Bremen Pullis und Mützen aus Hundewolle: Wie geht das? Was kostet‘s? Wie riecht‘s?
Eine Frau aus Bremen spinnt und näht Pullover, Jacken und Mützen – aus Hundewolle. Ortsbesuch bei Claudia Zeller-Kettler und ihren Hunden Bea, Hopse und Martha.
Wenn der Paketbote bei Claudia Zeller-Kettler in Bremen klingelt, kriegen alle gute Laune. Der Bote, weil die Pakete hier immer schön leicht sind. Die Adressatin, weil sie was zum Spinnen kriegt. Und ihre Hunde Bea, Hopse und Martha – weil es jetzt wieder spannend wird. In den Paketen ist nämlich Hundehaar. Und kaum sind sie auf, stecken der Dackel und die beiden Golden Retriever ihre Nasen rein.
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Was bislang nur ausgekämmte Wolle ist, soll bald ein schöner Pullover sein, eine Strickjacke oder wenigstens eine Mütze. Nach Feierabend setzt Zeller-Kettler, im Hauptberuf Architektin, sich nämlich ans Spinnrad und macht Garn aus Hundwolle. Aktuell hat sie wohl Bobtail auf der Spule. Ganz sicher ist sie nicht. Nicht alle Besitzer teilen ihr mit, was für ein Hund der Spender ist.
Zeller-Kettler spinnt und strickt auf Bestellung. Wer seinen Hund ganz nah bei sich tragen möchte, sammelt beim Bürsten das Unterfell und schickt es mitsamt einem Strickmuster nach Bremen-Hemelingen. Zeller-Kettler liefert dann die Wolle oder gleich das fertige Textil. Jeden Handgriff erledigt selbst. Kunden finden sie über ihren Instagram-Account „diespinnt.de“.
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Die Aussgangssituation kann sich dann stark unterscheiden. Eine Kundin kam nach dem Tod ihres Hundes mit dem geretteten Fell aus dem Staubsaugerbeutel. Eine andere hatte Haar aus 13 Border-Collie-Jahren im Keller – genug für eine Jacke, einen Pulli und anderthalb Mützen, schätzt Zeller-Kettler.
Stricken tut sie schon seit dem Grundschulalter. Spinnen lernt sie vor ein paar Jahren bei einem Kurs der Landfrauen in Schwanewede. Auf die Idee mit dem Hundehaar kommt sie dann selbst. „Ich habe mir gleich das Schwierigste ausgesucht“, sagt sie. Wegen der kurzen Faserlänge ist Hundehaar viel schwerer zu verspinnen als Alpaka, Schaf oder Kamel, mit dem sie auch experimentiert.
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Nicht nur die Länge zeichnet das Hundefell aus. Zeller-Kettlers Garn ist flauschig wie Mohair und stark isolierend: „Hundefell wärmt so um die 70 Prozent mehr als Schafwolle“, sagt sie. Wenn sie für sich selbst arbeitet, mischt sie Alpaka unter. Sonst würde sie in ihrem Golden-Retriever-Pullover schwitzen.
Die Schwaneweder Landfrauen hatten im Spinnkurs allerdings einen anderen Einwand: „Hundehaar? Igitt!“, zitiert Zeller-Kettler deren Reaktion. „Das ist in unseren Köpfen“, sagt sie, findet das Unbehagen aber auch irrational. Anders als Schafe, die schon mal in den eigenen Exkrementen Platz nehmen, seien Hunde stubenrein. Viele Menschen streicheln sie gern. Auch auf dem Sofa würden die meisten eher einen Hund akzeptieren als Schafe oder ein Kamel.
Trotzdem tun sich selbst die Hundehalter schwer, die bei ihr Pullis beauftragen. Niemand hat ein Problem damit, der Wolle seines Berner Sennenhunds einen Anteil Alpaka beizumischen. Das Fell unbekannter Hunde dagegen löst Befangenheit aus – fast so, als wäre das kein Tier mehr, sondern eine fremde Person. Auch Zeller-Kettler hat Grenzen. Einem Kunststudenten, der ihr sein eigenes Haar zum Verspinnen anbot, hat sie abgesagt. Stubenrein dürfte auch der gewesen sein.
Tatsächlich sind die Hundewoll-Mützen, die Zeller-Kettler auf ihrem Küchentisch ausbreitet, nicht nur ungewöhnlich weich, sondern auch duftig. Vor der Verarbeitung wird das Haar mehrfach gewaschen, mit Essig, mit einem Wollwaschmittel und am Ende noch mal – sehr langsam – bei bis zu 90 Grad. Nach dem Spinnen folgt noch ein Entspannungsbad, das den Drill aus der Faser nimmt.
Welchen Hund verstrickt die Expertin am liebsten? „Collie ist toll. Leonberger ist toll. Und weißer Schäferhund gibt unglaublich schöne Wolle“, antwortet sie. Pudel? „Es geht so.“ Dackel eignen sich zum Stricken gar nicht. Und geschorener Terrier, sagt Zeller-Kettler, war nur für Topfkratzer oder eine Fußmatte zu gebrauchen. Die Hunde zu scheren, ist ohnehin falsch. Damit die Faser nicht piekst, verwendet sie nur ausgebürstetes Fell. Ihr Credo: „Ich will etwas Hochwertiges abliefern.“
100 Gramm Wolle kosten bei ihr 50 Euro. Bei zehn Stunden Arbeit ergibt das einen Stundenlohn von 5 Euro – und auch das nur vor Steuer. Das Stricken eines Pullis schlägt dann noch mal mit 150 Euro zu Buche, bei schwierigen Mustern auch mit 200 Euro. Der komplette Pullover liegt am Ende etwa bei 400 Euro. Dafür hält er dann aber auch: „Ich habe Wollpullover, die sind 20 Jahre alt“, sagt Zeller-Kettler. „Wenn die Mode wieder kürzer wird, rebbel ich was auf.“ Der Wollpulli ist also nicht nur ein romantisches Souvenir für Herr und Hund – nachhaltig ist er auch.
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