Sorge um Kinderschutz  Personalnot trifft ostfriesische Jugendämter

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 30.01.2024 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wenn Kindern in ihren Familien Gewalt ausgesetzt sind, schreiten die Jugendämter ein. Doch vielerorts in Deutschland fehlt bei den Behörden das Personal. Symbolfoto: Riedl/DPA
Wenn Kindern in ihren Familien Gewalt ausgesetzt sind, schreiten die Jugendämter ein. Doch vielerorts in Deutschland fehlt bei den Behörden das Personal. Symbolfoto: Riedl/DPA
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Der Fachkräftemangel geht auch an Jugendämtern in Ostfriesland nicht vorbei. Für einzelne Beschäftigte bedeutet das eine höhere Belastung. Wie soll dennoch der Kinderschutz sichergestellt werden?

Ostfriesland/Berlin - Bundesweit herrscht in vielen Jugendämtern ein dramatischer Fachkräftemangel. „Wir können an manchen Stellen den Kinderschutz nicht mehr gewährleisten“, sagt Kerstin Kubisch-Piesk. Die Berlinerin ist Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). Sie vertritt die Beschäftigten der rund 560 Jugendämter in Deutschland, die sich unter anderem um den Kinderschutz, Familienberatung und die Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kümmern.

Auch bei den Behörden in Ostfriesland sorgt die Personallage mitunter für Probleme, wie eine Umfrage bei den drei Landkreisen sowie der Stadt Emden zeigt: Der Fachkräftemangel sei auch beim Amt für Kinder, Jugend und Familie in Leer angekommen, teilt die dortige Kreisverwaltung mit. Die Zahl der Bewerbungen gehe bereits seit längerer Zeit zurück, freie Stellen könnten deshalb manchmal nicht oder nur verzögert wieder besetzt werden. Zuletzt sei es zwar gelungen, einige Stellen nachzubesetzen, heißt es – bei allen sei dies bisher aber nicht gelungen.

Suche nach geeignetem Personal wird für die Verwaltungen schwieriger

Auch der Landkreis Wittmund berichtet von Schwierigkeiten bei der Suche nach Personal für das Jugendamt – aber auch bei den freien Trägern, mit denen die Behörde zusammenarbeite, würden Fachkräfte fehlen, schreibt Marco Börgmann, Leiter des Fachbereichs Jugend und Soziales beim Kreis Wittmund. „ So stehen wir derzeit vor der Herausforderung, dass die Nachfrage im Bereich der stationären und ambulanten Kinder- und Jugendhilfe das Angebot deutlich übersteigt.“

Beim Landkreis Aurich und der Stadt Emden sind nach eigenen Angaben derzeit im Jugendamt beziehungsweise im Sozialen Dienst alle Stellen besetzt. Beide Stellen berichten jedoch auch von Problemen bei der Personalsuche.

Kinderschutzbund befürchtet vermehrte Kündigungen bei Jugendämtern

„Da sehe ich eine Gefahr für die Jugendämter“, sagt Richard Heeren, Vorsitzender des Kinderschutzbunds im Kreis Leer. Wenn Stellen unbesetzt seien, bleibe die Arbeit an den Beschäftigten hängen, die da seien. „Das ist eine zusätzliche Belastung, die man nicht einfach so wegsteckt.“ Heerens Befürchtung: Die Jugendämter könnten nicht nur Probleme bei der Besetzung von freien Stellen haben, sondern zusätzlich Beschäftigte verlieren, die wegen der hohen Arbeitsbelastung kündigen würden.

Dafür, wie hoch das Arbeitspensum mitunter sein kann, nennt Börgmann vom Kreis Wittmund ein Beispiel: Wenn ein Kind aus seinem Elternhaus herausgenommen werden müsse, versuche das Jugendamt, es in einer Pflegefamilie unterzubringen. Doch das sei nicht immer möglich oder sinnvoll, so dass dann einer der raren Heimplätze gefunden werden müsse. „Ganz konkret hat dies in der jüngsten Vergangenheit dazu geführt, dass mehrere Kolleginnen und Kollegen über einen Zeitraum von 26 Stunden damit beschäftigt waren, einen jungen Menschen unterzubringen“, schreibt Börgmann. „Solche Situationen sind nicht nur körperlich, sondern auch psychisch hochbelastend für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Landkreise und Städte reagieren bereits auf den Personalmangel

In den vergangenen Jahren seien die Aufgaben und Fallzahlen beim ASD gewachsen, gleichzeitig fehle bundesweit Personal, klagt Kubisch-Piesk. Nach Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln gibt es bei den Sozialarbeitern neben den Erziehern die größte Fachkräftelücke unter allen Berufen.

Aber wie reagieren die ostfriesischen Landkreise und Städte? Grundsätzlich wollen sie alle die Arbeitsplätze attraktiver gestalten – der Kreis Wittmund etwa seit diesem Jahr mit einer Möglichkeit der Verbeamtung im ASD, die Stadt Emden etwa mit der Möglichkeit zum Home-Office. Solange es an Personal fehlt, müsse allerdings improvisiert werden. „Oberste Priorität in allen Lagen hat immer der Kinderschutz“, schreibt der Landkreis Aurich. „Gegebenenfalls müssen andere Tätigkeiten zurückgestellt werden, so dass der Schutz von Kindern gewährleistet bleibt.“

Mit Material von DPA

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