen an. Seit Mitte Juli 2023 ist in Deutschland „Wegovy“ erhältlich, das ausdrücklich als Mittel gegen starkes Übergewicht zugelassen ist. Zuvor war der gleiche Wirkstoff (Semaglutid) zur Diabetesbehandlung im Einsatz.
Im Osnabrücker Diabeteszentrum ist Wegovy schon mehreren Patienten verschrieben worden. Die Patienten müssen es allerdings selbst zahlen, weil Kassen die Kosten nicht übernehmen – noch nicht. Rund 300 Euro fallen dafür im Monat an, sagt Markus Graf. Das Medikament zügelt den Appetit. „Unter optimalen Bedingungen“, die Bewegung und gesunde Ernährung einschließen, erreichen Patienten damit bis zu 15 Prozent Gewichtsverlust, so der Arzt.
„Ein Zaubermedikament“ sei deshalb auch Wegovy nicht, glauben die Ernährungsmediziner. Die Hinweise verdichten sich, dass es womöglich nicht nachhaltig einen Schalter umlegt. Wird es abgesetzt, kehre der Appetit zurück, erklären die Ärzte.
Die besten Erfolgsaussichten für eine langfristige Gewichtsabnahme bieten nach wie vor „bariatrische“ Operationen: Eingriffe, bei denen der Magen-Darm-Trakt chirurgisch verändert und verkleinert wird mit dem Ziel, die Nahrungsaufnahme deutlich zu reduzieren. Diesen Schritt gehen allerdings nur einige wenige Patienten, beobachten Graf und Bauer. „Nur wer einen wirklich hohen Leidensdruck verspürt, ist bereit, sich unumkehrbar operieren zu lassen“, sagt Markus Graf.
Die medizinischen Vorteile, wenn es gelingt, ein krankhaft hohes Gewicht zu reduzieren, liegen dennoch auf der Hand, betont er. Und dabei gehe es nicht um Schönheitsideale. „Den Menschen werden Lebensjahre geschenkt.“
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