Osnabrück  Aus für die Wunschkandidatin: Laurie Anderson und der BDS-Verdacht

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 01.02.2024 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Außergewöhnlich: Laurie Anderson beim Filmfestival von Venedig 2015. Foto: picture-alliance/dpa
Außergewöhnlich: Laurie Anderson beim Filmfestival von Venedig 2015. Foto: picture-alliance/dpa
Artikel teilen:

Gewissenserforschung? Zensur? Der Streit um BDS und Antisemitismus legt den Kulturbetrieb lahm. Das jüngste Beispiel: Laurie Anderson verzichtet auf Folkwang-Professur. Anderson im Porträt.

Sie war die Wunschkandidatin – und wurde zum Problemfall, zumindest für die Verantwortlichen der Folkwang-Universität der Künste in Essen. Laurie Anderson sollte an der renommierten Hochschule zum 1. April 2024 die zweite Pina Bausch Professur übernehmen. Es wäre nicht allein eine Ehre für Anderson gewesen, auch die Kunsthochschule hätte sich mit einem Namen von Weltruf schmücken können. Dazu kommt es nicht.

Anderson hatte 2021 den Aufruf „Letter Against Apartheid“ unterzeichnet, der Forderungen der israelkritischen Bewegung Boycott, Divestman and Sanction (BDS) unterstützt. Die Frage nach ihrer politischen Haltung sticht jetzt ihre unzweifelhafte künstlerische Qualifikation aus.

Hochschulleitung, Pina-Bausch-Stiftung und Anderson haben den Fall beraten. Die Lösung ist eigentlich keine: der allseitige Rückzug, der in solchen Fällen gern mit der Formel vom beiderseitigen Einvernehmen kaschiert wird.

Wie hältst du es mit Israel und BDS? Das ist die neue Gretchenfrage, die den Kulturbetrieb lahmzulegen droht. Ausgerechnet in jener gesellschaftlichen Sphäre, die für den kreativen Grenzübertritt, für den Aufbruch in produktives Neuland stehen soll, vergiften Gewissenserforschung und versteckte Vorwürfe zunehmend die Atmosphäre.

Auf die Essener Absage reagierte Anderson entsprechend. „Für mich stellt sich nicht die Frage, ob sich meine politischen Ansichten geändert haben. Die eigentliche Frage ist: Warum wird diese Frage überhaupt gestellt?“, zitiert die Hochschule die Künstlerin in einer Mitteilung.

Als Performerin ist Laurie Anderson eine Legende wie Marina Abramovic, jene Grande Dame der Perfomance, die 2023 die erste nach Tanzlegende Pina Bausch benannte Professur in Essen übernommen hatte. So hart Abramovic in der Körperkunst, so flexibel ist Anderson in ihren Bühnenshows, eine Grenzgängerin zwischen Pop und Performance.

Die inzwischen 76 Jahre alte Musikerin, die eigentlich Kunst studiert hatte und mit Rocklegende Lou Reed verheiratet war, hat 1977 und 1987 an der Documenta in Kassel teilgenommen. Mit ihrem Song „O, Superman“, einem bissigen Kommentar auf die Ära des stockkonservativen US-Präsidenten Ronald Reagan, tritt sie 1981 in den Scheinwerferkegel der großen Öffentlichkeit.

Jetzt schrumpft die Ausnahmekünstlerin allerdings zur nächsten Belegstelle einer ganzen Reihe von Absagen und Aufkündigungen in der Kulturszene. Die Sollbruchstelle: BDS und der Verdacht des Antisemitismus.

Die Lage scheint festgefahren, das Problem kaum lösbar. Vor allem nach dem Überfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und der Ermordung von rund 1200 Menschen sind jene Kulturmacher ins Zwielicht geraten, die sich für die BDS-Bewegung stark machen. Ist ihre Haltung noch legitime Kritik an der Politik Israels oder schon kaum kaschierter Antisemitismus? Die erschreckend desinteressierte Reaktion vieler Akteure des internationalen Kulturbetriebs auf die Grausamkeiten der Hamas-Terroristen hat diese Frage zugespitzt. Ist Gewalt zu tolerieren, wenn es um den Kampf gegen vermeintlichen Kolonialismus geht?

Wie schwer es ist, sich im Kulturbetrieb gegen Antisemitismus abzugrenzen, hat gerade Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) erfahren müssen. Wer vom Kultursenator finanziell gefördert werden will, soll eine Selbstverpflichtung gegen Antisemitismus unterschreiben. So war der Plan. Kurz nach Einführung haben juristische Bedenken das Projekt wieder gekippt.

Der Fall Laurie Anderson zeigt nun wieder, wie schwer es ist, Kultur gegen Antisemitismus abzugrenzen, ohne sich dem Verdacht unzulässiger Gewissenserforschung oder gar dem Vorwurf der Zensur auszusetzen. Anderson hat entschieden, die Pina-Bausch-Professur auszuschlagen.

Wäre es nicht die richtige Reaktion gewesen, die Professur anzutreten, und sie gerade der Debatte um Kultur und BDS zu widmen? Vielleicht hat sich Laurie Anderson die größte Performance ihrer Karriere damit entgehen lassen.

Ähnliche Artikel